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Das größte europäische Bauprojekt wird seit einiger Zeit in London realisiert. Ein gigantisches Bauvorhaben, dessen Kosten mit £14,8bn veranschlagt worden sind. Da muß ich zweimal nachrechnen, komme aber immer auf denselben Betrag, nämlich 18,8 Milliarden Euro. Man will im Dezbember 2019 fertig sein, ein erster Bauabschnitt wird schon im Mai 2017 eröffnet werden. Wovon ich spreche? Ja, die Baustelle ist nicht einfach zu entdecken, obwohl sie sich einmal quer, von West nach Ost, durch London zieht. Man baut einen gigantischen schnurgeraden Tunnel, der westlich von Heathrow in Reading beginnt und in Shenfield bzw. Abbey Wood endet. Ein wirklich ambitioniertes Unternehmen. Mit einer riesigen Schildvortriebsmaschine bohrt man sich durch den Londoner Untergrund. An guten Tagen schafft man 100 Meter! Diesen Mega-Bohrer kennen wir in Hamburg gut, denn damit wurden die Röhren des neuen Elbtunnels aus dem Boden gestanzt. Wir tauften die Maschine damals auf den netten Namen ‘Trude’, denn sie wirkte auf uns sehr gutmütig, fleißig und unverwüstbar. Ein riesiger Findling, von den Gletschern der letzen Eiszeit liegengelassen, hat sie dann fast ausgebremst. Die Engländer scheinen an andere Eigenschaften zu denken, denn sie haben dem Bohrer den Namen ‘Elizabeth’ gegeben. Der wühlt sich schon seit gut einem Jahr, zusammen mit neun baugleichen Maschinen, durch Londons Untergrund. Nachfolgendes Bild lässt sich per Klick vergrößern, dann kann man das Projekt besser verstehen:

 

project

 

 

Einerseits passiert es nicht selten, dass englische Häuser komplett in die Luft fliegen. Meistens ein Gasleck. Vor wenigen Tagen krachte es gewaltig im Osten von London. Zwei riesige Kessel in einem Kohlekraftwerk waren explodiert und haben das halbe Gebäude zerlegt. Obwohl es nicht mehr in Betrieb war, gab es mindestens vier Todesopfer. RWE, Deutschland, steht in der Verantwortung. Andererseits trauen sich die Engländer unverdrossen große und super-große Bauten zu und der Erfolg gibt ihnen Recht. Irgendwie schaffen sie es bravourös und halten die geplanten Zeiten und Kosten ein. Man kann die Ingenieure, Statiker und Architekten nur bewundern. Angefangen beim London Eye, über den Wolkenkratzer The Shard bis zum Themse Sperrwerk.

Sobald die Underground Line fertig sein wird, setzt man dort neue Hochgeschwindigkeitszüge ein. Das sind 200m lange Tubes, mit jeweils neun Waggons, die alle offen verbunden sind, so dass der Fahrgast von vorne bis hinten durch den Zug gehen kann. Sie sollen im 2,5 Minuten Takt die Strecke in beiden Richtungen befahren. Ein erster Streckenabschnitt wird schon im Mai 2017 eröffnet, nämlich von Liverpool Street bis nach Shenfield, ganz im Osten Londons. Liverpool Street ist ein großer Knotenpunkt mitten in der City. Hier halten viele Linien: Central, Circle, Hammersmith and Metropolitan

Nun kommt also eine weitere, zwölfte Linie zum Netz hinzu. Und wie wird die heißen? Als erstes einigte man sich auf eine Farbe. Alle Linien sind mit einer Farbe markiert. Bei der Vielzahl ist es aber trotzdem langsam schwierig sie auseinanderzuhalten. Die Crossrail wird ein sattes Lila bekommen. Letzte Woche wurde dann auch das Geheimnis gelüftet, der Name wurde im Rahmen einer Feier am Bahnhof Bond Street bekanntgegeben.

 

line2

 

Ja klar! Elizabeth Line wird die neue Strecke heißen. Eine weitere Ehrung für die Queen, die beliebter denn je ist. Das ist jetzt die dritte “königliche” Linie, denn 1969 weihte Queen Elizabeth die Victoria Line ein. Zehn Jahre später wurde von ihrem Sohn Charles die Jubilee Line eröffnet; Anlaß war das 25-jährige Thronjubiläum der Queen. Das haben wir inzwischen verdoppelt und ich bin wirklich gespannt, was das Super-Queen-Birthday-Year-2016 noch alles bringen wird.  Egal, ob man für oder gegen die Monarchie ist, um eine Sache kommt man nicht herum. Die Frau sieht sensationell gut aus, und damit meine ich das ganze Feld von glücklich, schön über lebendig bis hellwach.

 

Queen Elizabeth II departs following a visit to the construction site of the Bond Street Crossrail Station in London. PRESS ASSOCIATION Photo. Picture date: Tuesday February 23, 2016. Crossrail will run from Reading and Heathrow in the west, through new tunnels under Central London, to Shenfield and Abbey Wood in the east, and opening in 2018, will carry an estimated 200 million passengers a year. See PA story ROYAL Crossrail. Photo credit should read: Dominic Lipinski/PA Wire
Queen Elizabeth II departs following a visit to the construction site of the Bond Street Crossrail Station in London. PRESS ASSOCIATION Photo. Picture date: Tuesday February 23, 2016. Crossrail will run from Reading and Heathrow in the west, through new tunnels under Central London, to Shenfield and Abbey Wood in the east, and opening in 2018, will carry an estimated 200 million passengers a year. Photo: Dominic Lipinski/PA Wire

 

 

 

The boss himself says:

George says: „You called the machine Trude?  Well done, what a name! And afterwards the chancellor inaugarated the tube line? So it runs as Merkeline?”

Und ich: “Bitte keine Vergleiche zwischen Queen und Kanzlerin, sie hinken alle. Beide Frauen sind bemerkenswert.” 

 

 

Nachtrag:

Es fällt mir auf, dass die Engländer viel effizienter Großprojekte umsetzen, als es in Deutschland üblich/möglich (?) ist. Statt alles in Grund und Boden zu quatschen und damit schon organisatorisch jede neue Entwicklung auf Jahrzehnte auszubremsen, traut sich der Engländer was zu. Wenn es sein muß, geht er auch Risiken ein. Bei uns verliert man nicht selten die Verhältnismäßigkeit völlig aus den Augen, wenn man z.B. Naturschutzfragen nutzt, um Stadtentwicklung auf Jahre zu blockieren. Calm down!  Ich bin seit Jahren überzeugtes Mitglied im NABU und dem Engländer ist der Naturschutz mit Sicherheit näher als uns. Sicher muß man ein gesundes Gleichgewicht zwischen Neubau und Erhalt finden. Aber wenn ich mich in London so umsehe, dann stelle ich fest, hier ist es gelungen.

 

london-damals
London Ende der Siebziger. Und wie sieht es heute aus? Hinfahren und staunen Sie. Es lohnt sich.

 

 

Was passierte noch am 28. Februar?

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Per Gesetz werden im Großherzogtum Baden Frauen uneingeschränkt zum 

Hochschulstudium zugelassen. – Vorreiter!

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