207. Tag, Rest: 159 Tage 

Schon wieder geht ein Riß durch die Bevölkerung! Diesmal kann man sich in London partout nicht darauf einigen, wie groß der Unterschied zwischen Bikini, BH und blanker Busen ist. “Is it socially acceptable to catch a tan in a public place, e.g. Regent’s Park, without wearing a bikini or swimming trunks?” Das ist die alles entscheidende Frage und die kann nur von Fachmännern entschieden werden. Also machen wir uns auf in den local pub, wo es zum Glück einen großen Biergarten gibt. Bei diesen Temperaturen sehr angenehm. Leider denken sich das auch die Mücken. “Drink some Margaritas and the moscitos will look for another blood bar”, rät mir George. “Pass’ du mal lieber auf, dass die Blutsauger nicht auf deinem Kopf landen. Das könnte itchy Beulen geben.” Schnell setzt er die cap auf, ein unverzichtbares Kleidungsstück für baldies.  

strand
Sonnenbad im Bikini ist in Ordnung. Das stört niemanden, auch nicht im öffentlichen Park.

Im englischen Pub sitzt man selten am Tisch. Die meiste Zeit läuft man hin und her, holt eine neue Runde für alle vom Tresen ab und stellt sich dann mal hier, mal da, dazu. Die Männer bilden ihre eigene Gruppe, die ich aber heute argwöhnisch umkreise. Das da mal wieder Meinungen kundgetan werden, die unbedingt in diesen Blog gehören, war mehr als wahrscheinlich. Merken dürfen sie es natürlich nicht, denn dann sagen sie sofort das, was ich hören will. Zumindest nach ihrer Ansicht. Also spitze ich die Ohren und passe auf nicht über den Teppich zu stolpern. Ja, im Pub liegt ein großer Orient Teppich vor dem Tresen. Man spricht nicht ohne Grund vom zweiten Wohnzimmer. Ich möchte gar nicht wissen, wieviel verschüttetes Bier schon in das gute Stück eingesickert ist. Andererseits sieht er ziemlich sauber aus und macht die Atmosphäre erst richtig gemütlich. 

sunbath
Sonne tanken in Unterwäsche geht gar nicht. Das ist gegen die guten Sitten und die erregt vor allem die Männer.

Michael (66), ein pensionierter Tierarzt, eröffnet die Diskussion: “I felt shocked when I saw women on Chester Road sunbathing in bra and knickers.” Die anderen Herren nehmen erst einmal einen Schluck, um sich eine Meinung zu bilden, nur George kriegt es fertig nachzufragen, wo genau das gewesen war. Michael gibt Auskunft und George speichert die Information dankbar ab. Dann merkt er, dass ich ihn beobachtet habe und gibt mir einen 20 Pfund Schein. “Was soll ich damit? Ist das Schweigegeld oder braucht ihr Nachschub?” “Please take the Score*) for the next round of beer.”  Dann schiebt er mich grinsend in Richtung des Landlords, der hinter seinem Tresen steht und dem nichts entgeht. Er mag mich irgendwie und das ist ein großes Glück. Denn während ich noch dabei bin, die diversen Wünsche aufzuzählen (one pint Fuller’s, one Lager, two …) ist er längst am Zapfen. In Windeseile füllen sich die Gläser. Er, der Wirt, kennt seine Stammgäste und weiß ganz genau was George and his mates haben wollen. Sagen Sie bloß nie zum Wirt: Please one pint of beer. Dann passiert gar nix, noch nicht einmal eine Nachfrage. Denn die Bestellung beleidigt ihn. Genau so gut könnten Sie beim Italiener eine Pizza bestellen. Abbiamo trecento!

*) Für Geldscheine nutzt man umgangssprachliche Bezeichnungen. Der fiver (£5) und der tenner (£10) sind leicht zu merken. Eine 20 Pfund Note ist ein Score. Das Pony sind £25 und der Hunderter ist ein Ton. Das Wort quid heißt einfache Pfund. Es wird immer im Singular benutzt, twenty quid are twenty pounds or a Score.

beer
“Please a pint of beer. ” “???”

Die Herren haben sich heiß geredet. Es geht nicht etwa um barbusiges Sonnen im Regent’s Park, das wäre ein Fall für die Met Police, nein, es geht darum, ob man statt Bikini auch einfach nur Unterwäsche zeigen kann. Wohlgemerkt keine Reizwäsche. Vom Schnitt oder Material ist da kaum ein Unterschied zum Badezeug auszumachen. Aber das scheint nicht der springende Punkt zu sein. 

Michael bleibt bei seinem Standpunkt: “It’s unacceptable to strip off to underwear in a public place to get a tan.” George wirft ein: “As long as they have a knotted hankie on their heads …” und das meint er hoffentlich ironisch. Kirsten, die neben mir steht und auch interessiert lauscht, wirft ein: “Where I come from (Kopenhagen), people sunbath topless on cemetaries” und ich werde philosophisch, indem ich mir klar mache: “Only the British can be naked, Germans just don’t have anything on.”

sunbathing-society
Ausgerechnet in London gründet sich schon 1920 eine Sunbathing Society. Tragen die jetzt Badeanzüge oder Unterwäsche?

Keiner von den Männern würde verschämt wegschauen, wenn sie dann endlich einmal eine nackte Frau im Park erspähen würden. Damit man das nicht merkt, behaupten sie das Gegenteil: “We would feel ashamed to be in public only wearing our pants!” Und ich denke mir: “I would too, when I saw the beer bellied blokes in grey Y-fronts.”

Darauf noch ‘ne Runde. Die Londoner Sommer sind kurz. Also Jungs, seid tapfer und haltet die zehn Tage Hochsommer aus. Danach habt ihr uns dann wieder ganz privat im Schlafzimmer, wo ihr uns in unseren wooly knickers bewundern und verführen dürft.

legs
Haarige Frage: Ist das sexy? Oder einfach zuviel Testosteron?

 

 

The boss himself says:

George says: “‘It’s not a question of clothes. It’s only about connotations.”

Ich sage: “Was ist ‘Konnotation’??? Da hast du mich jetzt erwischt. Ich muß erst einmal nachschlagen. – George meint damit die Assoziation oder den Beiklang eines Wortes. Hier also den Beiklang der Begriffe ‘Unterwäsche’ bzw. ‘Badeanzug’. Aber er kann das viel besser erklären:

“Underware connotes the state immediately prior to nudity. So if someone is wearing underwear, it sounds to us like: ‘Look at me I’m almost nude’. But swimsuits and Bikini connotes swimming at the beach or at a pool. The wearer says: ‘It’s so hot and I was swimming. Now I’m too lazy to change.’ So it has nothing to do with the amount of the body the clothing exposes and everything to do with what the clothing signifies.”

Danke für die Erklärung. Langsam verstehe ich eure Denkweise. Nicht immer wie die meine, aber stets sehr achtsam und deshalb höchst interessant.

 

Was passierte noch am 25. Juli?

de 1991

Seit 1991 festes Eröffnungsdatum der Bayreuther Festspiele. – Orchester und

Sänger schwitzen sich durch die Hundstage und die Herren kommen im Smoking.

Da träumt wohl auch so mancher von Shorts und FlipFlops.

uk 1978

Im Oldham and District General Hospital bei Manchester kommt Louise Joy Brown,

das erste Retortenbaby, zur Welt. – Klonen, Einfrieren oder im Reagenglas mixen.

Mit solchen Sachen hat der Engländer kein Problem. Hauptsache er hat Kinder,

gerne auch drei oder vier. Nachwuchs ist stets willkommen.