272. Tag, Rest: 94 Tage 

Europa wartet auf den offiziellen Austritt Englands und muß sich gedulden. Das fällt ihnen genauso schwer wie uns das Warten auf Weihnachten in Kindertagen. Und das überrascht mich und freut mich irgendwie. Eine menschliche Schwäche wird hier gezeigt, die den abgehobenen Politikbetrieb in Brüssel ein kleines bißchen näher bringt. Und die Engländer? Was machen die? Die Premierministerin Theresa May hat sich nach ihrer Wahl klar geäußert: Brexit ist Brexit und der Startschuß nach Artikel 50 fällt nicht mehr in diesem Jahr. Aber gleich Anfang 2017, woraus die Presse “Januar” machte. Jetzt wiederholte sie den Satz und fügte nach einer kleinen Kunstpause leise hinzu: “… or February.” Ha, ha, britischer Humor oder einfach nur gewohnte Lebensweise? 

Eigentlich erwarten wir doch den Untergang Englands, oder etwa nicht? Sitzen die jetzt schon im Überlebensbunker und warten auf ein Wunder? So hat es der Cartoonist Matt Pritchett jedenfalls mit der typischen britischen Selbstironie interpretiert. In Wirklichkeit aber geht das Leben in London weiter und zwar prächtig. Man freut sich auf die beginnende Partysaison und holt schon mal den Smoking ans Tageslicht. Kurz ausbürsten oder Reinigung? “A good brush out is enough, soon things are getting lively again.” So, so.

Hoch her geht es auch in den britischen Tagträumen. Denn die ranken sich zur Zeit um ein Schiff, das noch in Edinburgh an der Kette liegt. Ja, es geht um die stolze, royale Yacht Britannia, die 1997 wegen Geldmangels außer Dienst gestellt worden ist. Es war das einzige Mal, dass Queen Elizabeth öffentlich eine Träne wegwischen mußte. Das Schiff war ihr ein und alles, weit mehr als ein bequemes Transportmittel. Eigentlich war es die Summe vieler glücklichen Stunden und Ereignisse, die sie dort an Bord erlebte oder nachfühlte. Der Labour Mann Tony Blair hatte gleich nach seiner Wahl als Premierminister die harte Entscheidung getroffen; es gibt kein Geld mehr für das Schiff. Eine mutige Ansage.

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HMY Britannia. Sie liegt im Ocean Terminal von Edinburgh und kann besichtigt werden.

Jetzt scheint es plötzlich möglich die HMY Britannia zu reaktivierten! Auf einmal sind die benötigten 100 Millionen Pfund verfügbar. Viele wohlhabende Briten spenden großzügige Beträge. Die Engländer sind von der Idee geradezu euphorisiert. Nach zwanzig Jahren wird der Traum, die traditionsreiche Pracht und Stolz jedes Briten auferstehen zu lassen, doch noch wahr. Wieso auf einmal diese Kehrtwende? Es ist kaum zu glauben, aber der Grund ist in der Brexit Entscheidung zu finden. Kaum haben die Briten realisiert, dass sie vielleicht wirklich vom freien europäischen Handel ausgeschlossen werden, da münzen sie diese Erkenntnis nicht etwa in kollektive Depression um, sondern können dieser Tatsache im Handumdrehen eine positive Bedeutung zuordnen. Ihr Gedankengang ist ganz einfach: Kein Handel mit Europa, dann eben mit den Ländern des Commonwealth (Canada, Australien, Indien …). Das bedeutet mehr diplomatischen Kontakt weltweit, -eine klassische Aufgabe der royalen Familie-, also brauchen wir ein königliches Schiff. Hurra! 

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Vielleicht muß ein Neubau her? Dann wird das Schiff der alten Yacht ähneln. Man braucht keinen ‘Riesenpott’, lieber klein und fein und vor allem königlich elegant.

Ich beneide und bewundere die Engländer um diese kluge Fähigkeit. Sie wissen, dass sie die Realität nicht ändern können. Aber sie wissen auch, das es viel wichtiger ist, welche  Bedeutung man den Tatsachen beimisst. Wir jammern ‘Oh Gott es wird schon wieder so früh dunkel’ während der Engländer sich auf ein frühes Zubettgehen mit der Freundin freut. Alles Jammern, Greinen und kollektive Angst haben ist ihnen wesensfremd. Stattdessen ringen sie um eine bißchen Freude, Spaß und Lebenslust. Und damit sind sie tatsächlich die Gewinner. Sie wissen um das Geheimnis wie man sich selbst aktiv glücklich machen kann. Kein Wunder das sie so selbstbewußt auftreten; es gibt tatsächlich nichts wovor man sich auf der Insel fürchten müsste.

The boss himself says:

George says: “Rule, Britannia! Britannia rule the waves! Britons never will be slaves.

Ich sage: “Würde unser Präsident mit einer Regierungsyacht die durch die Ostsee schippern, würde ich die Augen verdrehen. Aber er ist nun mal auch nicht das Oberhaupt einer weltumspannenden Staatengemeinschaft.”

 

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Näher kommt man nicht ran. Die Yacht liegt gut versteckt hinter einem Terminalgebäude, dass nur gegen Eintritt passierbar ist.

 

 

Was passierte noch am 28. September?

 

de 1969 Willy Brandt einigt sich am Wahlabend mit Genscher auf eine Koalition,

so wird der SPD Mann überraschend Bundeskanzler und die CDU guckt

in die Röhre. Wer zuletzt lacht, lacht …

 

uk 1745 Die spätere britische Nationalhymne ‘God Save the King’ wird zu Ehren von

König George II. von Hannover uraufgeführt. – Rule Britannia ist sozusagen

die inoffizielle Hymne, die meist als Doppelpack mitgeliefert wird. Pay one,

take two.