55. Tag, Rest: 311 Tage

Brexit? Wollen die Briten wirklich die EU verlassen? Now things get serious oder wie George es plakativer ausdrückt: “The band begins to play.” Letzten Samstag trat David Cameron vor die Mikrofone. Vorher hatte er das Kabinett zu einer Sondersitzung einberufen. Das war ein deutliches Signal, dass man in einer nationalen Krise steckt. Auch ein Premier Minister lässt am Wochenende die Arbeit ruhen. Völliger Verzicht auf kulturelles oder soziales Leben liegt ihm fern. Gut so. Während die deutschen Politiker gerne im Krisenmodus arbeiten und sich nur noch in Nacht- oder Wochenendsitzungen präsentieren, ist der englische Politiker deutlich geerdeter. Er lebt nicht nur normaler, sondern drückt sich auch in Interviews verständlicher aus. Das kam mir entgegen, als ich das Geschehen der letzten Tage in den Zeitungen verfolgte.

mattJetzt steht also tatsächlich die Entscheidung an, ob Great Britain in der EU bleiben wird! Ein Austritt war für mich bisher undenkbar, aber inzwischen sind namhafte Politker für den Brexit. Wie konnte das alles passieren, will ich von George wissen. Der sieht auch gerade ziemlich verzweifelt aus, scheint aber mit anderen Problemen zu kämpfen. How can you buy croissants for breakfast? mault er ‘rum und hofft auf ein Wunder. Nein, heute gibt es keine gebratenen Würstchen und die Eier müssen ausgelöffelt werden. Sorry, heute wird deutsch gefrühstückt. Das fällt ihm richtig schwer und ich verstehe seinen Ärger erst, als ich mir vorstelle, man würde mir zum heißersehnten Mittagessen ein Hörnchen auf den Teller legen. Zum Glück habe ich noch ein paar Cornish Pasties im Kühlschrank, leckere Mürbeteigpasteten mit Fleischfüllung, die schmecken auch kalt sehr gut. Das rettet uns erst einmal. 

Also zurück zur Politik. Fast hundert Torries (Konservative), also Parteifreunde von Cameron, sind für den Austritt und stellen sich damit offen gegen den eigenen Leader. Genau das ist die Ursache des ganzen Dilemmas. Vor der Wahl im Mai 2015 gab es erhebliche Unruhen in den eigenen Reihen. Ein rechter Flügel hatte sich innerhalb der Konservativen gebildet und fing an Cameron zu kritisieren. Dessen Chancen auf Wiederwahl war wenig aussichtsreich, denn alle Umfragen sahen die Labour Party im Vorteil. Um kurzfristig die eigenen Leute zu beruhigen, stellte Cameron eine Abstimmung über den Verbleib in der EU in Aussicht. Das war eine Kernforderung der Rebellen. Das Versprechen von Cameron war vage, er nannte keinen Zeitpunkt. Niemand, auch nicht er selbst, rechnete mit seiner Wiederwahl. 

Dann hatte er gewonnen, war wieder Premier Minister und wurde von der eigenen Taktik in die Pflicht genommen. Alleine den Zeitpunkt der Volksabstimmung könnte er noch verzögern, denn er hat nie versprochen es sofort zu machen. Theoretisch bliebe ihm Zeit bis 2020, wenn die nächste Wahl ansteht. Aber die Angriffe aus den eigenen Reihen werden stetig massiver und es sind inzwischen fünf amtierende Minister unter den Brexit Befürwortern. Cameron muß handeln, sonst droht ihm Entmachtung. Deshalb entschied er sich wohl für den kurzfristig angesetzten Termin im Juni. Ich war immer hundertprozentig für einen Verbleib, war dann aber doch beeindruckt, als ich die Argumente für einen Austritt las. Als erstes wird die einfache und einleuchtende Erklärung gegeben, dass man nur Gesetzen folgen will, die die eigenen Politiker beschlossen haben. Weil man nämlich nur diese ggfs. auch wieder abwählen kann. Dasselbe gilt für die Steuern. Man will, dass über deren Verwendung nur Leute entscheiden, die man direkt wählen oder abwählen kann. Eigentlich leuchtet mir das ein, ich stimme durchaus zu. Dann wird ein Argument ins Feld geführt das mir neu ist. Man sagt die Europäische Union bzw. Idee ist ein total veraltetes Modell! Es wurde in den frühen 80-er Jahren entworfen und ist für die heutige globale Welt unbrauchbar. Zu groß, zu schwerfällig, zu langsam, zu starr, kurz gesagt ein politisch analoges Werkzeug für eine digitale Welt. Das ist ein interessanter Einwand, darüber lohnt es sich nachzudenken. – Ich vermag keine Antwort zu geben. Mir sind die politischen Probleme oft viel zu komplex, um sie im Detail zu verstehen. Deshalb bin ich auch grundsätzlich gegen Volksentscheide. Jedenfalls bei Fragen dieses Kalibers. 

aussteiger
Die prominentesten Gegner des Premier kommen aus den eigenen Reihen. vlnr: John Whittingdale (Kulturminister), Theresa Villiers (Ministerin f. Nordirland), Michael Gove (Justiz), Chris Grayling (Fraktionsvorsitzender), Iain Duncan Smith (Soziales) and Priti Patel (Arbeit).

 

Ich bin sehr gespannt was passieren wird. Ich denke die große Gefahr für England liegt gar nicht im Verbleib oder Austritt aus der EU, sondern in möglichen innerpolitischen Folgen. Sollte man sich gegen Europa entscheiden, dann wird Schottland sich abspalten und das wäre dann der eigentliche Totalschaden. Das ist auch ganz sicher nicht im Sinne der Queen. Und deshalb kann ich mir vorstellen, dass sie erstmals politisch Stellung beziehen wird. Sollte sie sich für den Verbleib von Großbritannien aussprechen, dürfte das erheblichen Einfluß auf die Wähler haben. Die Notbremse gibt es also und wenn es nicht anders geht, wird die Königin sie ziehen müssen. 

Did you realize the new design of the croissants? Meldet sich George zu Wort. Er hat inzwischen herausgefunden, dass man den süßen Geschmack neutralisieren kann, wenn man nur genug Salami oder Käse drauf legt. Ich gucke ihn wohl ziemlich entgeistert an, ahne dann aber was er meint. Die leckeren Hörnchen, die er der Länge nach halbiert hat, liegen wie zwei Baguetthälften auf dem Teller. Sind die nicht normalerweise rund? “Yes, of course. Croissant means crescent.” Stimmt, auf deutsch: Halbmond. Aber diese Hörnchen sind nicht gebogen, sondern schnurgerade. Was um alles in der Welt ist damit passiert? Und nun erfahre ich die ganze Geschicht, die den aus Frankreich eingewanderten Backwaren in den letzten Monaten widerfuhr. Es ist schockierend. Der Engländer ist ja im Umgang mit Messer und Gabel nicht besonders geschickt. Und so hatten die Insulaner große Probleme ihre Croissants, die sie gerne als Lunch Snack essen, mit Butter und Marmelade einzustreichen. Die Rundung kriegten sie nicht hin und rutschen dauernd mit dem Messer ab. Klacks, schon war die Konfitüre runtergefallen. Also protestierte man und boykottierte den Kauf der runden Dinger. Die Bäcker reagierten schnell. Statt halbrunder Form werden ab sofort nur noch gerade Croissants in England verkauft. “If crescent-shaped croissant would be protected by European law, we couldn’t never again enjoy our daily …”  Danke, ich habe es verstanden. Du wirst dich also auch gegen Europa entscheiden? “Maybe, but only in self-defence.” 

 

croissant
Croissant (crescent = Halbmond) sind ab sofort gerade geformt.

The boss himself says:

George says: „That English bakeries will not longer sell crescent-shaped croissants, istn’t any childish animosity towards the French, or for fear of demeaning the Islamic Crescent, but only because we prefer the straight kind, that is easier to spread with jam.

Und ich: “Die naheliegende Frage was dir wichtiger ist, Europa oder krummen Croissants, will ich mal lieber gar nicht stellen. By the way, schon irgendwelche Pläne mit der Banane? Und was ist mit dem Nationalgericht, sandwich with cucumber?” 



Was passierte noch am 24. Februar?

de 2005 Ein Großteil der berühmten Formation Wissower Klinken an der Jasmunder Kreideküste

der Insel Rügen stürzt in die Ostsee. – Nichts ist für die Ewigkeit. 

uk 1711

The London première of Rinaldo by George Frideric Handel, the first Italian opera 

written for the London stage. (Wie sagen, Georg Friedrich Händel.)