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Die Londoner Kanalisation stammt aus der Zeit als Königin Victoria regierte. Die englischen Ingenieure waren führend im technischen Können und praktischer Erfahrung. So holten sich auch die Hamburger nach ihrem Großen Brand (1842) den Engländer William Lindley, um eine funktionierende Entwässerung in ihrer Stadt zu etablieren. Die alten Röhren, Schächte und Tunnelanlagen sind noch heute in Betrieb und es kommt vor, dass ein solcher Bau, nach immerhin gut 150 Jahren, plötzlich einstürzt. Ich kenne es von Hamburg und von London. Da muß natürlich ständig repariert und erneuert werden. Trotzdem ist das ursprüngliche Konzept noch immer in beiden Städten erkennbar.

sewage system
Das Londoner Abwassersystem stammt aus Queen Victoria’s Zeiten. Manche finden es romantisch und machen Ausflüge in die Unterwelt. Ich muß das nicht sehen. Und riechen.

Grob gesagt werden in London noch immer ca. einmal wöchentlich die ungeklärten Abwässer in die Themse gekippt. Das ist ein statistischer Wert und niemand leitet den Dreck absichtlich in den Fluß. Aber die vorhandenen Siele und Sammler liegen nicht tief genug. Bei Regen laufen sie schnell voll und dann schwappt der ganze Kram in andere große Kanäle und landet schließlich in der Themse. Es passiert zwar unterirdisch, man sieht es nicht, aber der Zustand ist nicht länger akzeptabel.

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Quelle: Thames Water. Auf der Skizze ist das alte, viel zu flache Abwassersystem dargestellt, daneben der neue, viel tiefere Sammler unter der Themse.

Das ist natürlich völlig kontraproduktiv, denn an anderer Stelle wird viel Geld für die Verbesserung der Wasserqualität ausgegeben wird. Die Lösung kann nur im Bau eines ausreichend tiefen Abwassertunnels quer durch die Stadt erfolgen, der in Verbindung mit einem tiefen Sammelkanal entlang der Themse funktioniert.*) Das kostet viel Geld, sogar sehr viel. Die Baukosten werden auf £4.2 Billionen geschätzt, das sind fast 5,4 Milliarden Euro. Um das Geld aufzubringen, der Bauherr ist Thames Water (Wasserwerke), müssen die Verbraucher künftig ungefähr 100 Euro pro Jahr extra zu ihrer Wasserrechnung zahlen. Die sind nicht gerade begeistert. Allerdings werden die Wasserkosten noch immer pauschal berechnet, man fängt in London erst jetzt an Wasseruhren in jedem Haushalt zu installieren, um den tatsächlich Verbrauch überhaupt ermitteln zu können. Da wird der Engländer dann schnell geizig und so wie er den Winter bei durchschnittlich 16 Grad im Wohnzimmer übersteht, befürchtet man, dass er dann auch den Wasserverbrauch drastisch drosseln wird, sobald der eigene Zähler tickt. Man unkt, dass Kinder dann ungewaschen zur Schule gehen müssen.

*) Eigentlich müsste man das komplette vorhandene Sielsystem tiefer legen. Das ist aber unmöglich, denn es würde bedeuten, dass man alle Strassen aufreissen müsste. Ausgeschlossen. Also läßt man das alte System bestehen und baut einen tiefen Sammelkanal schützend vor die Themse. Ambitioniert, aber es gibt keine Alternativen.

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Von der Größe muß man sich den neuen Tunnel etwa wie diesen vorstellen. Das ist also eine richtig große Sache. Das hier ist der Lee Tunnel, der ein Nebensystem des großen Bruders sein wird.

Thames Water ist trotz extra Einnahmen nicht in der Lage das Projekt zu finanzieren. Man brauchte und fand einen finanziell starken Investor, nämlich die Allianz. Sieh an, dachte ich mir, deutsche Partner sind im Geschäft. Aber wo soll eine Versicherung in diesen Null-Zins-Zeiten auch sonst ihr Geld anlegen? Da kommen nur solche Großprojekte in die engere Auswahl. Kaum war der Vertrag unterschrieben, konnte man loslegen. Seit Anfang des Jahres wird gebuddelt. Der Tunnel wird 15 Meilen (ca. 22,5 km) lang werden, beginnt in Acton und endet in Abbey Mills. Einmal quer durch London, von West nach Ost, und mitten durch die City. Es wird höchste Zeit, denn mittlerweile werden jährlich fast 40 Tonnen Roh-Abwässer in die Themse gepumpt. Das stinkt zum Himmel.

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Der geplante neue Abwasser-Sammler. Die Karte kann per Mausklick vergrößert werden. (Quelle: Thames Tideway Tunnel Project)

Das Projekt ist den Londonern als ‘Super Sewer’ bekannt, also ‘Superkanal’ oder ‘Groß-Sammler’. Man hofft für die nächsten 120 Jahre (!) vorgesorgt zu haben, aber wenn der Zuzug nach London wirklich so rasant sein wird, wie man glaubt, dann wird man wohl schneller als gedacht erweitern müssen. Erst einmal muß der jetzt geplante Thames Tideway Tunnel fertig werden und das wird nicht vor 2023 der Fall sein. Aber da sind die Londoner unerschrocken, sie gehen Megaprojekte stets beherzt an und haben es bisher noch immer geschafft. Englischer Optimimus. Übrigens weiß man inzwischen längst, dass nachweislich nur diejenigen siegen können, die ihre Gläser als halbvoll betrachten.

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Auf der Themse vor der Blackfriars Bridge machte letztens ein Schwimmkran fest. Er ist Teil des Tunnelprojektes.

So, nun wissen Sie alles über die Londoner Unterwelt, aber meinen Spaziergang durch die Inns of Court habe ich immer noch nicht fortgeführt. Egal, morgen ist auch wieder ein Tag und also neuer Platz für einen anderen Bericht.

The boss himself says:

George says: “Complaining about the costs helps just as little as nothing. You poo too.” 

Und ich: “Wenn der Super-Sammler erst 2023 fertig wird, läuft dann der ganze Sh.. bis dahin weiter in die Themse?”

Was passierte noch am 28. April?

de 1866 Die „Norddeutsche Affinerie“ wird in Hamburg durch die Norddeutschen Bank und die

Hamburger Kaufleute Carl Friedrich Ludwig Westenholz und Ferdinand Jacobsen sowie

Georg Ferdinand Gorrissen gegründet. (Sorry, mich interessiert so was. Wirklich.)

uk 1877 Das Stadion Stamford Bridge im Londoner Stadtteil Fulham wird als Leichtathletikstadion

eröffnet. (Und das interessiert alle FC Chelsea Fußballfans. Lt. George alle Londoner.)