181. Tag, Rest: 185 Tage

Nun ist es passiert. Das Vereinigte Königreich verlässt die Europäische Gemeinschaft. In diesem Fall wäre es vielleicht sogar besser von England zu sprechen, denn Schottland geht den Weg nicht mit. Am Tag danach, als das Ergebnis bekannt gegeben wurde, kam in London der Ruf auf, man will sich ebenfalls von England lossagen. Keine 24 Stunden später war diese durchaus ernst gemeinte Petition bereits von über 100.000 Londonern unterschrieben. Gleichzeitig machten sich zehntausend Bürger auf den Weg zum Trafalgar Square. Dort protestierten sie gegen die Entscheidung, die sie selbst, keine 24 Stunden vorher, getroffen hatten. Was ist los mit den Engländern? Sind sie alle plemplem?

 

protest

 

Ja, sie sind. Aber noch immer will ich sie als liebenswert naiv betrachten. Sie scheinen einfach nicht zu wissen, was sie tun. Im besten Sinne. Mir kommen sie wie tollpatschige Welpen vor, die viel Blödsinn machen, aber immer unter die Schutzregel fallen: ‘sie wollen nur spielen’. Bezeichnend ist es, dass die Politiker, die für den Brexit monatelang kämpften, und nun Erfolg hatten, überhaupt keine Vorstellung haben, wie es jetzt weitergehen soll. Für ein deutsches Gehirn, dass ein bißchen strategisch geschult ist, unvorstellbar. Die haben weder einen Plan A geschweige denn B. 

 

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Am Tag danach: Man protestiert gegen sich selbst.

 

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Quelle: Daily Telegraph, Matt Pritchett

Die Schlagzeile am Tag nach der Wahl, sagt alles: “I really regret my vote now”. Eine Londonerin wird interviewt und steht mit ihrer Einschätzung weiß Gott nicht alleine da: “I was very disappointed about the result, even though I voted to leave (!), this morning I woke up and the reality did acutally hit me.” Irgendwie hat niemand damit gerechnet, das die Abstimmung Folgen haben wird. Die Engländer haben ihren Stimmzettel angekreuzt als wäre es eine Pferdewette. Gewinnt man, prima, verliert man, setzt man auf das nächste Rennen. Dass das Pfund mal kurz um 15 Prozent abgewertet wurde, nimmt der Engländer wohl akkustisch war, kann sich darunter allerdings nichts vorstellen. Schnell wirft er einen Blick in sein Portemonnaie und stellt erleichtert fest, hurra ich habe noch genauso viel im Beutel wie gestern. Das er dafür aber nicht mehr dasselbe bekommt wie gestern, erschließt sich ihm erst, wenn er an der Ladenkasse steht. Und es betrifft natürlich nicht nur Neuwagen, Computer oder TV-Geräte. Das fängt an der Tankstelle an und hört bei Aldi und Lidl auf. Beide Ladenketten gehören in England längst zu den Marktführern und importieren ihre Waren aus Deutschland. Da kosten dann Brot, Eier und Tee ab sofort 15 Prozent mehr.

Wirklich sprachlos hat mich dann die spontane Umfrage in den Medien gemacht. Sie zeigt das ganze Elend nach der Wahl. Man ist mit einem riesengroßen Kater aufgewacht und hat (noch) nicht die geringste Ahnung, was in den nächsten Monaten und Jahren auf die Engländer zukommen wird. Die Kernforderung, keinen freien Zuzug von Ausländern aus europäischen Ländern, kann gar nicht umgesetzt werden. Zwar kann man rechtlich jetzt eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung verweigern, nur dann müssen morgen die Krankenhäuser schließen. Ärzte und Pfleger sind schon längst keine Engländer mehr, sondern europäische Kollegen. Über solche Zusammenhänge macht sich auf der Insel niemand Gedanken. Dasselbe gilt für Handwerker, Postboten, Müllmänner etc. Und was noch schlimmer ist, die Mehrheit glaubt, wenn sie ein richtig lautes SORRY sagt und ehrlichen Herzens Bedauern zeigt, dann wird alles wieder gut. Sie können sich (noch) gar nicht vorstellen, das es in Brüssel nicht so läuft. Die Tür ist endgültig zu. Wenn die Engländer das begreifen, werden Tränen fließen.

 

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Einen Tag nach der Abstimmung sprechen sich 77 Prozent der Engländer für eine Wiederholung aus. Eine durchaus ernst gemeinte Erwartung.

  

 

 

 

The boss himself says:

George says: “‘Over night I became a poor man. Honey, you have to pay the bill in future. I’m so sorry. And don’t forget your oath: In good and in bad days …

Ich sage: “Stimmt, mir geht es jetzt finanziell in London prächtg. Ich denke wir werden nicht verhungern und ein Theaterbesuch pro Monat sollte auch machbar sein.” “What would I do without you.” “Und übrigens habe ich gar nix geschworen, aber in der Sache ist es schon okay.”

 

  

Was passierte noch am 29. Juni?

de 1951

In Bayreuth werden die ersten Richard-Wagner-Festspiele nach dem Krieg feierlich

eröffnet. – Endlich, 1983, steht dann mein Favourit Sir Georg Solti am Pult. Leider

wird die Aufführung ein Fiasko. Aber sein “Ring” auf CD ist noch immer hörenswert.

uk 1855

In London wird die Tageszeitung The Daily Telegraph gegründet. – Eine konservative

Zeitung, die für den Brexit eintrat. Ihr Cartoonist Matt Pritchett ist mein Favourit.