202. Tag, Rest: 164 Tage 

Normales Wetter definiert der Londoner irgendwo zwischen fünf und siebzehn Grad Celsius, trocken oder leichter Regen, winters wie sommers. In diesem Jahr ist es unnormal, wobei die tiefen Temperaturen nicht stören. Aber der tägliche Regen, eigentlich sind es immer gleich Wolkenbrüche. Bleibt es endlich ein paar Tage trocken, dann bricht unter Garantie irgendwo eine Hauptleitung und schon stehen wieder ganze Straßenzüge knietief unter Wasser. Zum Verrücktwerden. Jetzt aber dreht es sich, heiße Luft aus dem Süden legte sich am Wochenende über die Insel. Gerade noch rechtzeitig zur Ferienzeit.

tower
Summer in the city. Die Lunchpause wird auf den Stufen an der Themse verbracht. Dieser Platz liegt vor der City Hall dem Londoner Rathaus.

Sofort drängen alle an die Küste; wer in London bleiben muß, verbringt wenigsten die Mittagspause im Freien. Aber so ganz entspannt kann der Engländer das schöne Sommerwetter nicht genießen, denn irgendwie hat er immer latent Angst vor Sommerhitze. Klettert das Thermometer über 20 Grad Celsius, wird er nervös, ab 25 Grad wird Alarm ausgerufen: Heatwave! Was befürchten die Londoner? Sonnenstich oder Brandblasen? Vielleicht beides. Einer drückt es gestern klar aus: “It’s like being inside a volcano.” George nutzte die Gelegenheit, kam früh nach Hause und zog das Hemd schon zwischen Carport und Haustür aus. Mit nackten Oberkörper begrüßt er mich: “It’s boiling!” Und da dämmerte mir langsam was der Grund für die Hitzefurcht sein könnte. Egal wie es kommt, der Londoner geht immer gut gekleidet ins Büro und dazu gehören Businesshemd mit Manschetten, Krawatte und Anzug. Kein Wunder das ihm warm wird. Kaum ist der elegante Geschäftsmann zuhause, lässt er die Hüllen fallen und mault, wenn er zum abendlichen Diner seine Pants wieder anziehen soll.

Die meisten Londoner, die in der City arbeiten, fahren täglich mit der Bahn. Und das ist wirklich eine Herausforderung. Man könnte ja vermuten, dass es in den Tunnels der Underground kühl wäre, aber weit gefehlt. Vielleicht sind sie so tief unter der Erde, dass hier schon die Hitze des flüssigen Kernes zu spüren ist? Ist man endlich in eine Bahn eingestiegen, steht man eng an eng im Gang und konzentriert sich auf die Schweißperlen, die einem über Brust und Rücken rinnen. Das ist wirklich eine Herausforderung, denn die Temperaturen sind tropisch. Sollten Sie eine Bahn mit Klimaanlage erwischt haben, danken Sie ihrem Schutzengel auf Knien. 

36grad
Gestern in der Tube wurden 36,5 Grad C gemessen. Wer dann noch so charmant lächelt, muß eine Londonerin sein. Übrigens war es in den Bussen auch nicht kühler, dort wurden 34,8 ° angezeigt. – Immerhin sind das 96,8° Fahrenheit und das hört sich tatsächlich kochend heiß an. Viele rechnen in dieser Einheit.

Gestern nachmittag aber wurde es dann ganz ungemütlich. Urplötzlich hatte sich ein Loch unter den Gleisen, nahe der London Bridge, aufgetan. War es die Hitze oder wollte jemand Luft in seine Höhle lassen? Eine erste Prüfung ergab eine Tiefe von immerhin 50ft. Das sind stolze 15 Meter! Hat man sich vermessen? Rechne ich falsch um?  Das entspricht ungefähr einem fünf geschossigen Hochhaus!

sinkhole
Ein 15ft sinkhole legte den Bahnverkehr lahm. Was ist da unten? Huhuuuuuh.

Die London Bridge (Zentrum) wurde für den Bahnverkehr gesperrt. In Richtung Süden ging nix mehr. Dabei hatte der Feierabendverkehr gerade erst eingesetzt. Das Chaos nahm seinen Lauf. Und dazu die Saunatemperaturen, das war eine brisante Mischung. Aber der Londoner Pendler ist einiges gewohnt und bleibt im allgemeinen auch in solchen Situation bewunderswert ruhig. – Innerlich kocht er, aber es wäre ihm zu peinlich, wenn das irgendjemand mitbekommen würde.

Immerhin die unverzichtbare Entschuldigung seitens des Bahnbetreibers kam zuverlässig schnell: “We apologise sincerely for the disruption and assure passengers both Network Rail and Thames Water are working as hard as possible to restore the railway to full capacity.” Da bleibt mir nur noch zu wünschen: Toi, toi, toi.

bridge
London Bridge ist dicht. Alles Züge sind “delayed”. Der Londoner zückt sein phone und meldet nach Hause: “Grrrreat! Sinkhole to my heard.”

The boss himself says:

George says: “‘I’m not going complain if it’s hot on public transport because it means the weather is nice outside. It happens so rarely maybe we should just brave it when it does.”

Ich sage: Sprach er, füllte sich das Glas noch einmal voller Eis und lässt den Rest der kalten Würfel ins Hemd rutschen. He’s sooooo cool.

 

Was passierte noch am 19. Juli?

de 1975 Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wird gegründet. – Ich bin

Mitglied, Nicht immer mit allen Aktionen einverstanden, finde aber gut das die Natur

eine politische Lobby in der Gesellschaft hat.

uk 1796  

In Margate nahe der Themsemündung wird das erste Seehospiz eröffnet. Der Arzt

John Coakley Lettsom erhofft sich davon bessere Genesung von Kranken durch das

Meeres-Reizklima. – Vermutlich waberte schon damals der Kaminrauch durch die

Londoner Straßen. Heute verursachen die vielen Dieselfahrzeuge den Smog in der City.