242. Tag, Rest: 124 Tage 

Wir waren mal wieder in der Oxford Street zum Gucken und Einkaufen. Eigentlich sind wir schon auf dem Weg zur Bond Street Station, da fällt George noch etwas ein. “Let’s go a detour. I will show you something special.” Ich bin gespannt, was er mir diesmal zeigen will. Nach einem kurzen Weg biegen wir in die Brook Street ein, die mitten durch Mayfair führt. Eine exklusive Gegend mit teuren Geschäften. Vor der Parfumerie Jo Malone, bekannt für ihre schwarz-weissen Verpackungen, bleiben wir stehen. Das Haus ist eingerüstet und sieht eher nach Baustelle als Luxusshop aus. Was wollen wir hier? Bekomme ich jetzt einen neuen Duft geschenkt? Oder will er sich was Aufregendes kaufen und mich zum Probe riechen dabei haben? Ich bin auf alles gefasst. George zeigt zum Baugerüst hoch. “Can you see the blue plague?” “Wo? Welches Schild meinst du?” “The round one above the window.” “Ja, jetzt habe ich es entdeckt. Und?”

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Die Schilder sind vom Baumörtel so verdreckt, das ich die Schrift nicht lesen kann. Aber ich kenne diese Plaketten. Sie sind an Häusern angebracht, um auf prominente, meistens längst verstorbene, Bewohner aufmerksam zu machen. Es sind sogenannte English Heritage Blue Plague. Wer also wohnte hier? Wen will mir George vorstellen? Seine Antwort verblüfft mich erst einmal, weil ich den Musiker zwar kenne, aber niemals ein Fan von ihm war. “At number 23 lived Jimmy Hendrix in an upstair flat from 1968 until 1969.” Ein Jahr später starb er dann in London. Wie gesagt, ich wurde nie mit seinem Lebenstil warm, er war mir zu wild, aber es überrascht mich, das er in London gelebt hat. Irgendwie dachte ich, er wäre Amerikaner gewesen, was übrigens auch stimmt.

George scheint noch nicht alles gezeigt zu haben, denn er zieht mich jetzt zur rechten Seite des Hauses, wo ebenfalls eine Gedenktafel provisorisch am Gerüst befestigt ist. Auch die kann ich nicht entziffern, aber als er es mir verrät bin ich wirklich platt. “The great composer George Frideric Handel lived at 25 Brook Street!” Händel zog 1723 hier ein und starb in diesem Haus 1759. Angeblich wußte Hendrix nichts von seinem ehemaligen berühmten Nachbarn. Damals, zu seiner Zeit, gab es diese Plaketten noch nicht.

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Weil noch Zeit ist, machen wir einen Abstecher zum Mews of Mayfair. Ein sehr edles Restaurant, aber auch eine Cocktail Bar und eine Lounge, alles unter einem Dach. Es ist dort nicht ganz billig, aber es wird auch etwas geboten. Ich werfe nur einen kurzen Blick in den Dining Room und bin beeindruckt. Die Wände sind mit historischen Karten dekoriert, man glaubt sich im Zentrum einer gezeichneten Weltkugel. Sehr gediegen. Wir gehen in die Cocktail Bar, wo es immerhin ab £3.50 ein Glas Saft gibt. Ich bestelle mir aber lieber einen Smoothie mit Banane, Milch und Vanille und anschließend einen sehr guten Kaffee. Das lässt sich gerade noch mit zehn Pfund bezahlen. Viel interessanter finde ich aber die Karte für den Afternoon Tea, die ich ausgiebig studiere. Der Afternoon Tea schlägt mit £32.50 zu Buche, das ist nicht wenig (38 Euro), aber da wird auch etwas geboten: Huhn mit Zwiebelbrot, Kichererbsen in scharfer Pfefferpastete, frische Garnelen, Bagel (Brötchen) mit Lemon Mayonnaise, Schottisches Angus Beef, und Tomatenbrot mit Meerettich Crème Fraiche. Wenn man damit durch ist, werden die Scones serviert. Leckere, warme “Heisswecken” mit Marmelade und Clotted Cream. Im Mews gibt es gleich zwei hausgemachte Sorten. Anschließend kommen die Etageren mit Fancies and Cake auf den Tisch. Das sind Kuchen und Leckereien mit viel Schokolade, Trüffel und Marzipan. Und dazu natürlich Tee oder Kaffee. Das ist also deutlich mehr als ein deutscher Nachmittagskaffee. Und es dauert auch länger, man sollte sich wirklich Zeit nehmen. Wer will kann noch ein Glas Champagner bestellen, dann sind die £50 erreicht. Übrigens werden auf die Rechnung noch 12.5% Service Charge gebucht, diskret in der Menukarte ausgewiesen. Also nicht wundern und vor allem nicht gleich losmeckern. Die Rechnung kann durchaus höher als die Kalkulation ausfallen. Diese Art des Trinkgeld Gebens ist in London üblich und eigentlich eine praktische Sache. Wie oft ist man unsicher, was man denn nun obendrauf legen soll.

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So einen Nachmittag wünsche ich mir, denn das Ambiente ist schon etwas ganz besonderes. Wenn mal ein Anlass sein sollte, würde ich ihn gerne hier feiern. George nickt, das hat er registriert. – Übrigens finde ich es fair, dass man hier auch einen “Tea & Scones” anbietet, sozusagen ein abgespecktes Schnupperangebot, das mit £10.50 bezahlbar ist.

Während wir an den Strohhalmen saugen, und bemüht sind keine unangemessenen Geräusche zu machen, erzählt mir George noch etwas über die beiden Musiker, die in Mayfair lebten. Für Händel war die Wohnung das erste eigene private Haus, das er in London hatte. Von Hendrix ist überliefert, dass er einer Freundin schrieb: “This is my first real home of my own.” Als Jimmy vom berühmten Nachbarn erfuhr, ging er gleich in den nächsten Plattenladen und kaufte sich Messiah und Water Music. Bisher hatte er von Händel noch keine Komposition gehört, jedenfalls nicht bewußt. Heute sagt man, dass in seinen ‘thounderous guitar chords’ Elemente dieser klassischen Werke eingearbeitet sind.

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Und so wird dann der Sesam Street Cocktail im Mews serviert. Der ist nicht etwas für Kinder gedacht, ganz und gar nicht. Er enthält laut Karte: Glenmorangie whisky infused with apricots, sesame oil, egg white and topped with toasted seeds.

 

The boss himself says:

George says: “Do you spent me a blue plague when I’m dead?

Ich sage: “Und was soll darauf stehen?” “Here lived the most happiest man of the world.” ” 😛 ”

Was passierte noch am 29. August?

de 1924 Die Büchergilde Gutenberg wird vom Bildungsverband der deutschen Buchdrucker

in Leipzig gegründet, um einfachen Leuten durch billige Bücher den Zugang zur Bildung

und Kultur zu ermöglichen. – Wer Klassiker mag, kann sie dort kostenfrei, inzwischen

im Internet angeboten, lesen und sogar downloaden.

uk 1782 Das britische Linienschiff Royal George kentert und sinkt, während es im Solent vor

Anker liegt. Fast 1.000 Menschen ertrinken, darunter Vizeadmiral Richard Kempenfelt 

und eine große Anzahl von Kindern und Frauen. Der Untergang ist bis heute das schwerste

Schiffsunglück zu Friedenszeiten in der Geschichte der Royal Navy. – Nee, die Titanic

war zwar ein britisches Schiff, unterstand aber nicht der Royal Navy.