180. Tag, Rest: 186 Tage

Wird jemand krank, wünscht man gut Besserung. Hat einen die Grippe erwischt, dann legt man sich für ein paar Tage ins Bett. Vorher ruft man den Arbeitgeber an und meldet sich krank. Der will dann sehr schnell eine Krankschreibung sehen. Soweit, so gut. Aber ist das in England auch so? Ich frage mal George, der sollte es wissen. “Yes, more or less the same procedure.”  Und was sind die Unterschiede? Gehen wir der Sache mal auf den Grund.

In England gibt es genau wie bei uns eine Sozialversicherung. Sie heißt National Insurance (NI). Die Beiträge werden automatisch vom Gehalt einbehalten. Die NI zahlt im Falle einer Krankheit (Lohnfortzahlung), bei Arbeitslosigkeit und auch die Alters- und Witwenrenten. Daneben gibt es aber auch beitragsfreie Leistungen, die aus den Steuereinnahmen finanziert werden. Das betrifft hunderprozentig das National Health System (NHS), dass alle Kosten für ärztliche Behandlungen, Medikamente und Krankenhausaufenthalten, inklusive Operationen, übernimmt. Ebenfalls staatlich garantiert ist das Kindergeld und Leistungen für Behinderte. 

 

999-111numbers
Merken Sie sich die Notfallnummern. Anrufe sind kostenfrei. Die 999 wird nur dann gewählt, wenn es um Leben und Tod geht.

 

Das hört sich alles sehr gut an, ist es auch, aber man bietet den Engländern keineswegs eine ‘soziale Hängematte’ an. Die kostenfreie Krankenversorgung durch das NHS setzt enge Grenzen, was die Kranken beispielsweise an Medikamenten nehmen können und müssen. Zahnärztliche Behandlungen werden nur rudimentär angeboten. Wer ein optisch überzeugendes Gebiss haben will, muß zuzahlen oder sich privat versichern.

 

strike
In diesem Jahr haben die Junior Doctors schon mehrfach gestreikt. Das Versorgung der Kranken ist an der Belastungsgrenze. Sowohl für die Ärzte und Pfleger, als auch für die Patienten.

 

Eher bescheiden fällt auch die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall aus. Sie wird zwar, unter bestimmten Voraussetzungen, volle 28 Wochen lang gewährt, aber sie beträgt maximal 71 Euro pro Woche. Da können dann noch ein paar Euro hinzukommen, wenn man Kinder hat, aber eigentlich reicht es hinten und vorne nicht. Die ersten drei Tage einer Krankheit werden grundsätzlich nicht bezahlt; es sind die sogenannten Karrenztage, die wir in Deutschland auch einmal hatten. Ich weiß gar nicht, ob sie noch greifen; mein Arbeitgeber hatte darauf verzichtet. In England ist es also finanziell nicht gerade verlockend sich krank zu melden. Die durchschnittliche Quote liegt bei knapp 10 Tagen pro Jahr, ganz ähnlich wie hier. Trotzdem hat mich jetzt eine neue Regelung sehr überrascht. Man beabsichtigt auf den ‘gelben Schein’ künftig zu verzichten. Ein ärztliches Attest soll erst nach zweiwöchiger Krankheit fällig sein. Die Begründung ist alarmierend: Die englischen Ärzte sind völlig überlastet.  “Workers should be able to sign themselves off sick for two weeks without seeing a doctor to help cut their workloads.” Oh ha. Bitte schonen Sie ihren Arzt, er hat so viel zu tun.

 

gp
Der GP um die Ecke. Er wohnt und praktiziert im Eckhaus an der Park Hall Lane. Die Fensterrahmen sind ziemlich marode. Auch die Türen bräuchten einen neuen Anstrich. Er wird es sich nicht leisten können. Den Arztberuf bringt man in England nicht mit Reichtum in Verbindung. Jedenfalls nicht beim Hausarzt.

 

George findet das alles ganz normal und machte mich darauf aufmerksam, dass auch jetzt schon “self sign-off” für sieben Tage gilt. Aber er ergänzt auch gleich: “Two weeks off work without a sick note is far too much – that sounds to me like a skiver’s charter.” (skiver = Drückeberger). Der eigentliche Skandal, fährt er fort, ist aber der wirkliche Grund für die satte Erhöhung und den verschweigt man wohlweislich. “The real problem is getting to see a GP (general practitioner = Hausarzt). It is hard to do in a week or a fortnight.” Ja, das stimmt. Man bekommt oft keinen Termin beim Hausarzt. Wartezeiten von mehr als einer Woche sind üblich. Ähnliches gilt auch für die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Da gab es schon Todesfälle wegen viel zu später Behandlung. Und das ist die Kehrseite des großzügigen und vorbildlichen englischen Sozialsystems. Es bricht gerade zusammen, weil es schlicht überlastet ist. Es gibt einen regelrechten Krankentourismus, der Menschen aus der ganzen Welt nach England führt, um sich dann dort kostenfrei einer Operation zu unterziehen. Das hat nichts mit den aktuellen Flüchtlingen zu tun, sondern es sind Europäer oder Einwohner des Commonwealth. Leute, die sich für ganz schlau halten und im Heimatland gerne die Steuern hinterziehen. Diese Feinheiten sind dem Engländer nicht bewußt und so kommt es, dass die eigentlich stets freundlichen Insulaner sich aktuell alleine viel besser fühlen, als in großer Gemeinschaft.

  

 

 

The boss himself says:

George says: “‘When someone is sick enough to be off work for a week, they should try to see a doctor.

Ich sage: “Was für ein Glück, dass ich dich habe. Das spart mir viel Wartezeit beim Arzt. Apropos, hast du Zeit heute abend? Ich würde mich gerne mal von dir untersuchen lassen.” “I always find the time for it.”

 

  

Was passierte noch am 28. Juni?

de 1840

Friedrich Fröbel gründete den ersten Kindergarten in Deutschland. – Meine Großmutter

war “Fröbel-Erzieherin” und ließ ihre pädagogischen Fähigkeiten an englischen Kindern

aus. Das muß um 1910 gewesen sein. Leider weiß ich nicht, wo sie auf der Insel

arbeitete. Eigentlich spricht vieles für London. Vielleicht kriege ich es noch raus. 

uk 1859

The first conformation dog show is held in Newcastle upon Tyne, England. – Gemeint

ist eine Hundeausstellung für Züchter. Noch heute der Renner in England. Diese Events

dauern mehrere Tage, die Tickets sind teuer. Aber da ist der Engländer schmerzfrei.