146. Tag, Rest: 220 Tage

Als ich zur Schule ging gab es noch keine Computer. Auch keine elektrischen Rechen- oder Schreibmaschinen. Aber der Steinzeit waren wir schon entkommen, denn wir lernten immerhin andere Fremdsprachen als Altgriechisch und Latein. Ich quälte mich mich Englisch, Französisch und Russisch ab. Das letztere war mein stiller Protest gegen das amerikafreundliche Establishment zu Hause. Ja, damals konnte man mit solchen Aktionen die Alten zu Tode erschrecken. Einen Fuchsschwanz an der Kapuze und ein Peace-Symbole mit schwarzer Tinte auf den Parka gemalt brachte dann das Fass zum Überlaufen. “Das Kind ist in schlechte Gesellschaft geraten, wir müssen es retten. Stubenarrest b.a.w.” Und trotz fehlender Kommunkationstechnik hielten wir doch engen Kontakt mit der weiten Welt. Wir hatten nämlich Brieffreunde! Also ich hatte natürlich eine Freundin, die man freundlicherweise mit leichtem Nachdruck von der Lehrerin vermittelt bekam. Sie drückte mir eines Tages einen Zettel in die Hand, darauf Name und Adresse meiner neuen Bekanntschaft in England. Ich sagte artig danke und zog ab. Keine Ahnung, wer mir da zugeteilt worden war.

Das arme Mädchen war hoffentlich genauso schreibfaul wie ich. Sie bekam einen, vielleicht zwei Briefe von mir, das war es dann. Ich kann mich weder an ihren Namen noch an die Adresse erinnern. Sie lebte sicher in England, aber  wohl nicht in London. Nutze ich die Gelegenheit und entschuldige mich bei ihr: I am sorry, so sorry for my silence. I would have wished to meet you but I hated to write letters. 

 

abc
Ich sollte mal wieder Briefe schreiben. Gerade weil es nicht so schnell von der Hand geht, denkt man über den Inhalt mehr nach. Alleine zu wissen, der andere hat sich eine Stunde Zeit genommen, um mir einen Gruß zu schicken, ist schon eine wertvolle Botschaft. – Ach du meine Güte, wie lautet denn eigentlich George’s Postanschrift? War das jetzt N2 oder NW3???

 

Es sollte fünfzig Jahre dauern, bis ich wieder Briefe aus England bekam. An meiner Schreibfaulheit hat sich in all den Jahren nichts geändert, aber inzwischen antworte ich schnell und regelmäßig, denn mit dem Computer macht es mir großen Spaß. Sobald ich aber mit der Hand schreiben soll, ist es eine elende Quälerei. Das scheinen andere auch so zu empfinden. Vor einigen Jahren wurde in England eine Umfrage gestartet, die herausfand, dass ein Viertel der Erwachsenen so gut wie nie mit der Hand schreibt. Mal abgesehen von Einkaufszetteln und Nachrichten wie: Don’t wait – I hang out with the mates. Wissenschaftler meinen, das der Verlust der Handschrift beachtliche Auswirkungen haben wird. Wir verlernen Fähigkeiten, die uns auszeichnen. Ich stimme zu, gebe aber zu bedenken, dass wir auch andere Fertigkeiten erlernt haben, die unseren Eltern noch unbekannt waren. – Gedankensprung: Ist Ihnen auch aufgefallen, dass Engländer ein ganz andere Handschrift als wir haben? Sie können sofort am Schriftbild erkennen, ob eine Nachricht von einem Engländer oder von einem Deutschen geschrieben worden ist. Egal wie individuell der Federstrich auch sein mag. Auch das Alter des Schreibers spielt keine Rolle. Was ist der Grund dafür? Nun es gibt tatsächlich einen Erklärung. Im Mittelalter, als sich der Buchdruck entwickelte, nutzen die Deutschen die Kurrentschrift. Das ist eine gebrochene, gotische Buchschrift, die als “spitze” Handschrift weiterentwickelt wurde. Sie dient uns bis heute als Vorbild; einfach deshalb, weil wir es so gewohnt sind.

 

kurrent
Oben: Deutsche Kurrentschrift. Sie prägte erst den Buchdruck und wurde dann als Handschrift übernommen. Man findet sie im Altdeutschen, im Sütterlin und auch in den modernen Schriften wieder. Unten: Eine typisch englische Handschrift. Jeder Buchstabe wird möglichst rund, kreisförmig gestaltet. Die Buchstaben sehen ein bißchen wie lächelnde Smileys aus.

 

child

 

Die Engländer waren in ihren Druckwerken ein anderes Schriftbild gewöhnt. Sie nahmen sich die kursive Schrift der Humanisten zum Vorbild. Das sind die Schrifttypen Copperplate und Anglaise. Ihre runden, relativ einfach geformten Buchstaben, sind eher gemalt als gestochen. Die Auswirkungen der unterschiedlichen Schriftvorbilder ist bis heute prägend. Der Engländer, egal ob jung oder alt, versucht jeden Buchstaben so kreisförmig wir möglich zu gestalten. Es soll alles harmonisch, irgendwie lächelnd aussehen. Auf Schnörkel wird generell verzichtet. Keine Querstriche, keine Schwänzchen oder Häkchen. Der Deutsche schreibt spitzt, winkelig und vertikal betont. Er liebt es eckig und fügt gerne weitere an, indem er schnell noch einen zusätzlichen Auf- oder Abstrich an die Buchstaben hängt. Ein ganz anderes Schriftbild. Was mich nun aber wirklich umgehauen hat, ist die Erkenntnis, dass sich meine eigene Handschrift ändert, sobald ich einen englischen Text schreibe! Das passiert völlig unterbewußt, denn ich habe keine Ahnung welchen englischen Vorbildern ich nacheifern sollte. Schließlich muß ich ja das Schreiben nicht neu lernen, wenn ich mich in Englisch auzudrücken versuche. Und doch weichen meine english letters deutlich von den deutschen Notizen ab. Ja der Unterschied ist so groß, dass man meinen könnte, zwei verschiedene Personen hätten es geschrieben. Wie ist das bei Ihnen? Das würde mich wirklich mal interessieren. Schreiben Sie mir doch mal, please do it. Ich werde auch antworten. Versprochen.

 

collage
Am selben Tag geschrieben. Links deutsch, rechts englisch. Mir ist nicht bewußt, dass ich meine Handschrift ändere. Papier und Stift waren die gleichen. Und noch etwas fällt mir erst jetzt auf. Bei deutschen Texten nutze ich meinen Block im Hochformat, bei englischen Notizen bevorzuge ich das Querformat. Amazing!

 

  

 

The boss himself says:

George says: “When will you finish your post? I’m hungry. Would it be helpful to write it down and send as letter? Portrait or landscape? What do you prefer?

Ich sage: “Wir sollten uns mal Briefe schreiben. Das wäre doch wirklich romantisch. Love letters mit viel Schmäh und Gefühl. Allerdings kann ich deine Handschrift nur schwer entziffern. Würde es die Romantik zunichte machen, wenn ich alle paar Minuten per Skype nachfragen würde.”  “Stop asking or I starve to death.”

 

 

 

autograph

Noch ein schönes Beispiel für Handschriften. Deutsch oder Englisch? Vorsicht, ich führe Sie auf’s Glatteis. Hier handelt es sich um eine Buchwidmung vom Dirigenten Sir Georg Solti. Ich bin sehr stolz das Original zu haben und will es einfach mal allen zeigen. Aber der Mann ist natürlich höchst interessant. Denn er ist wohl ein echter Kosmopolit. Geboren und aufgewachsen in Ungarn, über die Schweiz nach Deutschland gekommen, hat lange in den USA gearbeitet, ging dann nach England und fand dort sein Glück. Er heiratete und gründete eine Familie. Solti sprach viele Sprachen fließend, kannte viele Länder und machte sich stets das Beste aus den Kulturen zu eigen. Durch ihn habe ich die klassische Musik kennen- und lieben gelernt. Er starb 1997 im hohen Alter. Für mich ist er einer der ganz Großen und ich bin froh inzwischen “sein” Opernhaus in London mit eigenen Augen gesehen zu haben.

 

  

Was passierte noch am 25. Mai?

de 1932

In Deutschland passierte nichts Besonderes, also widmen wir uns Goofy. Er hatte

heute vor 84 Jahren seine Weltpremiere im Kino und hieß damals noch Dippy Dawg.

uk 1715

Am King’s Theatre am Haymarket in London erfolgt die Uraufführung von Georg Friedrich

Händels Oper Amadigi di Gaula. Die Titelrolle wird von dem Kastraten Nicolo Grimaldi 

gesungen. ( Das Haus gibt es noch immer. Heute heißt es Her Majesty’sTheater. Man

spielt dort seit 30 Jahren (!) das Musical ‘The Phantom of the Opera‘.)