210. Tag, Rest: 156 Tage 

Die Politik ist eine ernste Sache. Besonders in diesen Tagen, wo bald täglich Gewaltexzesse sich ereignen. Inzwischen auch bei und mitten unter uns. Ich mag schon gar nicht mehr die Tagesschau verfolgen. Bitte keine Details. Vorgestern dann der unfassbare Mord an einem 85-jährigen Priester in der Normandie. Das sind alles todtraurige Ereignisse, die Angst machen und nicht erklärbar sind. Ich bin ganz froh, dass die allabendlichen TV-Moderatoren allesamt im Urlaub sind: Illner, Will, Maischberger. Den Plasberg haben sie wohl für eine Sondersendung zurückgeholt, was aber ehrlich gesagt auch nicht nötig war. Zum Glück waren Wolfgang Bosbach und Thomas Oppermann verhindert. Beide seien hier nur stellvertretend für eine ganze Garde von Politikern genannt, die mir inzwischen ziemlich auf den Wecker gehen. Warum will man uns ‘doofen’ Bürgern bloß dauernd die Welt erklären?

 

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Das Außenministerium spielt in diesem Blogbeitrag eine Rolle. Es ist in der King Charles Street zu finden, ganz in der Nähe von Downing Street 10.

 

In England sind Nachrichten ein kurzweiliges Geschäft. Tiefe Analysen kann man nicht verkaufen, sie interessieren niemanden. Polit-Talkshows sind max. 30 Minuten lang, behandeln dann ganz sachlich drei Themen à zehn Minuten, ohne Diskussion oder gar Streiterei. Information ist gewünscht, aber bitte kurz, sachlich und so unterhaltsam wie möglich. Das gelingt nicht bei Mord und Terror, aber in der Tagespolitik so gut wie immer. Ich gebe mal ein Beispiel. Da haben die Engländer seit vier Wochen einen neuen Aussenminister. Wir kennen ihn inzwischen alle, es ist Boris Johnson, der vorher als Bürgermeister von London und überzeugter Brexit Befürworter nur allzu oft Schlagzeilen machte. Kein Wunder, denn seine Aktionen, oder soll ich Eskapaden sagen, waren immer von einem hohen Unterhaltungswert. Wie aber erzählt man jetzt den Engländern, dass Boris momentan eine ganz schwere Zeit durchlebt? Er bekommt Prügel, wo immer er auftaucht.  Die Presse grillt ihn genüßlich und stellt provokante Fragen vor laufender Kamera. Von seiner Chefin, Premier Theresa May, kann er keinen Trost erwarten. Besser wenn er ihr in diesen Tagen aus dem Wege geht, denn sie war eine leidenschaftliche EU-Befürworterin. Jetzt kann sie das Chaos aufräumen, das er und seine Kumpel angerichtet haben. Da bleibt Boris nur noch abtauchen, sich ungewohnt still verhalten und auf bessere Zeiten warten.

 

boris
In letzter Zeit musste Alexander Boris de Pfeffel Johnson viele unbequeme Fragen beantworten. Die Lektion, die er gerade lernt, heißt wohl: Es macht einen Unterschied, ob man opportunistische Vorschläge in den Medien äußert oder ob man diese dann in der realen Politik verantwortlich umsetzen muß.

 

Und genau das hat man den Engländern heute morgen in der Zeitung mitgeteilt. Und zwar so, dass jeder Leser es versteht, interessant findet und Freude (!) an der Nachricht hat. Dafür nutzte man einen kleinen Trick. Man suchte sich liebenswerte Stellvertreter. Für Außenminister Boris agierte sein Amts-Kater Palmerston und für Premier May der Chief-Mouser Larry. Beide kennen sie schon aus meinem Blog, aber zu Palmerston muß ich noch etwas anmerken. Ersten wird sein Name ohne “e” am Ende geschrieben und zweitens wohnte er bis vor vier Wochen noch in der Downing Street No 11. Dort zog der neue Schatzkanzler Philip Hammond ein und Palmerston mußte gehen. Boris Johnson, der sein Foreign Office nur wenige Meter entfernt in der King Charles Street hat, erbarmte sich des obdachlosen Katers und nahm ihn als neuen Mitarbeiter auf. Das bringt ihm Punkte. Nun hat Palmerston hin und wieder Heimweh, oder vielleicht ist es nur die alte Gewohnheit, jedenfalls läuft er manchmal zur Downing Street hinüber. Vor der Tür mit der No 11 wartet er vergebens, der Second Lord of Treasury wird ihm nicht öffnen, aber nebenan, in No 10 ist mehr los. Da gehen viele Leute ein und aus und schnell ergibt sich eine Gelegenheit hineinzuschlüpfen. Und genau das wurde fotografiert, kommentiert und in der Morgenzeitung veröffentlicht.

“Another eviction from No 10! As the new Foreign Secretary, Boris Johnson is not only in charge of relations with other countries around the world but his department’s cat Palmerston. But while Mr Johnson has for the time being decided not to run for Number 10 Downing Street, his mouser decided to make a dash for power before being shown the door by security.”

So erklärt man Politik auf unterhaltsame Weise. Mir gefällt es. Und es eignet sich hervorragend für einen kleinen small-talk. Perfekter Auftakt. “Do you like Palmerston? Oh dear, he’s such a cutie mugger…”

 

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Der schwarz-weiße Palmerston gehört seit vier Wochen zu Boris Johnson. Als der, also der Kater, sich in Downing Street 10 reinschleichen will, wird er sanft aber eindeutig abgewiesen. Die Botschaft wird vom Zeitungsleser verstanden.

 

 

 

 

The boss himself says:

George says: “I’m quite sure he was named after the former Foreign Minister and Prime Minister Lord Palmerston.


Ich sage: In Deutschland wäre es undenkbar. Große Politik über Haustiere erklären. Das sprengt den deutschen Humor, denn der ist eine sehr ernste Sache.

 

  

palmer
Palmerston hat Nehmerqualitäten. Der Kampf ist noch nicht zu Ende. Larry verteidigt No 10 tapfer von der Haustür aus. Die beiden legen sich mächtig ins Zeug. Werden sie doch noch Freunde? Fortsetzung folgt, garantiert.

  

 

 

Was passierte noch am 28. Juli?

de 1987

Der Bericht des ARD-Fernsehmagazins Monitor über Würmer in Fischdosen löst

einen rapiden Nachfragerückgang beim Kauf von Fischkonserven aus. – Ich

habe lange nicht mehr so genau reingeguckt, ob da noch immer welche sind?

Oder hat der menschliche Abfall in den Ozeanen (Plastik etc.) auch gleich die

Würmer gekillt?  

uk 2005

Die IRA erklärt offiziell das Ende des bewaffneten Kampfes gegen die britische

Herrschaft in Nordirland. – Noch gar nicht so lange her. Heute hat sich auch der

Terror globalisiert. Wen wundert’s?