239. Tag, Rest: 127 Tage 

Haben Sie es schon gelesen? Man suchte weltweit die Stadt, in der es sich am besten lebt und Hamburg belegte den zehnten Platz! Wow, ich bin stolz und ein bißchen haben wir es uns auch verdient, denn die Hansestadt hat sich im letzten Jahrzehnt rasant gewandelt. Man fand den Mut zur Veränderung (ohne Not) und hat offensichtlich alles richtig gemacht. Bravo! London landete unter ferner liefen, irgendwo jenseits der Top Fifty. Eine Überraschung für mich und die Londoner selbst. Was ihnen aber wirklich schmerzte war die Tatsache, dass Manchester noch vor ihnen lag.

 

manchester
Der zentrale Albert Square mit der Town Hall in Manchester. Hier findet u.a. jedes Jahr ein großer Weihnachtsmarkt statt. Manchester ist die zweitgrößte Stadt Englands. Und hat laut Umfrage mehr Lebensqualität zu bieten.

 

Mir tat aber etwas ganz anderes weh, denn als ich mich in einer englischen Zeitung über Hamburgs Erfolg informieren wollte, musste ich dort lesen: “Most famous as the home of the hamburger, Germany’s second-largest city …”. Liebe Engländer das nervt mich langsam. Wem zu Hamburg nicht mehr als das Hackbrötchen einfällt, hat den Anschluß an den Zeitgeist verloren. Gut, Hamburg muß sich international viel besser verkaufen, aber England muß mal anfangen zuzuhören, statt die Vorurteile der Eltern und Großeltern zu bewahren. Die Olympiabewerbung wäre für Hamburg eine hervorragende Chance gewesen, das Image weltweit auf Vordermann zu bringen, aber sie ist nun mal vertan.

Schauen wir nach vorne, Anfang 2017 steht das G20 Treffen in Hamburg an, -darüber dürfen die Bürger nicht abstimmen-, und ich hoffe wir reagieren diesmal schlauer. Für ein paar Tage wird Hamburg weltweit in allen Nachrichten im Fokus stehen und da wäre es klug eine medial spannende Seite zu zeigen. Wie wäre es mit Gastfreundlichkeit, Eloquenz, ein bisschen Eleganz, kurz: smart und sexy. Ich fürchte aber wir werden statt dessen die kostenlose Bühne mal wieder freiwillig den Demonstranten überlassen. Hoffentlich verliere ich diese Wette. Warten wie es ab.

 

hamburg
Die Landungsbrücken, in der Mitte die Elbphilharmonie und am Kai die Vollmastbark Rickmer Rickmers. So sieht mein Hamburg am frühen Morgen aus.

 

Keep calm and carry on. Ein kluger Ratschlag, denn was nutzt es, wenn man schimpft, sich ärgert, argumentiert und letztlich nur noch darauf achtet, wer denn nun Recht hat. Da mag ich die Englische Art deutlich lieber. Politik wird nicht im Pub diskutiert. Das bringt einen weder einander näher noch macht es Laune. 

Warum hat London bei der Wahl zur lebenswertesten Stadt nicht überzeugt? Es scheint so, dass man an der eigenen Größe gescheitert ist. NIrgends in England wird die Terrorgefahr höher eingeschätzt, nirgends sind die (absoluten) Zahlen in Sachen Kriminalität und Verbrechen höher. Der Verkehr, egal ob auf der Straße oder Schiene, wird ab einer gewissen Größe automatisch zum täglichen Problem für die Bewohner und Pendler. Hamburg steht da wohl gerade auf der Kippe; die tägliche An- und Abfahrt zur Arbeit ist längst ohne lange Stauzeit nicht mehr möglich. Londons Attraktivität wird außerdem von den völlig überhöhten Hauspreisen fühlbar geschmälert, der Zusammenbruch des Immobilienmarktes ist nur noch ein Frage der Zeit. Hamburgs Mieten sind in begehrten Wohnlagen auch nicht mehr bezahlbar. Und last but not least, die Smogbelastung in London’s City. Dieselfahrzeuge müssen “Wegzoll” berappen oder die Innenstadt meiden. In Hamburg ist ähnliches geplant, aber noch darf nicht laut darüber gesprochen werden.

Und deshalb sind häufig mittelgroße Städte, in reichen Ländern, mit guter Infrastruktur, gesunder Umwelt und kulturellen Reichtum, inzwischen viel gefragter als manche Weltmetropole. Müsste ich mich zwischen Hamburg und London entscheiden, käme kein eindeutiges Urteil heraus. Es käme doch sehr darauf an. Beide Städte sind wunderbar grün und werden vom Wasser geprägt. Von den Hamburger Stadtteilen kenne ich vielleicht ein Drittel ganz gut, London ist viel zu groß, um auf diesen Wert zu kommen. Die meisten Londoner halten sich laut Umfrage fast ausschließlich, und oft lebenslang, in ihrem eigenen Stadtteil auf. 

 

cambridge
Keep calm and carry on. Bootsfahrt auf der Themse. Den Engländer bringt nichts und niemand aus der Ruhe. Egal was passiert, er wird deshalb seinen Humor nicht verlieren. Eine wunderbare Eigenschaft, die mich immer in ihren Bann zieht.

 

Wenn es aber um die Menschen geht, dann punktet London bei mir deutlich. Dort scheint mir das Miteinander unkompliziert, herzlicher und für die Seele erfrischender zu sein. Obwohl auch der Engländer Distanz wahrt, erlebe ich dort niemals ein hingebelltes “Moin!”*). Ganz anders in Hamburg, da soll das dann wohl norddeutsche Schlichtheit demonstrieren. Ich kann mich aber nicht daran gewöhnen, immer kommt es bei mir wie ein warnendes Knurren an. “Frag’ mich bloß nix. Ich habe schlechte Laune, werde nicht antworten und habe auch kein Lächeln zu verschenken.” Rumms. Danke für den mentalen Fußtritt, denke ich mir und füge leise hinzu, du mich auch. 

*) Früher ein plattdeutscher Gruß unter Arbeitern. Heute auch von bürgerlichen Kreisen übernommen, die das wohl sehr originell finden. Nee Leute, da täuscht ihr euch. Originell ist es nur im ursprünglichen Gebrauch. Und dann antwortet man mit “Moin, moin” und schweigt sich durch den Rest des Tages. Das geht dann in Ordnung, das nennt sich friesisch herb.

So, genug gemeckert. Ab morgen werde ich wieder wie gewohnt lustige und interessante Nachrichten aus/über London erzählen. Have a nice day!

 

 

 

The boss himself says:

George says: “‘What I think about Hamburg? Wonderful town with beautiful girls and ridiculous mensfashion.

 

dna-sample

 

Ich sage: “??? – Irgendwie hat er ja Recht.” – Cartoon: Matt Pritchett.

 

 

 

Was passierte noch am 26. August?

de 1956

Mit Marilyn Monroe und Richard Widmark auf dem Titelblatt erscheint die erste

Ausgabe des Jugendmagazins Bravo. – Nie hatte ich einen Starschnitt komplett,

irgendein Teil fehlte immer. Grund: Das Taschengeld war knapp bemessen.

uk 1936

Großbritannien sichert sich in einem Bündnisvertrag mit Ägypten die Kontrolle

über die Sueskanalzone. – Interessanter Zeitpunkt oder einfach gutes Timing?