53. Tag, Rest: 313 Tage

Gerade fange ich an, mich ernsthaft in die “Kultur des Sterbens” einzuarbeiten, da bremst der Boss mich aus. Er ist täglich mit dem Tod beschäftigt, denn er ist ein forensic pathologist. Durch ihn bin ich auf die Idee gekommen, einmal eine Verhandlung vor dem Coroner’s Court zu besuchen. Der englische Coroner nimmt im Todesfall Aufgaben war, die bei uns der Staatsanwalt erledigt. Ist ein Fall abgeschlossen, trifft man sich bei Gericht, um einen Bericht zu erstellen, der alle relevanten Angaben zum Tod des Betreffenden enthält. Diese Anhörungen sind öffentlich! Sie sind oftmals sehr emotional, denn es sind auch die Angehörigen dabei, die hier umfassend über alle Umstände des Todes aufgeklärt werden. Im konkreten Fall waren auch die Kinder dort, die laut weinten und natürlich auch voller Fragen waren. Der Engländer hält das aus, stellt sich der Situation und gibt Antworten. Das hat mir sehr imponiert.

gladstone Der frühere englische Premierminister Edwart Gladstone sagte: “Show me the manner in which a nation cares for its dead, and I will measure with mathematical exactness the tender mercies of its peoples, their loyalty to high ideals and their regard for the laws of the land.”

Aber darüber will ich gar nicht berichten, -wahrscheinlich werde ich ein neues Webprojekt über den Umgang mit dem Tod und den Toten in England und Deutschland starten (!)-, und nun kommt meine Hauptquelle und bremst mich aus. Oder war es gar nicht so von George gemeint, als er mich zu einem Besuch im Old Operation Theatre Museum einlud? Fast wäre ich wieder darauf reingefallen sofort an abendliche Unterhaltung zu denken. Aber das Wort ‘theatre’ nutzt der Engländer sowohl für die Theaterbühne als auch für den ärztlichen Operationssaal! Warum das in dieselbe Schublade geworfen wird, ist mir noch nicht klar, aber ich werde es herausfinden. 

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Vorne die St Thomas Kirche, dahinter das Shard Haus. Unter dem Kirchendach ein OP-Saal von 1822. Mehr Kontrast geht nicht. 

Das Museum ist in Southwalk, südliches Themseufer. Wir können ohne Umsteigen mit der Northern Line hinfahren. An der Underground Station ‘London Bridge’ steigen wir aus und müssen nur einen kurzen Weg gehen. Dann sind wir da, vor der St Thomas Church, gleich neben dem höchsten Gebäude von London, dem Shard. Ich staune nicht schlecht, denn der historische Operationssaal ist direkt unter dem Dach zu finden. Gleich über dem Kirchenschiff wurde operiert. Das ist hier kein Nachbau, sondern das Original. Es waren Mönche, die bereits im 13. Jahrhundert hier bauten und tätig wurden. Später kam eine berühmte Ordensfrau hinzu, nämlich Florence Nightingale. Ich kenne sie aus dem Englischunterricht und dachte immer sie wäre eine fiktive Figur!

Ich bin nicht empfindlich, wenn ich Aufnahmen aus einem Seziersaal sehe. Ich kann mir auch ein Video einer Leichenöffnung ansehen, ohne Ekelgefühle. Ich finde es oft so interessant, dass ich jede emotionale Wertung schlicht vergesse. Aber als wir in diesen Operations- und Hörsaal eintreten, wird mir sofort mulmig. Die Vorstellung auf dem Holztisch liegen zu müssen, verursacht mir schmerzhaftes Ziehen im Gedärm. George macht die Sache nicht besser, als er mir erzählt, dass die Narkose erst 1822 eingeführt wurde und man deshalb vorher möglichst schnell operierte. Für eine Amputation haben die Ärzte damals weniger als  eine Minute benötigen. Nahmen sie eine Axt? Und mir wären auch 30 Sekunden sägen zu lang. 

Obwohl man weder Narkose noch steriles Arbeiten kannte, scheute man sich nicht vor aufwendigen Operationen. Weil ich mit dem Wort ‘trepanning’ nichts anfangen kann, hilft George mir weiter: Schädelbohrung. Das würde er mir jetzt gerne detaillierter erklären, da ist er ganz in seinem Element, aber ich drehe ab und wanke Richtung Ausgang. Genug für heute.

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Links ein Seziertisch aus dem 19. Jahrhundert, rechts eine moderne Leichenhalle. Hier gilt der Satz ‘Früher war alles besser’ bestimmt nicht.

George hat Hunger bekommen, ich hätte gegen einen Drink nichts einzuwenden. The Shard, bzw. das Restaurant im dortigen Shangri-La Hotel ist uns heute zu teuer, im nahegelegenen George Inn waren wir schon neulich, also fällt die Wahl auf The Horniman (at Hay’s). Ein ‘after work social’, also ein Pub für das Treffen nach Büroschluß. Man kann aber auch schon mittags dort essen und trinken. George hält Wort und bestellt sich ein ‘Honey glazed ham hock’. Eine Schweinshaxe mit Honigkruste. Guten Appetit. Ich bestelle einen Cider, den nur schlückchenweise trinke. Why are you sipping the glass? Anything wrong? Er hält mir die Gabel mit einem saftigen Stück Schinken vor die Nase und ich versuche es einfach mal. Gar nicht schlecht. Das bringt mich wieder auf die Beine und George muß mit einer halben Portion zufrieden sein.

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Bis 1969 war der Londoner Hafen in Betrieb. Die Schiffe löschten ihre Ladung at Hay’s Wharf oder Canary Wharf.

Eigentlich sind wir hier mitten im ehemaligen Hafen, erklärt er mir. Bis 1969 war der in Betrieb und deshalb kennt er ihn noch aus eigener Anschauung. Früher hieß dieses Gebiet “Larder of London”. Hier legten die Handelsschiffe an und wurden rund um die Uhr be- und entladen. Hier standen riesige Speicherhäuser. Der Name des Pub hat dort seinen Ursprung. Er erinnert an Frederick Horniman, einer der bedeutensten Teehändler Englands. Und Hay’s Wharf war der größte Lagerplatz*) in the Port of London. Heute steht hier die Hay’s Galleria, eine Einkaufspassage mit etlichen Restaurants und Shops. Von den alten Speichern sind die Grundmauern stehen geblieben. Für einen Besuch ist es heute zu spät, das werden wir nachholen.

 *) Wharf heißt nicht etwa Werft sondern Kai oder Umschlagplatz. Oft sind die Speicher- und Warenhäuser gemeint.

The Old Operating Theatre Museum ist täglich von 10:30 – 17:00 Uhr geöffnet. Wir haben £6.50 Eintritt bezahlt. Wenn sich eine Gruppe anmeldet (Tel.: 0044 20 7188-2679), bekommt sie einen kostenfreien Vortrag im Hörsaal geboten. Nichts für schwache Nerven oder vielleicht zutreffender gesagt für phantasievolle Naturen. Andererseits findet der Engländer es immer recht lustig, wenn sich jemand übergeben muß. Das ist ein Phänomen, das mich seit Monaten beschäftigt. Es gibt kaum eine TV-Familienserie ohne diesen Gag. Alle freuen sich diebisch, wenn es passiert. Im Sprachgebrauch nutzt man das Wort ‘to vomit’. Wenn es aber intensiver wird, spricht der Engländer von: thsoul from the body kotzen (!)’. Und darauf bestelle ich mir jetzt doch noch einen Gin. Prost.

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Der alte OP-Saal. Oben saßen Studenten. Sie können als Gruppe hier auch einen Vortrag hören, evtl. Patienten sind mitzubringen.

The boss himself says:

George says: „The picture of the modern morgue looks pale. It becomes more colourful when I start working.

Und ich: “Gerade habe ich um Verständnis für deine Tätigkeit geworden, das machst du es mit einem Satz zunichte.” 

Was passierte noch am 22. Februar?

de 1807  

Scheint ein beliebter Geburtstag zu sein: George Washington, Arthur Schopenhauer,

Frédéric Chopin, August Bebel, Heinrich Hertz, Horst Köhler und Niki Lauda. Und noch

eine feiert heute ihren Geburtstag: Die Münchner Weißwurscht. 

uk 1997 In Roslin, Scotland, scientists announce that an adult sheep named Dolly has been

successfully cloned. Baaaah! Wohlhabende Londoner clonen inzwischen ihre Hunde.

Ob sich George was Kopierfähiges von mir eingefroren hat? Bei Gelegenheit mal fragen.