89. Tag, Rest: 277 Tage

Die Uhr tickt. Jetzt sind es nur noch drei Wochen, dann wird die Queen 90 Jahre alt. Der Startschuß zu einer monatelangen Gute-Laune-Party. Mir ist der Trubel recht, denn die Engländer wissen zu feiern. Vielleicht wird London noch mehr Touristen anlocken, aber bei einer Einwohnerzahl von gut acht Millionen Menschen, fällt das gar nicht auf. Ganz langsam fängt die Presse an, sich und vor allem die Leser auf das Ereignis einzustimmen. Im TV laufen Sondersendungen und am Geburtstag (21. April) wird bestimmt ein Extrablatt vor der Haustür liegen. Ganz ohne Entgegenkommen der Royals geht es nicht. Wer sich feiern lassen will, muß sich Gäste einladen. Und so konnte man jetzt einen ersten Appetithappen probieren. Gleich zehn engste Mitglieder der Familie plauderten sozusagen aus dem Nähkästchen. Übrigens eine Redewendung, die der englischen Sprache komplett unbekannt ist. Ich vermute es liegt daran, dass das Ausplaudern von Geheimnissen der englischen Seele extrem weh tut. Nicht dass man das nicht macht, aber es ist weit unter der Gürtellinie und wird schwer geahndet: Unsocial behaviour! Rote Karte, schämen.

Was dann die Kinder und Enkel der Queen preisgaben war zwar manchmal recht privat aber immer verdammt nett und ließ mich vor Rührung hin- und wieder ins Taschentuch schnuffeln.

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Das sind keine Gesten für die Presse sondern authentisches Auftreten. Wenn Elizabeth ihren edlen Pferde in den Royal Mews in Windsor besucht, bringt sie immer eine Karotte mit.

Als erstes lernte ich die korrekte Anrede: Her Majesty. So spricht man sie ausnahmslos an. Sollte aber der small-talk länger dauern, und das bestimmt alleine die Königin, dann darf man schnell zum schlichten aber netten Ma’am wechseln. Das aber bitte nie lang betonen, sondern kurz, wie im Wort ‘jam’. Gut zu wissen, dann bin ich für den Fall der Fälle schon mal sprachlich fit.

Dann aber verriet uns the Duchess Kate ein echtes Familiengeheimnis. Nämlich das der kleine Prinz George einen eigenen Namen für seine Ur-Großmutter erfunden hat. Er sagt Gan-Gan und jeder weiß, wen er meint. Haben wir nicht alle einen Namen für Oma und Opa kreiiert? Der dann sofort von allen anstandslos und auf Lebzeiten des Betreffenden übernommen wurde? Es ist schon bemerkenswert, dass solche Internas jetzt bekannt gemacht werden. Natürlich ist das nicht ohne Zustimmung der Königin passiert. Es zeigt deutlich, das sie ihren runden Geburtstag zum Anlass nimmt, sich langsam aus dem Amt zurückzuziehen. Statt die Pflicht stets über alles zu stellen, werden die Prioritäten neu gemischt.

Ich fand es schon rührend zu lesen, dass die Königin immer eine kleine Überraschungen für ihre beiden Urenkel mitbringt. Wann immer sie George und Charlotte besucht, und das ist nicht selten, finden die Kinder abends ein kleines Spielzeug im Bett. Ich glaube Prinz Charles hat solche Aufmerksamkeiten nicht erhalten. Aber eben aus Gründen der Staatsräson und nicht mangels Liebe.

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Wenn die Schwäne aus dem Winterquartier entlassen werden und wieder die ganze Themse als Schwimmbecken haben, dann ist die Queen immer dabei. Die Vögel sind royales Eigentum, also haben sie auch eine Royal Guard.

Prinz William erzählte in dem zweistündigen TV-Porträt ausführlich über seine Erfahrungen mit Besuchern im Palast. Das fand ich sehr amüsant. Mehrfach erlebte er, wie gestandene Männer beim Anblick ihrer Königin fast ohnmächtig wurden. Da wäre ich ja zu gerne dabei gewesen. “I’ve seeing people become so nervours at meeting the Queen that they faint in front of her. Very comical moments. There’s a lot of trembling knees and people can’t talk sometimes.” – Na gut, ich könnte es auch nicht. Ich brauche ja schon das Riechsalz, wenn wir zusammen mit ein paar tausend Untertanen die National Hymne singen.

Ein anderer enger Verwandter bestätigte uns, das die Königin über ein privates “intelligence network” verfügt. So ist sie immer auf dem Laufenden. Der Dame entgeht kein Klatsch und Tratsch um die eigene Person, aber sie nimmt es sportlich und wenn der Gag gut ist, lacht sie herzlich mit.

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Noch so ein ganz privater Moment: Die Queen in Windsor, zusammen mit ihrem Pferdemeister.

Erstmals durfte das Fernsehen das wöchentliche Meeting mit dem Premier Minister in voller Länge filmen. Cameron wird innerlich geflucht haben, denn er durchlebt Wochen der Dauerkrise. Übrigens selbstgemacht. Trotzdem will er es bestimmt nicht im TV präsentieren. Also auch das ein Zugeständnis, das bisher undenkbar war. Da die Queen immer blitzwach ist und alles wahrnimmt, was in ihrer Umgebung geschieht, ignorierte sie auch nicht das Kamerateam. Sie erzählte vom jährlichen Diplomatenempfang im Buckingham Palace. Als sie dieses Jahr die Tür zum großen Saal öffnete, wo alle Botschafter versammelt waren, fragte sie vorher ihre Begleitung: “Do you think, if we open the door, is there anyone here?” – So macht man small-talk.

Nach der Sendung dämmerte mir, das die Queen ganz und gar englisch denkt und fühlt. Was natürlich keine Überraschung ist. Aber sie zeigte genau die Qualitäten, die ich an den Engländer so liebe. Ich merkte es, als beispielsweise Kate erzählte: “She (the Queen) is very supportive. The fact she took the time to make sure that I was happy shows just how caring she is really.” Da haben wir es wieder, der Engländer gewichtet die Dinge anders als wir. Sein Hauptaugenmerk gilt dem Glücklichsein.

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Einer Königin wäre das nicht passiert. (Bild: Matt Pritchett)

Schließlich wird der Prince of Wales interviewt. Er bezeichnet seine Mutter als “steadfast” (standhaft) und ergänzt lächelnd: “I said to my mother, do you realise that when you reach 90 I shall have known you for 68 years? She had to laugh a little bit.” Da klingt ein bißchen Resignation mit, aber er darf natürlich eine sehr spezielle Sicht auf die lange Regentschaft seiner Mutter haben. Ganz bestimmt wird er aber sofort zustimmen, das die Queen es bisher hervorragend gemacht hat. Besser geht es nicht und wer immer in ihre Fußstapfen treten darf oder muß, wird sich verdammt anstrengen müssen. 

Das 2-stündige TV-Porträt der Königin wird am 27. März auf ITV1 um 20:00 Uhr wiederholt. Leider ist es nur in England zu empfangen. Ich denke aber, das man bald eine deutsche Fassung erstellen wird, die dann vielleicht auch schon anlässlich des runden Geburtstages auf einem der Info-Kanäle gezeigt wird.

The boss himself says:

George says: „You forget something. There’s not only the queen who celebrates the birthday.”

Und ich: “Ouuuups. Sorry sweetheart and happy birthday to you!” 

 

Was passierte noch am 29. März?

de 1970 Fernsehzuschauer können ab nun die Tagesschau  und Heute in Farbe

empfangen. – Der Inhalt ist irgendwie schwarz-weiß geblieben.

uk 1920 Croydon Aerodrome wird als Londons Hauptflughafen eröffnet. 1959 wird

er geschlossen und durch Heathrow, Gatwick und Northolt ersetzt.