334. Tag, Rest: 32 Tage 

… sagt der Engländer, wenn er das Glas auf Ex leert. Und das passiert in diesen Wochen vor Weihnachten jeden Abend viel-tausend Mal in den Londoner Pubs und auf den Weihnachtsmärkten.

 

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Wer den Trubel nicht mag, kann in den Kew Gardens eine Winter-Lichtershow besuchen. Hier gibt es keinen Alkohol aber ganz viel Stimmung.

 

Es ist draußen schon hell als ich gut ausgeschlafen erwache. George ist spät nach Hause gekommen und hat im spare room übernachtet. Dort liegt er noch immer in den Kissen, was um diese Zeit ziemlich ungewöhnlich ist. Er blinzelt mich an und grummelt ein: “I’m feeling a little fuzzy around the egdes.” Das ist Rekord, ich bin noch keine 30 Sekunden wach und schon wische ich mir die Lachtränen aus dem Gesicht. Das ist ja mal wieder eine wunderbare Formulierung für den weniger schönen Tatbestand des Verkatertseins. Während ich mir die Zähne bürste, lässt George die Alka-Seltzer Tablette ins Glas plumpsen. “If this is the Empire Of Booze (Sauferei), I fear that, last night, I might have been well and truly conquered.” So charmant und selbstbewußt teilt der Engländer einem mit, dass er einen über den Durst getrunken hat und jetzt Schonung braucht.

 

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Viele Londoner Pubs haben einen Hauskater. Den sollte man aber nicht mit nach Hause bringen. Dies hier ist Purdy vom Gunmakers in Marylebone. Niemand stört sich an dem Tier auf der Zapfanlage. Ich übrigens auch nicht.

 

Beim Frühstück will ich Details wissen. “Wart ihr im Hyde Park? Glühweintrinken im Wonderland?” George stöhnt auf, er will am liebsten gar nicht mehr daran denken. Das Londoner Winter Wonderland hat sich offensichtlich endgültig zum Bayerischen Oktoberfest gewandelt. Der Spirit of Christmas fehlt gänzlich, dafür ist jede Menge Alkoholgeruch in der Luft. “I had a horrible evening, surrounded by horrible people, horrible food and horrible weather.” “Für den letzten Punkt kannst du den Veranstalter nicht verantwortlich machen.” “Right”. Er schimpft sich jetzt erst einmal den Frust aus dem Leib und ich lerne neue Worte kennen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind. Ein finales “Overpriced small cups of watered-down piss that they call mulled wine …” “Danke, Sweetheart, ich habe es begriffen.”

 

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Statt Weihnachtsmarkt eher Oktoberfest. Als ich die Handyfotos durchsehe, denke ich nanu, was hat denn Angela Merkel mit dem Winter Wonderland zu tun? Immer zweimal lesen.

 

Der Engländer und seine Trinkgewohheiten sind ein Kapitel für sich. Neueste Studien belegen, dass drei von vier Briten, -wir würden sagen: 75 Prozent, aber darunter kann sich der Insulaner nix vorstellen-, täglich mehr als die empfohlene Menge Alkohol trinken. Und wieviel wird empfohlen? Sage und schreibe vier Gläser Wein pro Tag! Bei mir ist das fast eine Flasche. Ein witziger Nebeneffekt der großangelegten Umfrage war übrigens gewesen, dass man noch heute die ‘vermisste Hälfte’ sucht. Man hat tausende Engländer gefragt, wieviel Alkohol sie durchschnittlich konsumieren. Dann hat man die Angaben hochgerechnet und mit dem tatsächlich verkauften Alkohol verglichen. Man kam knapp auf die Hälfte.

Das tägliche Bier im Pub und/oder das Glas Wein zuhause ist in England mehr als Alkoholgenuß. Es gleicht eher einem Lebenskonzept, dem man verbal Ausdruck verleihen kann: ‘Life isn’t all beer and skittles (kegeln)’. Gemeint ist: Das Leben besteht nicht nur aus Vergnügen. Immerhin stirbt inzwischen jeder achte Brite unter 64 Jahren an den Folgen von exzessivem Alkoholkonsum. Zum Glück ist das niemanden anschaulicher bekannt als George, deshalb muß ich mir um ihn keine Sorgen machen. Einen Kater bringt er höchstens in der Vorweihnachtszeit nach Hause, wenn die Kollegen auf die seasonal outdoor party bestehen.

 

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Inzwischen brennen auch die Lichter in der Oxford Street. Weihnachtsstimmung kommt trotzdem nicht auf, es sind einfach zu viele Menschen hier. So schiebt man sich dann von Geschäft zu Geschäft.

 

Der Gesundheitsminister warnt regelmäßig, gibt erschreckende Zahlen bekannt, erlaubt aber gleichzeitig, dass Supermärkte das Bier mit dem Zusatz ‘buy one, get one free’ anbieten. Jugendliche, also Käufer unter 18 Jahren, dürfen weder Alkohol noch Zigaretten konsumieren. Es gibt aber eine fragwürdige Ausnahme, die schon 16-jährigen den Genuß eines Pint Bier im Pub erlauben, wenn sie nämlich das Getränk von einem Volljährigen bekommen haben. 

George schlage ich vor, dass wir heute mal eine kräftige Bouillon essen könnten und schon lächelt er wieder. Und dann fällt ihm ein, dass er mir ja noch etwas mitgebracht hat. “I hope it’s not broken” und schon kommt er mit einer großen Pappschachtel zurück in die Küche. “Was ist das? Etwa Christbaumkugeln? Du mußt ja mächtig getankt haben, wir haben jede Menge davon und mögen sie eher nicht leiden, oder?” “You will love it. Unpack the baubles carefully, they are filled.” Ich fingere vorsichtig eine der glänzenden Dinger aus dem Karton. Sie sind schwerer als gedacht und dann fällt bei mir der Groschen. Die sind tatsächlich gefüllt. Und zwar mit allerfeinsten Gin! Da hat er aber hunderprozentig meinen Geschmack getroffen. Die hängen wir jetzt sofort in den Baum und zwar tief unten, dann kann man nicht sofort sehen, wieviele ich schon geleert habe. Merry Christmas and bottoms up!

 

 

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Hochprozentiger Christbaumschmuck. – Im Sommer habe ich den Cocktail entdeckt und damit auch den Gin. Es gibt unzählige Nuancen. Gin ist der einzige Schnaps, der mir wirklich schmeckt. Schon der aromatische Duft des Wacholderschnapses ist anregend. Aufgefüllt mit Sekt ist das ein liebgewordener Spät-Nachmittags-Drink.

 

 

 

The boss himself says:

 

George says: “Have you ever seen on rum bottles written ‘Navy strength’?” “Ja, schon oft”. “I tell you the origin of the term, listen. Short after 1700 it became standard practice in Royal Navy to issue a daily rum ration. But the Navy needed some way of measuring the spirit’s alcoholic strength, so they came up with a crude, but effective, technique. Some gunpowder was mixed into a sample of the rum and, if it didn’t ignite, it meant that the rum was less than 57 per cent alcohol. If it exploded, it was rather stronger.”

Ich sage: “Man kann Schiesspulver damit zur Explosion bringen? Oha. Dann pass bloß auf, was du heute isst. Und am besten ganz still sitzen. Ich hol’ schon mal den Feuerlöscher.” 

 

 

 

christmas
In Finchley, wovon ich vor ein paar Tagen berichtete, gibt es eine schöne Tradition. Immer im Dezember öffnen viele Menschen dort ihre Häuser und verkaufen Selbstgemachtes für einen guten Zweck. So findet man nicht nur unerwartete Kunstwerk, sondern lernt auch noch Freunde kennen, die ganz in der Nähe wohnen.

 

 

 

Was passierte noch am 29. November?

 

de 1949

Bonn wird vom erstmals tagenden Deutschen Bundestag zur „provisorischen

Bundeshauptstadt“ gewählt. – 25 Jahre später war ich mal da. Ein netter Platz,

mit einem Hauptbahnhof, kleiner als die Undergroundstation in Hampstead. 

 uk

1814

The Times wird in London als erste Tageszeitung der Welt mit der von Friedrich

Koenig erfundenen Schnellpresse hergestellt. Dies markiert einen Meilenstein in

der Geschichte der Drucktechnik, der die Produktion von 1100 Exemplaren pro

Stunde erlaubt und damit die Ära der Massenblätter einläutet. – Ich wusste es,

deutsch-englische Teams sind unschlagbar.