295. Tag, Rest: 71 Tage 

Lebte ich schon mal in London? Ich bin durchaus eine Befürworterin der Wiedergeburt, denke da aber eher an einen schicksalhaften roten Faden, der sich durch Zeit und Raum webt. Ein konkretes Wo, Wann oder Wie kam mir nie in den Sinn.

Dann traf es mich wie ein Blitz, sofort nach der Ankunft in London Heathrow. Alles schien mir bekannt, eine tiefe emotionale Bezogenheit liess sich nicht zur Seite schieben. Und es kam noch ein weiterer, sehr konkreter Aspekt hinzu: Ich konnte mich vom ersten Tag an ziemlich gut in der Stadt orientieren. Ich hatte mich nicht vorbereitet, dazu fehlte die Zeit, und auch keinen Stadtplan bei mir, wozu auch, wenn George mich am Flughafen abholte?. Und doch bewege ich mich recht sicher in Londons Innenstadt. Wir waren bei der St Paul’s Cathedral an der Themse und wollten zum Covent Garden und ich zog George wie selbstverständlich mit. Er bemerkte es und liess mich machen. Ich war mir ganz sicher, welche Straßen uns zum Opernhaus führen würden. 

 

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Einer meiner Träume: Einmal im Royal Opera House in London unter den Zuhörern sein

 

In diesen Tagen fand ich eine hübsche Karte vom alten London in der Zeitung. Der Kupferstich wurde vor 300 Jahren von Johannes Kip erstellt. Über den Künstler konnte ich nichts näheres erfahren, aber er stammte wohl aus Holland. Sein Panaroma ist eine ganz aussergewöhnlich gute Arbeit und der Originaldruck wird in diesen Tagen versteigert. Der Blick des Künstlers ging vom Dach oder Balkon des Buckingham Palace. Und  das stellte man jetzt mit Kamera nach. Ohne Schwierigkeiten kann man die großen Landmarken, die die Jahrhunderte überdauert haben, gut auf beiden Bildern erkennen. Wer jemals in London war, wird sich bestimmt schell auf dem Foto orientieren können. Für alle anderen nenne ich mal die durchnumerierten Sehenswürdigkeiten.

 

past-time

 

Ganz links Piccadilly (1), dann die lange Straße Pall Mall (2), die auf den Trafalgar Square stößt. Dort steht die Kirche St Martin-in-the-Fields (3). In der Mitte die zentrale Achse The Mall, die direkt auf den Buckingham Palace zuläuft. Mittig, ganz am Horizont, ist die Kuppel von St Paul’s zu sehen. Das ist für mich das geographische Zentrum Londons.

Die langgezogene Grünfläche ist der St James’s Park (6), heute von einem Gewässer durchzogen, darin die Duck Island. Nördlich davon liegt heute die Downing Street, aber die gab es damals noch nicht. Rechts dann die Westminster Hall (7), hier werden Könige gekrönt oder aufgebahrt, und daneben die Westminster Abbey (8).

 

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Johannes Kip soll sein Stadtpanorama 1715 erstellt haben. Erst dachte ich, das kann doch gar nicht sein, denn St Martin-in-the-Fields wurde erst um 1725 gebaut. Als ich dann aber nachlas, fand ich die Erklärung. Sowohl die Kirche am Trafalgar Square als auch die St Paul’s Cathedral wurden mehrfach an derselben Stelle von Grund auf neu errichtet.

Ich weiß nicht wie es Ihnen ergeht, aber wenn ich mir die beiden Bilder ansehe, fühle ich mich sofort zuhause. Nun ist es leicht das moderne London zu erkennen, da sind genug markante Gebäude erstellt worden. Alleine das London Eye, das Riesenrad in der Themse, ist von überall gut sichtbar. Sogar vom Parliament Hill, im heimischen Hampstead können wir es bei klaren Wetter deutlich erkennen. Aber für mich ist da noch ein besonderes Geheimnis versteckt. Denn je länger ich mir das moderne Stadtpanorama ansehe, desto deutlicher scheint mir Hamburg dahinter durchzuleuchten. Und dabei gibt es objektiv betrachtet kaum Parallelen, aber subjektiv scheinen mir die Städte wie Zwillinge zu sein. Und das darf von “eingeweihten” engen Freunden sogar doppeldeutig verstanden werden 😉 

 

 

 

The boss himself says:

 

George says: “Fortunately you get lost in the forest of Hamburg-Wohldorf. Else we had never met in person. Do you remember the moment?

Ich sage: “Und ob ich mich an den kalten Dezembertag erinnern kann, als du plötzlich vor mir standst. Ja, das war wohl eine Fügung, dass ich jemanden nach dem Weg fragen mußte. Und irgendwie fand ich dich auf Anhieb ganz nett.” “Quite nice??? You was head over heels in love.” “Kein Kommentar.” 

 

 

Was passierte noch am 21. Oktober?

 

de 1951

Gottfried Benn erhält den Büchner Preis. – Gut, das geht in Ordnung. Aber warum

Bob Dylan den Nobelpreis bekommt, bleibt mir ein Rätsel. Für Literatur! Das muß

man sich mal vorstellen. Ich will es ihm aber doch gönnen, denn wer Ohren hat weiß,

dass er nicht besonders gut singt. Jedenfalls nicht gut genug, um jemals einen Grammy

zu bekommen. Bin gespannt, ob er sich in Oslo sehen lässt. Bisher konnte ihn wohl

niemand erreichen. Hier schon mal eine Kostprobe: “Once upon a time you dressed

so fine, threw the bums a dime in your prime, didn’t you?”

 

uk 1912

 

Der Dirigent Georg Solti wird in Budapest geboren. Im Krieg muß er in die Schweiz

fliehen. Erst arbeitete er in München und Frankfurt und kommt dann nach England.

Dort findet er ein neues Zuhause, gründet eine Familie und feiert im Royal Opera

House, in Covent Garden, über Jahrzehnte große Erfolge. Ich habe ihn zweimal live

erlebt; einmal mit den London Philharmonic Orchestra in der Hamburger Musikhalle

und einmal, im kleinen, fast privaten Kreis, in Lübeck. Unvergesslich.