148. Tag, Rest: 218 Tage

Vielleicht haben Sie es auch in den Nachrichten gesehen, als Elizabeth II das Parlamentsjahr im House of Lords feierlich eröffnete? In der Tagesschau wurden Bilder von der Fahrt in der goldenen Kutsche gezeigt und dann hörten wir Ausschnitte aus der Rede, die eigentlich ein Vortrag ist. Etwa um diese Zeit, also am  Abend, drang ein Mann in den Garten des Buckingham Palastes ein. Die Queen, ihr Mann und Sohn Andrew waren im Haus, denn während der Woche wohnen und schlafen sie normalerweise in London. (Also Elizabeth und Phillip, ich hoffe Andrew hat das Nest längst verlassen?) Der Einbrecher, ein 41-jähriger Mann, kam von Hyde Park Corner, wo er die Gartenmauer überstieg. Sie ist ca. 3 Meter hoch und oben mit Stacheldraht gesichert. Die sehr diskret versteckten Alarmmelder registrierten den Eindringling sofort und zeigten es den Wachen auf den Monitoren an. Dann schwärmen die Guards aus, in diesem Fall wurde auch ein Helikopter angefordert und intern, für den Palast und alle Anwesenden, galt Alarmmodus. No fire or safety drill – it’s an emergency.

 

wall
Der Buckingham Palast und sein Garten sind rundherum von einer Mauer eingezäunt. Links geht es zum Tor, rechts sieht man die Mauer.

 

Die bedrohliche Situation (Terrorangriff?) ging glimpflich aus. Man stellte den Mann, kurz nachdem er im Garten eingedrungen war, zur Rede. Er fragte freundlich aber auch etwas verwirrt: “Is Ma’am in?” und bekam statt einer Antwort erst einmal Handschellen angelegt. Bei der Vernehmung wurde es dann doch ernster als zunächst gedacht. Denn schnell wurde klar, dass der Eindringling, der bis zur Königin vordringen wollte, ein mit Auflagen entlassener Strafgefangener war. Er hatte die letzten fünfzehn Jahre wegen eines brutalen und völlig unmotivierten Mordes eingesessen. Inzwischen ist er wieder hinter Gittern für weitere sechs Monate. Der Mann scheint große Probleme zu haben, die ihn immer wieder zu Drogen greifen lassen. Wobei natürlich auch der Umkehrschluß stimmt, denn sein Drogenkonsum war Grund für den kürzlich erfolgten Verlust seiner Arbeit und dem bald drohenden Rausschmiss aus der Wohnung. Ein depressiver, drogenabhängiger und deshalb hoch gefährlicher Mensch von dem niemand weiß, ob er sich im Griff hat oder plötzlich wieder zur mordenden Bestie wird.

 

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2004 war dieser Mann auf die Fassage gekletter. Er protestierte für ‘Super Dad’s father 4 justice’. Falls es um das Sorgerecht geschiedener Männer ging, hat er sich sein Chancen wohl ziemlich vergeigt. – Wie eigentlich  immer reagierten Security und Polizei äußerst gelassen. ‘Ruhe bewahren’ ist die erste Bürgerpflicht in England. Sehr angenehm im Straßenverkehr.

 

Wer sich ein bißchen für das Englische Königshaus interessiert, wird sich an den unglaublichen Vorfall erinnern, der sich 1982 ereignete. Damals war es Michael Fagan gelungen an einem Regenrohr hochzuklettern. Dann brach er in den Palast ein und kam schließlich ins Schlafzimmer der Queen ohne irgendjemanden aufzufallen. Seitdem wurden etwas 15 Einbrüche registriert. Man machte nie großes Aufheben darum. Meistens, oder zum Glück immer (?), waren es Leute, die eher durch geschmackloses Verhalten als durch kriminelle Absichten geleitet wurden. Trotzdem ist die hohe Zahl überraschend für mich. Viele der Eindringlinge wollten einmal persönlich mit der Queen sprechen, hatten ein Anliegen, das ihnen große Sorgen bereitete und waren fest davon überzeugt, das nur noch die Königin ihnen helfen kann und helfen wird. Das mag menschlich nachvollziehbar sein aber leider denken diese Leute überhaupt nicht daran, wieviel Angst und Schrecken sie anderen bereiten. Statt die Gedanken immer nur um die eigene Person, Sorgen, Bedürfnisse … kreisen zu lassen, ist es viel klüger sich einfach mal in die Gefühlslage der Mitmenschen zu versetzen. Das führt nicht nur zu spontanen und manchmal höchst überraschenden Einsichten, nein, es lenkt auch ungemein von den eigenen Problemen ab. Und das im besten, also konstruktiven Sinn.

 

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Michael Fagan drang 1982 bis ins königliche Schlafzimmer vor. Ich möchte ihm nicht zu nahe treten, aber auf der Bettkante möchte ich ihn auch nicht gerade sitzen haben, wenn ich nachts erwache.

 

Schnell und erstaunlich ruhig reagierten die Royal Guards auf den Vorfall. Die Damen*) und Herren in den prachtvollen roten Uniformen sind ganz und gar keine Staffage. Alle sind ausgebildete Soldaten, die meisten haben bereits einen Auslandseinsatz hinter sich. Ganz nach dem englischen Lebensmotto: Keep calm and carry on. Eins der verinnerlichten Prinzipien jedes Engländers. Auch bei außergewöhnlichen Ereignissen wie Terroranschlägen, bleiben die Menschen erstaunlich gefasst und kümmern sich eher um Mitbetroffene als um sich selbst. Da wunderte der eigentlich sehr abgeklärte Kommentar des Sicherheitsverantwortlichen, während einer Pressekonferenz, niemanden mehr: “It caused significant inconvenience and meant a full-scale alert strategy was implemented.”

*) Die Frauen bilden eine MInderheit in der Palastwache. Sie dürfen im UK nicht in ‘combat units’ dienen. Darunter fällt die Kavallerie und Infanterie und aus beiden Truppenteilen stammen normalerweise die Mitglieder der Royal Guards.

 

Einige Tage später fuchtelte ein Amerikaner am weissen Haus in Washington mit einer Pistole herum. Die gehört dort zur Grundausstattung jedes Bürgers und das ist politischer Wille des US-Establishment. Als der möglicherweise verwirrte Mann die Waffe nicht nach der Aufforderung sofort ablegte, wurde er von den Wachen mit einem Bauchschuß gestoppt. Soll sehr schmerzhaft sein. Jedes Land hat seine eigene Kultur.

 

 

The boss himself says:

George says: “I’ll put the kettle on.

Ich sage: “Vermutlich wird genau dieser Satz nach dem Vorfall auch im Palast gefallen sein. Vielleicht sogar von der Königin selbst, denn sie brüht durchaus selbst den Tee, anstatt immer gleich zu klingeln.

 

  

Was passierte noch am 27. Mai?

de 1847

Die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft wird gegründet, ein

Vorläufer der HAPAG-Lloyd AG. – Mein Urgroßvater war einer der Kapitäne.

uk 1668

Mehrere Bewohner Henhams in Uttlesford, Essex, sichten angeblich eine „fliegende

Schlange“, den sogenannten Drachen von Henham. – Das passiert auch heute noch

gelegentlich. Wenn es im Pub spät wurde, dann sind die Gründe, die die Herren zu

Hause zu Protokoll geben, oft originell. “I was on-call this evening and the phone

reception is much better in the pub than here at home.”