176. Tag, Rest: 190 Tage

George hat nichts dagegen wenn ich seine Post öffne. Im Gegenteil, alles was nach Rechnung aussieht, überlässt er mir gerne. Administration ist nicht gerade seine Stärke, obwohl er nicht ungeübt ist. Und so mache ich auch den Brief mit dem beeindruckenden königlichen Stempelabdruck auf. Er ist von der HMRC, was für Her Majesty’s Revenue and Customs steht und nichts anderes als Finanzamt bedeutet. Das englische Steuerjahr startet immer am 6. April. Bis dahin muß man seine Erklärung abgegeben haben; George hat es fünf-vor-zwölf geschafft. Erstaunlich dass die Antwort schon da ist, denn auch in England mahlen die Mühlen des Fiskus eher langsam. Aber dann traue ich meinen Augen nicht, da steht säuberlich auf feinem Papier geschrieben: “Dear Sir, thank you for paying us on time. Signed, the taxman.” Soll das ein Witz sein? Nein, das ist höflicher englischer Umgangston, man teilt eigentlich nur mit, dass man die Unterlagen erhalten hat und nunmehr bearbeitet. Tja, erwartet man jetzt ein ‘my pleasure’ oder warten wir einfach ab? – Wir warten und fahren erst einmal mit dem Auto in die City, nach Holborn.

 

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Auf einer der großen Kreuzungen kommt uns ein Motorradfahrer gefährlich nahe. Aber das ist keine Angelegenheit, beide, George und der Biker, bremsen und einigen sich dann mühsam, wer zuerst losfahren darf. Nicht das man dem anderen den Vorzug nicht gönnt, ganz im Gegenteil, niemand traut sich vorzupreschen. Und so tauschen die beiden ein nicht enden wollendes “after you” – “oh no, please after you” aus. Ich kriege gerade noch mit, dass der Motorradfahrer tatsächlich ein L für Learner hinter seinen Windschutz geklemmt hat. Mit anderen Worten, der gurkt hier ohne Führerschein durch den dicksten Londoner Verkehr.

 

learner

 

Immerhin gibt mir das viel Zeit noch ein paar Fotos aus dem Auto zu schießen. Und der Platz ist wie geschaffen dafür. Wir sind in Holborn an der Chancery Lane Station und gegenüber steht ein imposantes Gebäude. Es sieht wie eine Filmkulisse aus. Würde jetzt die Tür aufgehen und Heinrich der Achte auf die Straße treten, wäre es stilistisch in Ordnung. Solche alten Gebäude, mit weissen Fachwerkfeldern und dunklen Eichenbalken sind tatsächlich im Zeitalter der Tudors gebaut worden. Und dieses Haus ist sogar noch im originalen *) Zustand. Wow. 

*) Sechshundert Jahre hat es allen Widrigkeiten getrotzt, aber 1944 wurde das Staple Inn schwer von der deutschen Luftwaffe getroffen. Eigentlich war es nur noch ein Ruine. Wie aber an vielen Stellen, haben die Londoner alles zum Wiederaufbau verwendet, was noch irgendwie zu retten war. Deshalb sind die Eichenbalken tatsächlich im orignalen Zustand.

 

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Man nennt das Haus “Staple Inn”, jeder Taxifahrer kennt es, und es wurde tatsächlich schon im 13. Jahrhundert errichtet. Der große Londoner Brand, der ganz in der Nähe St Paul’s vernichtet hatte, hat um dieses prachtvolle Gebäude einen Haken geschlagen. Das Staple Inn diente wohl anfangs den Wollhändlern als Verkaufs- und Umschlagplatz. Tatsächlich ist es nur etwa einen halben Kilometer von der Themse entfernt, wo sicherlich die Schiffe lagen, die die Ware in die Welt mitnahmen. Zum Beispiel nach Hamburg. Natürlich wurde das Haus mehrfach restauriert und auch baulich erweitert. Der Name “Inn” deutet nicht auf eine Gaststätte hin, sondern hat Bezug zu den nahegelegenen Inn Fields, wo die Juristen zuhause sind. Ich hatte kürzlich davon erzählt.

 

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Beim Vorbeifahren konnte ich zwar nur den Schriftzug ‘Vodafone’ und ‘McDonald’s’ lesen, aber ich bin mir sicher in diesem Haus auch einen Pub oder ein Café zu finden. Auf jeden Fall notiere ich mir die Adresse, um demnächst einen längeren Ausflug dorthin zu machen. Dann aber mit der Underground und zu Fuß.

 

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The boss himself says:

George says: “‘A pub near Staple Inn? What about ‘Inn of Court’, ‘Sir Christopher Hatton’ or ‘Ye Olde Mitr’?

Ich sage: “Wieso kennst du in Nord-London soviele Kneipen? Hast du dein Studium als Taxifahrer finanziert?” “No, I keep always my eyes open when I’m on night duty.” “Also wenn du nachts los mußt, gehst du ein Bier im Pub trinken?” “Of course not, perhaps sometimes afterwards.” “Ich glaube wir müssen ‘Notfall’ noch mal neu definieren.”

 

 

 

Was passierte noch am 24. Juni?

de 1966

Die Beatles beginnen ihre Deutschlandtournee. – Yeah, yeah, yeah. Übrigens

bringt man in England nicht vieles mit Hamburg zusammen aber die meisten

kommen nach etwas Nachdenken auf die Beatles. Stimmt, hier ging alles los.

uk 1509

Henry VIII and Catherine of Aragon are crowned King and Queen of England. – Na,

das passt doch hervorragend zum heutigen Bericht aus London. Damals war das 

Staple Inn schon längst in Betrieb, Heinrich wird es gekannt haben.