174. Tag, Rest: 192 Tage

Es gibt etwas, dass ich wirklich vermisse, wenn ich nicht in London bin. Ich merke es schon am Morgen beim Frühstücken. Da fehlt mir etwas ganz Wichtiges. “Me????” Aä, ja, auch. Ich fahre jetzt gedanklich aber auf einem ganz anderen Gleis. Ich denke nämlich an die Morgenzeitung. Ja, klar habe ich auch in Deutschland meine gedruckten Nachrichten am frühen Morgen, aber der Inhalt befriedigt mich einfach nicht. Dabei unterscheidet er sich thematisch gar nicht so sehr. Die Engländer bieten mir regelmäßig: UK, world, sport, opinion, culture, business … Das findet sich auch in unseren Zeitungen, vielleicht in leicht anderer Reihenfolge. 

mattWas also fehlt mir in der morgendlichen Lektüre? Mir fehlt der Humor, die gute Laune, der Cartoon auf der Titelseite, die stets konstruktive Berichterstattung, egal wie ernst das Geschehen ist. Es ist gar nicht so einfach zu beschreiben, weil es mehr ein Gefühl ist und erlebt werden will. Aber vielleicht kann ich es Ihnen doch vermitteln, wenn ich eine Rubrik vorstelle, die man in jeder englischen Zeitung findet. Sie heißt: Half full. Dort berichtet man über Lösungen, Innovationen und Antworten. Und zwar auf aktuelle (politische) Probleme. Weil ich gerade eine Ausgabe des Guardian hier liegen habe, kann ich wörtlich zitieren: “News is not always a glass-half-empty story. This series stresses the positive, constructive, inspiring and solutions-oriented work people are doing around the world to tackle the big issues of our time.” Mir gefällt diese Sichtweise, die am Geschehen nichts ändert, den Leser aber Mut macht, sich auch mit den Schattenseiten der Weltpolitik zu beschäftigen, ohne in lähmende Tristess zu fallen.

Nun ist es keine Erfindung des Guardian oder der englischen Tagespresse, die Dinge stets optimistisch zu betrachten. Das ist ein Wesenszug des Engländers, der ihn mir ungemein sympathisch und interessant macht. Weil es ihm wichtig ist niemals die Stimmung in den Keller zu ziehen, sondern stets zu heben, wurde jetzt innerhalb dieser Rubrik ein neues Unterthema eingeführt: Some positive news. Die Journalisten stellen sich selbst die Frage, warum Nachrichten immer überwiegend schlechter Natur sind. Und geben uns auch gleich eine einfache und doch kluge Antwort: “Ordinary people leading quiet lives do not often make for thrilling stories.” Mit anderen Worten, die Vorbilder langweilen. Viel zu viele Menschen fühlen sich heute nur noch dann lebendig, wenn sich ihre Gedanken mit Krieg, Zerstörung und Gewalt beschäftigen. Das ist alarmierend und hat Folgen, die sich jeder selbst zu Ende denken darf.

 

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Lassen Sie mich philosophisch fortfahren. Jede Tat beginnt durch einen Gedanken. Griffiger formuliert: Am Anfang steht das Wort. Und so hat es eben Wirkung, wenn wir täglich mit überwiegend negativen Inhalten uns gedanklich beschäftigen. Wir können dem ja gar nicht entkommen (Zeitung, TV, Radio, Gespräche …). Die Welt wird nicht besser, wenn wir über ein Attentat in allen Details informiert werden, es hilft höchstens Nachahmern es nun selbst zu versuchen. Aber wenn das stimmt, dann muß auch der Umkehrschluß richtig sein. Den kann ich wieder im Guardian lesen: “If we publish more examples of people trying to do inspiring things, perhaps it can inspire us all to make our world a little better.” Ich stimme dem hundertprozentig zu und was mich am meisten begeistert ist, dass ich (und jeder andere) sofort aktiv damit anfangen kann. Kontrollieren Sie bitte Ihre täglichen small-talks. Werden Sie sich bewußt, was Sie der Nachbarin, der Freundin, den Kindern erzählen. Sie sollen sich nicht verstellen oder gar lügen. Aber bekommen Sie einen positiven Dreh. Schaffen Sie es dem Gesprächspartner ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern? Hat er nach der Begegenung mit Ihnen ein kleines bißchen mehr Energie und Freude als vorher? Man kann das trainieren und bekommt ein hohe Belohnung, die ich gerne verrate. Man wird unwiderstehlich begehrenswert! Alle Menschen suchen auf einmal die Nähe zu Ihnen; man wird zum Sympathieträger und steht unbeabsichtigt im Mittelpunkt der wohlwollenden Aufmerksamkeit. Und dort ist noch nie jemand krank geworden. Also, ein guter Deal.

 

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Wenn uns “size-zero” präsentiert wird, und so getan wird, als wäre Magerkeit normal, dann hat das direkte Folgen auf unsere Selbsteinschätzung und unsere Handlungen. – Übrigens beginnt es im Kinderzimmer mit der ersten Barbie Puppe.

 

 

 

The boss himself says:

George says: “‘Good news’ stories about what is being done to counteract problems. This sort of material is used only as filler. Why is ‘bad’ news seen as the ‘real’ news?

Ich sage: “Wäre es möglich, dass du mir täglich eine gute Nachricht schickst? Ein nettes Wort, ein witziger Einfall, ein lieber Gedanke?”  “I have no problem with that. We should ideally start right away.

 

 

 

Was passierte noch am 22. Juni?

de 1974

Im Hamburger Volksparkstadion gewinnt die DDR das WM-Vorrundenspiel 

gegen die bundesdeutsche Auswahl mit 1:0. – Hoffentlich stellt jetzt jemand

die Frage: “Wie? Haben wir uns selbst besiegt?”

uk 1675

König Karl II. von England gründet das Observatorium in Greenwich, das seit 1884

den Nullmeridian markiert. – Ein Ausflug nach Greenwich lohnt sich, am besten

mit dem Schiff. Da ist noch mehr zu entdecken.