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Die Engländer sind in Sorge. Sie fragen sich: Why are we losing our national pride? Ich sehe mich um, zähle die Union Jacks, die in Sichtweite das Haus schmücken und höre bei siebzehn auf zu zählen. Betrachten wir doch bitte einmal dieses nicht gestellte Foto. Ein Schnappschuß.

 

jubilee

 

Hier feiern Nachbarn ein Straßenfest. Anlass ist das Queen’s Diamond Jubilee. Also man feiert sich nicht selbst, sondern freut sich mit der Königin. Tapeziertische wurden zusammengestellt. Darauf selbsgebackener Kuchen, Wein, Cider und Limonade für die Kinder. Die Tischdecke trägt das Muster der Nationalflagge, der Union Jack ist als Wimpel und als Fahne zu sehen und ausserdem sind die Luftballons in weiß-blau-roter Farbe. Damit aber nicht genug. Kaum einer (keiner?) verzichtet in seiner Kleidung auf die nationalen Farben. Weisse Hosen, rote oder blaue Hemden, lustige Kappen, Union Jack ties und Hosenträger. Ich garantiere ihnen das farbenfrohe Kreuz schmückt auch die meisten Unterhosen. Ob das auch bei uns möglich wäre?

Also ich stelle mir mal vor, ich würde zum Straßenfest einladen. Nehmen wir mal an, es kommen einige Nachbarn dazu und wir fangen an die Tische am Straßenrand aufzustellen. Na dann dauert es doch gar nicht lange und ein Anwohner öffnet seine Haustür. Kommt auf mich zu und fragt nach meiner Genehmigung. Ist das auch angemeldet? Mein ‘nein’ wird ihn dann ermutern, rechthaberisch zu argumentieren: Sie versperren die Straße, den Weg. Sie dürfen hier gar nicht feiern. Sie befinden sich auf öffentlichen Grund. Sie verstoßen gegen das Lärmschutzgesetzt, die Verkehrsordnung, die guten Sitten und alle Gewohnheiten. Ich rufe jetzt die Polizei.

Sie finden ich übertreibe ein bißchen? So schlimm sind wir gar nicht? Mag sein, aber wenn ich dann die deutsche Flagge auspacke, dutzende scharz-rot-goldene Wimpel im Wind flattern lasse und George schließlich mit deutscher Fliege und schwarz-rot-goldenen outfit erscheint, dann wird wohl doch nanü-nana zu hören sein.

Die Briten kriegen langsam ein Problem. Ihr Einigeln auf der Insel funktioniert nicht mehr. Die Menschen machen immer häufiger Urlaub im Ausland, das Internet kennt sowieso keine Grenzen und die jungen Leute studieren und arbeiten zunehmend auf dem Kontinent, um ihre Karriere voranzutreiben. Diese Kontakte bleiben nicht ohne Wirkung. Der Engländer wird weltoffen und ändert sich. Und zwar rasend schnell, da wird in einer Generation nachgeholt was seit Jahrhunderten versäumt wurde. Großbritannien regierte über ein Weltreich in dem nie die Sonne unterging, aber man trug die englische Kultur immer im Koffer bei sich. England war eine Kolonialmacht. Man absorbiert, passte sich aber niemals an. Gandhi hatte es erkannt und nutzte es geschickt für seine Zwecke.

 

union-jack
Die Flagge gehört zur Grundausstattung. Gerade habe ich Nachschub bestellt. All sizes and shapes.

 

Der Daily Telegraph schrieb in diesen Tagen: “A younger, more internationally-minded generation who, crucially, are more likely to have been to university than ever before, are only a third as likely to feel a “strong” sense of national pride than those who grew up in the shadow of the Second World War.” In 2013 wurde weltweit ermittelt, wie stolz die Menschen auf Ihre Nation wären. England kam nur noch auf einen Mittelplatz. Nur 35% antworteten mit very proud. Den letzten Platz nahmen die Deutschen ein. Keine 18% mochte sich bejahend zur Nation bekennen. Soll man darauf nun stolz sein? Bei den Engländer ändert sich das Empfinden. Das sieht man deutlich, wenn man nach Altersgruppen unterscheidet. Während die über 75-jährigen zu 66% Nationalstolz empfinden, sind es bei den 20-jährigen nur noch 20%. Das mag sich ja im Laufe des Lebens noch ändern. Das Königshaus ist gut aufgestellt, die nächsten Generationen haben das Zeug zur Begeisterung. Und die Politiker? Nun, sie habe es selbst in der Hand. Erschafft Bedingungen unter denen Menschen ihr ganzes Potential entfalten können. Sei es im Beruf, in der Familie oder in der Freizeit. Sei es für Mann oder Frau. Für den Menschen, das Tier oder die Pflanzen. Das kann man nicht schaffen? Das ist Wunschdenken? Wer sich das nicht zutraut, gehört nicht in die Politik.

Die Engländer sind da anspruchsvoller. Sie erwarten von ihren Leuten den ganzen Einsatz für die Nation. Und zwar Kopf, Herz und Seele. Die Royals wissen das und leben es vor. Nach der Umfrage war man überrascht und ein wenig besorgt wie es denn wohl weitergehen würde. Aber ich glaube noch ist England nicht verloren, denn einer formulierte es dann doch recht versöhnlich: “Britain you might end up with a population who say ‘my country’ but not ‘my country over anything’.” Ich glaube damit könnte man dann auch gut leben.

 

frack
Gute Kleidung hindert niemanden daran Farbe zu bekennen.

 

The boss himself says:

George: “I can’t help but I need sometimes my national anthem. – Mostly at football.

Und ich: “Ja, die höre und singe (!) ich auch gerne mit. Kostprobe gefällig?

 

Anmerkung: Der Link führt zum YouTube Video, dass bei der Last night of the Proms aufgenommen wurde. Es wird das Lied ‘Land of Hope and Glory‘ gespielt. Es ist eine der Nationalhymnen. Die offizielle Hymne ist ‘God Save the Queen‘ Aber das wird fast immer im Doppelpack gespielt und noch ein paar andere Sachen dazu. – Das Video zeigt natürlich auch den unnachahmlichen englischen Humor. So macht der Konzertbesuch auch jungen Menschen Spaß.

 

 

Was passierte noch am 23. Januar?

de 1945

Der gesamte Schnellzugverkehr in Deutschland wird wegen des Zweiten Weltkriegs 

eingestellt. Lediglich die internationalen Züge von Berlin nach Kopenhagen und Prag

verkehren bis April weiter.

uk 1967

Milton Keynes (England) is founded as a new town by Order in Council, with a planning

brief to become a city of 250,000 people. Its initial designated area enclosed three existing

towns and twenty one villages.