145. Tag, Rest: 221 Tage

Wären die Folgen nicht so dramatisch, würde ich gerne fragen wie man so tollpatschig sein kann. Das wäre aber unangemessen. Alleine in der letzten Woche kam der Londoner U-Bahn Verkehr gleich dreimal zum Stehen. Erst war im Süden der Stadt ein Mann mit einem einfahrenden Zug kollidiert und hatte sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Einen Tag später ereignete sich ein tragischer Unfall auf derselben Linie, als jemand absichtlich (?) auf die Schienen gestoßen wurde und unter eine Bahn geriet. Das Opfer überlebte schwerverletzt. Ein Alptraum, auch für die Rettungskräfte. Montag morgen, -bei uns Feiertag, aber in London ein ganz normaler Arbeitstag-, stand dann wieder alles still. Mitten in der rush-hour, die in England morning peak-time heißt, war für die vielbenutzte Metropolitan Line am Bahnhof Harrow Endstation. Das liegt im Nordwesten der Stadt, bei Wembley, und dort fährt die Underground oberirdisch. 

 

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Dichtes Gedränge im Berufsverkehr. Das ist in London normal. Fast immer bleiben die Leute ruhig und geduldig.

 

An vielen Bahnhöfen sind inzwischen keine Schaffner mehr beschäftigt. Die Zugführer müssen selbst entscheiden, wann sie die Türen schließen können. Das ist nicht so einfach, denn es wollen täglich vier Millionen Menschen in die Stadt und abends wieder nach Hause fahren. Das Gedränge ist groß, jeder will noch mit. Der Fahrer kontrolliert über einen Bildschirm, ob die Türen frei sind und gibt dann das Signal: Please enter, doors close automatically … Und genau das war heute morgen an einigen Bahnhöfen nicht möglich. Das gute Wetter war Schuld. Die Sonne stand zwar noch tief aber schon strahlend hell am Himmel und reflektierte auf dem Monitorglas so sehr, dass es unmöglich war ein Bild zu erkennen. 

 

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Harrow ist ein typischer kleiner Underground Bahnhof, ohne Personal und oberirdisch gelegen. Der Zugführer muß sich selbst abfertigen, kann aber auf dem Monitor, vorne rechts, nichts erkennen. Lehnt er sich aus dem Fenster, kann er das Zugende auch nicht sehen, denn der Bahnsteig ist leicht gebogen.

 

Der Zugführer hat seinen Anweisungen zu folgen. Wenn er nicht sehen kann, ob die Türen frei sind, dann darf er sie nicht schließen und kann auch nicht losfahren. Also blieben einige Züge stehen, was im zentralen Stellwerk sofort registriert wurde und dazu führte, dass alle nachfolgenden Züge ebenfalls ausgebremst wurden. Die übliche Kettenreaktion setzte ein. Erst kommt eine Linie zum Stillstand, bald darauf wirkt es sich auch auf andere aus. Sehnsüchtig wartete man an den betroffenen Haltestellen auf Hilfspersonal, das nun dem Zugführer bei der Abfahrt assistieren. Das dauerte. Wer den morgendlichen Berufsverkehr auf Londons Strassen kennt, stellt sich auf Stunden ein. Schneller wäre es mit der Bahn gegangen, aber die fuhr ja nicht! 

 

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Schlimmes passierte am Bahnhof Kennington. Ein schwerverletzter Mann mußte vor Ort behandelt werden. Er war nicht transportfähig. Helfer bauten einen Sichtschutz auf. Die Northern Line stand stundenlang still.

 

Wenn nix mehr geht, hängt man erst einmal das stets griffbereite Schild an das inzwischen geschlossene Scherengitter am Bahnhofseingang. Darauf steht: We apologize for any inconvenience caused by these delays. Prima, damit wäre das Wichtigste erledigt, die Entschuldigung. Für ganz neugierige Fahrgäste schiebt man noch einer Erklärung per Lautsprecherdurchsage hinterher: We’re being held up because of what has now been branded the ‘wrong kind of sun’. Das ist doch originell und zwingt fast zur Gegenfrage: Welche Sonne wäre denn die richtige? Ja, dieser Begriff ‘wrong kind of sun’ ist inzwischen tatsächlich in den Londoner Wortschatz eingedrungen. Ich erinnere mich an den letzten Winter, als die tiefstehende Dezembersonne um die Mittagszeit schon einmal das Problem auslöste. Damals sagte man tröstend: Im Winter scheint die Sonne nur selten und im Sommer steht sie viel höher und kann uns nicht blenden. Wohl wahr, aber nun stellt sich raus, dass im Frühjahr die tiefstehende Morgensonne blendet. Wer hätte das ahnen können. Ich sage heute schon voraus, dass dasselbe Phänomen auch in den frühen und späten Tagesstunden im Sommer passieren kann. Damit mache ich mich zwar ziemlich unbeliebt bei den Engländern, denn sie mögen solch’ nüchterne Betrachtungsweise nicht. Für sie ist es typische deutsche Denkweise: gründlich, genau und langfristig. Heimlich aber werden sie mich bewundern, dass ich es so exakt vorhersagen konnte. They are very efficient, aren’t they? Yes and so boring. 

 

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Die Bahn steht mal wieder. Schnell das Schild rausstellen und abwarten. Immerhin wird der Fahrgast informiert. Das habe ich in Hamburg schon schlechter erlebt.

 

 

The boss himself says:

George says: “It’s ridiculous. For the second Monday in a row the Northern Line is in the blink again, third time in seven days. Happy Monday indeed

Ich sage: “Ich fahre zwar in Hamburg meistens (eigentlich immer) mit dem Auto. Trotzdem glaube ich, dass die U-Bahn bei uns zuverlässiger fährt. Allerdings sind es auch deutlich weniger Fahrgäste, Haltestellen und Linien. Wenn ich richtig zähle gibt es 13 Strecken in London und die vierzehnte ist gerade im Bau.


 

waltham
Und dann war auch noch dieser blinde Passagier unterwegs. Wenn auf der Victorian Line kein Zug mehr fährt, dann kann man ja mal nachgucken was der Grund sein könnte. Foxy war in der Station Walthamstow auf Achse. Die doofe Rolltreppe fährt in die falsche Richtung. Was soll er nun machen? Walthamstow ist einer der eher größeren Umsteige-Bahnhöfe im Nordosten Londons.

  

 

Was passierte noch am 24. Mai?

de 1956

In Lugano findet die erste Ausgabe des Eurovision Song Contest statt. Die Abstimmung

erfolgt geheim, nur die Siegerin Lys Assia wird bekanntgegeben. – (Keine Party? Keine

Life Schalte? Kein Voting? Wie langweilig. Übrigens Lys ist zwar Schweizerin,

betrieb aber später ein Hotel bei Lübeck. Dort habe ich gerne mal gegessen.)

uk 1998

The London to Washington, D.C., Concorde service begins. – Wieder was dazu

gelernt. Ich dachte die wäre nur in Paris gelandet.