206. Tag, Rest: 160 Tage 

“What are we doing tonight?”, fragt mich George am Freitagmorgen und hat vielleicht genau wie ich genug von den West End Theatres und anschließenden Covent Garden und Soho Besuchen. Eine Zeit lang war das alles sehr aufregend, aber dann lässt der Reiz nach und Neues muß her. “Statt Entertainment und kulinarisches Amüsement könnte man es ja mal mit Bildung und Kultur versuchen?”, schlage ich vor. Er kontert: “Shakespeare is culture!” “Stimmt, aber haben wir je gemeinsam etwas von ihm gesehen?” “Of course, Hamlet in Barbican Center.” Oh, das hatte ich vergessen! Allerdings wurde der dänische König von Megastar Benedict Cumberbatch gespielt und den bringt man nun nicht auf Anhieb mit Shakespeare in Verbindung. Vermutlich sortierte mein Gedächtnis den Abend deshalb einer falsch beschrifteten Schublade zu.

Bevor wir nun gleich zuhause den Fernseher anmachen, könnte es ja mal ein Museumsbesuch sein. Das Angebot ist riesig, London hat unzählige davon. Und viele werden hoch gelobt. Neben der Tate Modern (moderne Kunst), muß das Victoria & Albert Museum (kurz: V&A, Kunstgewerbe und Design) genannt werden oder das British Museum (BM, Kulturgeschichte). Und wo ich schon dabei bin, natürlich auch das Natural History Museum. Alle sind mehr als einen Besuch wert.  

 
 
 
Die vier Photos im Slider im habe ich im Natural History Museum und im British Museum gemacht. Beide könnte man wochenlang besuchen, wenn man alles sehen möchte. Zum Glück zahlt man keinen (!) Eintritt und kann deshalb öfters vorbeischauen. Um eine Spende wird diskret gebeten und das fällt mir jedes Mal leicht, wenn ich sehe, was mir dort geboten wird. Ausserdem ist das Fotografieren erlaubt, was in den kostenpflichtigen Kirchen nicht der Fall ist. Und übrigens auch nicht im Buckingham Palace, der sowieso nur im Sommer (teilweise) geöffnet wird.

 

Mir steht aber der Sinn nach der Royal Academie of Arts, denn darüber hatte ich gerade etwas gelesen. Das Haus liegt nahe Piccadilly Circus und bietet eigentlich immer Ausstellungen herrausragender Künstler an. Aktuell reicht das Angebot von David Hockney bis zu Ai WeiWei. Und das beste, freitags ist bis 22:00 Uhr geöffnet. Perfekt. Gut, hinterher landen wir dann natürlich automatisch doch wieder in Covent Garden oder Soho, aber dort sind so viele Gelegenheiten zum Essen und Trinken, das ich bisher noch immer was Neues entdeckt habe.

Und als ich mich dann so Stück für Stück in die Anzeigen der Londoner Museen einlese, fällt der Groschen. Wir sind wohl nicht die einzigen, die am Freitag Abend auch mal eine Ausstellung besuchen wollen. Viele der Häuser haben an diesem Tag länger geöffnet. Sogar die National Gallery am Trafalgar Square lässt freitags ihre Türen bis neun Uhr abends geöffnet. Gute Gelegenheit mal kurz reinzuschauen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit bleibt es nicht beim Kurzbesuch, man kommt wieder, denn so viele herrliche Gemälde findet man selten an einem Ort. Diese großen Museen sind an einem Tag oder gar nur Abend nicht entdeckbar. Das braucht mehr Zeit. Aber nirgends steht geschrieben, dass man es auf einen Rutsch machen muß. Wichtig ist es den Anfang zu finden und das kann durchaus an einem abendlichen Kurzbesuch passieren.

  

dippy
The National History Museum. Man steigt in South Kensington aus und geht zur Cromwell Road. Dann sieht man das Gebäude. Es ist schon von außen beeindruckend. Alt und mächtig wie eine Kathedrale. Im Sommer ist freitags bis 22:00 Uhr geöffnet. – Dippy ist noch immer die Attraktion, obwohl er einem Blauwal weichen mußte. Weil aber niemand genug Platz für den Dino hatte, blieb er einfach im BM wohnen. (Illustration: James Francis Wilkins)

 

Übrigens können Sie im Sommer natürlich auch eines der zahlreichen Proms Konzerte besuchen. Es muß ja nicht immer das weltberühmte Finale sein. Bis zum 10. September findet so gut wie täglich eine Veranstaltung statt. Die Tickets dafür sind sehr preiswert, denn das ist der Grundgedanke: Klassische Musik für jeden erschwinglich. Werke von Bach, Ravel, Strauss, Beethoven, Mozart, Wagner, Verdi und natürlich Haydn stehen auf dem Programm. Sie werden immer von hervorragenden Musikern und Dirigenten vorgetragen. Die meisten Konzerte finden in der Royal Albert Hall statt. Experimentiert wird im Imperial College. Am Family Day bringt jeder sein eigenes Instrument mit und spielt einfach mit. Ich habe mir mal den 4. August angekreuzt, denn da wird Brahms gespielt und über sein Leben in Hamburg erzählt. Ich bin sehr gespannt. George kann mit dem Namen Rabindranath Tagore etwas anfangen und will mehr über sein vertontes Gedicht ‘The gardener’ erfahren. Sie sehen, das Angebot reicht weit. Ab knapp 10 Euro ist man dabei.

  

 

The boss himself says:

George says: “‘Let’s go to the National Gallery. There’s an exibition this week, that’s named ‘With the forensic eye’ or something like that.”

Ich sage: “Machen wir.” Wenn der wüßte. Hier geht es um den detaillierten Pinselstriche. Nach der Führung kann man erkennen ob Michelangelo oder Konrad Kujau das Werk gemalt hat. Wer weiß, wo und wann man das mal verwenden kann. Da reiben sich dann alle wieder die Augen.

  

  

Was passierte noch am 24. Juli?

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1943: Die Operation Gomorrha, die Zerstörung Hamburgs durch alliierte Luftangriffe, beginnt. – Ein trauriges Kapitel Kriegsgeschichte; meine Mutter war Zeugin.

uk

 

1943: Operation Gomorrah begins: British and Canadian aeroplanes bomb Hamburg by night, and American planes by day. By the end of the operation in November, 9,000 tons of explosives will have killed more than 30,000 people and destroyed 280,000 buildings. – London wurde vom 7. September 1940 bis zum 16. Mai 1941 täglich von der deutschen Luftwaffe angegriffen. Man erinnert es noch heute als ‘The Blitz’. Rund 43.000 Zivilisten fielen den Bombenangriffen zum Opfer und über 1 Millionen Häuser wurden alleine in London beschädigt oder zerstört.