302. Tag, Rest: 64 Tage 

Wenn das House of Parliament von einem Trupp älterer Herren heimgesucht wird, die unter ihren roten Uniformen schwarze Strumpfhosen tragen, dann haben wir hoffentlich den fünften November. Denn an dem Tag ist das normal. In bewährter Tradition sind einige Yeomen vom Tower herübergeeilt, um jetzt im Keller des Parlamentgebäudes nach versteckten Pulverfässern zu suchen. Falls man schwarz gekleidete Sicherheitsleute sichtet, die auch noch ihre Maschinenpistolen im Anschlag halten und Suchhunde mit sich führen, dann handelt es sich um einen Anti-Terroreinsatz und man sollte so schnell wie möglich in Deckung gehen. Bei der roten Garde ist das nicht notwendig, die Herren sind sehr freundlich und spielen eigentlich nur Theater. Das Stück heißt: Guy Fawkes und wurde vor über vierhundert Jahren ‘geschrieben’. Es ist bis heute sehr beliebt.

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Unter die Yeomen haben sich inzwischen auch Frauen “geschlichen”. Die meisten kennen die Wachleute des Towers als Beefeaters. Auch richtig.

Guy Fawkes war ein Verschwörer, der den König töten wollte. Um maximale Wirkung zu erzielen, wartete er dessen Erscheinen im voll besetzten Parlament ab, um dann die vorher dort im Keller deponierten Pulverfässer mit einer Lunte zur Explosion zu bringen. Nicht auszudenken, wenn es gelungen wäre. In letzter Minute konnte man den Anschlag abwehren, weil einer der Attentäter kalte Füße bekam und sich der Polizei anvertraute. Das also passierte am frühen Abend des 5. Nov. 1605 in London. Und jedes Jahr wird dieser Abend mit einem grandiosen Feuerwerk in Londons Straßen gefeiert. Man hat mir mehrfach versichert, man würde nicht Guy Fawkes bejubeln, sondern ausschließlich die Verhinderung der bösen Absicht. Sieht man dann aber überall die Bonfires brennen und vor allem am Abend die Raketen in die Luft steigen, könnte man auf die Idee kommen, dieses Jahr wird es ihnen gelingen. Diesmal werden sie ihre schöne Stadt in Schutt und Asche legen.

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Das ist nicht am Silvester Abend, sondern in der Bonfire Night aufgenommen. London sprengt sich selbst in die Luft.

Am Silvesterabend sind in London keine Kanonenschläge oder ähnliches erlaubt. Nur Großfeuerwerke. Also nutzt man die Bonfire Night im November, um eine ordentliche Knallerei zu veranstalten. Und natürlich um den Gartenmüll loszuwerden. Denn am frühen Abend werden Scheiterhaufen angezündet, um eine Guy-Fawkes-Strohpuppe zu verbrennen. Dann merkt es natürlich niemand, wenn man im Garten schnell mal Laub und Äste warm entsorgt.

Der Höhepunkt sind die Feuerwerke am Abend. An fast dreißig Plätzen in London werden Großveranstaltungen stattfinden, teilweise mit Eintritt. Das reicht vom kinderfreundlichen Event bis zum ‘Deutschen Oktoberfest’ im Alexander Palace. Da treffen sich dann eher die Hooligans; da soll es noch robuster als in München zugehen.

Wir sind für all das zu alt. Aber zu Hause bleiben ist auch doof. Ich denke wir werden nach dem Diner, zur gewohnt späten Stunde, einen Spaziergang in die Hampstead Heath machen. Dort ist einer der beiden ‘grand heights of London’ (ha, ha!) zu finden. Gemeint sind der Primrose Hill (78m) im Regent’s Park und der Parliament Hill (98m) in der Heath. Von dort oben werden wir dann einen herrlichen Blick über London haben. Rundherum werden die Raketen in den Himmel aufsteigen und wir haben den besten Platz. Und das sogar kostenlos.

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Am schönsten ist es zu Hause. Auf der Anhöhe in der Hampstead Heath, da hat man alles im Blick.

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Jetzt sind es nur noch 64 Tage bis zum Jahreswechsel. Dies ist mein 309-ter Bericht, den ich in diesem Jahr über London geschrieben habe. Und es ist auch der erste, der sozusagen doppelt erscheint. Denn tatsächlich hatte ich meinen allererster small-talk post am 5. November 2015 geschrieben. Der Titel lautete: Bonfire Night. Nun schließt sich also der Kreis und ich bin ganz froh darüber, denn langsam fällt mir das tägliche Schreiben schwer. Ich fange an mich selbst zu zitieren und das sollte nun wirklich nicht sein. Andererseits bin ich auch ehrgeizig genug jetzt nicht kurz vor dem gesteckten Ziel aufzugeben. Ich werde also alle 365, äh 366 (Schaltjahr!), Artikel schreiben und mich dann lange Zeit wundern, dass ich es wirklich geschafft habe.

The boss himself says:

 

George says: “Bonfire night on Parliament Hill? Nice idea, so grab our winter woollies. You can count on me.

Ich sage: “Mal sehen wie das Wetter wird. Aber es wäre schade, das farbenfrohe, allerdings auch lautstarke Spektakel zu versäumen. Und bitte vergiß diesmal nicht wieder die Taschenlampe.” “Oh yes, but it was a cosy atmosphere, wasn’t it?” “Es war halsbrecherisch gefährlich!”

Was passierte noch am 28. Oktober?

 

de 1943  

Keine Nachricht zu finden. Aber ein paar Geburtstagskinder, zum Beispiel

Cornelia Froboess. Zusammen mit Peter Kraus habe ich sie bei meinem

ersten Kinobesuch, wohl mit sechs Jahren, gesehen und bewundert. Tja,

und jetzt wird sie 73 Jahre alt. Wie kann das sein? Wie auch immer, von

mir erst einmal einen herzlichen Glückwunsch!

uk 1908 Die Daily-Telegraph-Affäre beschäftigt die britische und deutsche Öffentlichkeit.

Abgedruckte Äußerungen von Kaiser Wilhelm II. lösen Empörung und in Deutschland

eine Staatskrise aus. Reichskanzler von Bülow bietet seinen Rücktritt an. Teile der

Öffentlichkeit fordern die Abdankung des Kaisers. – Den Daily Telegraph gibt es bis

heute. Ich schätze die eher konservative Zeitung und lese sie gerne täglich.