271. Tag, Rest: 95 Tage 

Jeden Sonntag Nachmittag, um 16:00 Uhr, sitzt halb England vor dem Fernseher. Dann läuft eine Stunde lang die beliebteste Sendung aller Zeiten. Sie ist inzwischen in der siebten Staffel angekommen, seit dem Start vor gut zehn Jahren. In dieser Supershow präsentiert ein perfekt eingespieltes Team beste englische Unterhaltung. Der Star (und Boss) ist ohne Frage die sympathische Grande Dame Mary Berry, die gerade ihren 81. Geburtstag gefeiert hat. Jawohl, die Dame ist im neunzigsten Lebensjahrzehnt und präsentiert Woche für Woche jung und alt ihre Backkünste! Ihre Show heißt ‘Great British Bakery Off’ und es gibt wohl niemanden auf dem ganzen Eiland, der diese Sendung nicht kennt.

 

lambs
So backt man in England. Der attraktive Paul Hollywood zieht mit der nicht minder gut aussehenden Mary Berry ins Land, schmust mit den Lämmchen und lächelt in die Kamera. Hausfrauenidylle wie in den fünfziger Jahren. Ich habe es noch selbst erlebt, glaube mich aber nur an schwarz-weiß Bilder zu erinnern. Waren unsere Küchen nicht damals bunt gestrichen?

 

Der Zuschauer dieser Zuckerwelt bekommt genau gezeigt wie er/sie die nächste Kalorienbombe in der eigenen Küche herstellen kann. Ausserdem darf er per Telefon über einige Kandidaten abstimmen, die sich eine heiße Ofenschlacht liefern, um den begehrten Titel “Great Baker” zu gewinnen. Eine ziemlich schlichte Idee, von ziemlich schlichten TV-Bäckern*) präsentiert und doch der Renner auf BBC One. Traumhafte, nie erreichte Einschaltquoten seit Jahren. Die Sendung trifft ins Herz der Engländer.

*) Paul scheint keinen bürgerlichen Beruf gelernt zu haben, aber Vater und Großvater waren Bäcker und Mary ist eigentlich Kochbuchautorin. Immerhin. Da könnte ich dann eigentlich als Sommelier auftreten, schließlich hatte mein Urgroßvater ein Restaurant an der Elbchaussee.

Nun kam es aber doch zum Eklat. Denn aus heiteren Himmel (?) haben sich die Kuchenstars gegen eine Fortsetzung in der BBC ausgesprochen und folgten statt dessen einem finanziell verlockenderen Angebot beim Konkurrenzkanal Channel Four. Ein Aufschrei der Empörung lief durch Englands Zuschauerwelt. Man konnte es nicht fassen, dass die Küchenhelden käuflich waren. Immerhin munkelte man, dass die Gage für Mary von fünf auf fünfundzwanzig Millionen Pfund verfünffacht worden sei. Da kann man schon mal schwach werden und die Kuchenbleche in fremde Öfen schieben. Mich überraschte der Stellenwert der Nachricht, sie dominierte in allen Tageszeitungen auf den ersten Seiten. Weit abgeschlagen folgten dann Langweiler wie Politik, Wirtschaft und Flüchtlingsdramen.

 

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Der preisgekrönte Cherry Cake von Mary Berry. Nun ja, sie ist wohl auch keine gelernte Bäckerin. Aber dem Engländer ist ein raffiniertes Äußeres egal, er will süßen, saftigen Inhalt. Als jetzt der Zuckergehalt der English Toffees merklich reduziert wurde, kommentierte George: Christmas is ruined!

 

Jetzt aber die Kehrtwende. Gott sei Dank, das nationale englische Herz hätte wohl sonst einen Knacks bekommen. Die gut aussehende alte Dame Mary Berry erklärte ihre Treue zum Publikum und der BBC ihre Loyalität. Sie kann dem Lockruf des Geldes nicht folgen und wird stattdessen das alte Produktionsteam verlassen. Ab sofort rührt Paul also alleine auf Channel Four und Mary wird eine neue, sehr ähnliche, also wohl identische Sendung, in der BBC starten. Ganz schön clever von ihr, denn erstens wird man ihr Honorar ganz gewiß erhöhen und zweitens wurde sie den selbstverliebten Paul Hollywood ohne viel Theater los, der ihr mit seinen 50 Jahren nun doch langsam ein bißchen zu alt wurde. Die Strategie muß ich mir merken.

 

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Paul backt herzhafte pork-pies. Pasteten mit Hackfüllung und Ei in der Mitte. Auch hier ist die Optik zweitrangig. Was sollen die roten Streifen? Fließt da das Schweineblut ab? Es ist in England Brauchtum ziemlich unappetitliche Witze mit oder über das Essen zu reißen. George ist da der Meister und zieht liebend gerne Vergleiche mit seiner Arbeit in der Leichenhalle: Is this Dead-Man’s-Arm?

 

 

 

 

The boss himself says:

George says: “Do you remember the desaster in 2010? When the candidate used salt rather than sugar in his rum babas? He only realised his error when Hollywood spat out the offending babas. Great show.

Ich sage: “Und so etwas behältst du über sechs volle Jahre im Gedächtnis.” “I’ve a memory like an elephant.” “Ja und die dicke Haut hast du dir auch längst zu eigen gemacht. Gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten?”

 

 

paar
Paul Hollywood und Mary Berry gehen ab sofort getrennte Wege. Nichts das einzige Traumpaar bei dem in diesen Tagen der Blitz eingeschlagen hat. Ach George, wie gut dass wir nicht prominent sind, gell?

 

 

Was passierte noch am 27. September?

 

de 1960

Die Schriftstellerin Christa Wolf beginnt mit der Aufzeichnung der Erlebnisse dieses

Tages und setzt diese jährlich bis 2000 fort. 2003 erscheinen sie unter dem Titel 

‘Ein Tag im Jahr’. – Guck mal an, da führe ich ja eine gute, alte Tradition hier fort.

Aber ob ich das vierzig Jahre lang durchhalten werde? Ich meine dann bin ich

102 Jahre alt; von George will ich mal gar nicht reden.

uk 1968

Das Musical Hair hat seine Europa-Premiere in London. – ‘Age of Aquarius’

und ‘Good morning Starshine’ fallen mir auf Anhieb ein. Ausserdem die

bescheuerte Perücke des Titelhelden. Dann lieber keine Haare auf dem Kopf.