335. Tag, Rest: 31 Tage 

… denke ich mir, als ich mir die Beiträge der letzten Wochen noch einmal ansehe. Aber was fehlt? Ich komme nicht drauf. Erst als ich die Schlagzeile lese, fällt es mir sofort ein: ‘Piccadilly Line delays – tube chaos’. Klar, der Herbst geht zu Ende und wir hatten noch keinen einzigen Tag wetterbedingten Tube Ausfall. Haben die etwa in diesem Jahr vorgesorgt? Kaum vorstellbar, eher würde ich den Klimawandel als Verursacher benennen wollen. Aber zum Glück ist es jetzt ja doch noch passiert. Gerade noch rechtzeitig steht die Underground still, weil nasses Laub (!) auf den Schienen liegt. Hurra, ich bin zweifelsfrei in London.

 

piccadilly-line
Die Züge der Piccadilly Line kann man leicht erkennen. Ihr Dach ist ziemlich halbrund. Zwischen Zug und Tunnelwand ist übrigens verdammt wenig Platz.

 

Pünktlich am Black Friday stellte die Piccadilly Line den Verkehr mitten im frühen Berufsverkehr komplett ein. Das ist der Freitag mit den Sonderangeboten. Wer kann stürmt die Kaufhäuser der Innenstadt und kämpft unter Einsatz seiner Gesundheit um die billigsten Angebote. Kaum begann der Berufsverkehr, da reduzierte man erst einmal die Züge um fünfzig Prozent. Nur noch jede zweite Bahn wurde auf die Strecke geschickt. Nun gut, dann kommen die immer noch alle fünf bis sechs Minuten in den Bahnhof gerollt, aber sie sind so überfüllt, dass ein Zusteigen unmöglich wird. Und der Engländer ist da trainiert, den schreckt eine vollgepackte U-Bahn nicht ab. 

Schließlich wurden die Schienen so rutschig, dass der Verkehr komplett eingestellt wurde. Warum? Wie kann nasses Laub einen tonnenschweren Zug in Gefahr bringen? Und warum passiert das nie in Hamburg? Da fährt die U-Bahn oftmals oberirdisch, die Bahnstrecke wird von Laubbäumen gesäumt und der Herbstwind pustet auch hier die Blätter auf die Gleise. Aber nie kommt es deshalb zu einem Ausfall oder auch nur einer Warnung. Da muß sich schon ein ganzer Baum quer über das Gleise legen, damit eine Strecke gesperrt wird. In London ist das ganz anders. Ein paar nasse Blätter oder auch Schneeflocken, wenn sie dann von der ‘falschen Sorte’ sind, reichen aus.

 

finsbury
Das Chaos ist perfekt. Die Tube fährt nicht mehr und die Commuter sind am Finsbury Park gestrandet. Man nimmt es relativ gelassen hin. Nur die Deutsche, die gar keinen Termin einhalten muß, ist natürlich am Kochen.

 

“When track become too slippery wheels on Tube trains lock while braking, causing excess wear and rendering them unsafe to use”, lautet die offizielle Erklärung. Ich frage mich: Wirklich? Kann nasses Laub tatsächlich die Bremsen blockieren? Und falls ja, wie wird dann mein Auto damit fertig? Am Finsbury Park, wo man in die Regionalzüge umsteigen kann, die die Leute von weit ausserhalb Londons abholt, brach dann das Chaos aus, nachdem die hoch frequentierte Piccadilly Line geschlossen wurde. Sie soll gleich mehrere Tage dicht bleiben. Grund: noch immer das Laub und noch immer kann ich es nicht glauben. TfL versucht zu beruhigen: “The Tube trains are currently being repaired at depots”. Was reparieren die denn da? Hat das Laub die Räder verbogen?

 

station
Der Bahnsteig ist rappelvoll. Kein Wunder, dass dauernd jemand vor eine Tube fällt.

 

Erstaunlicherweise nimmt der Londoner das Chaos ziemlich klaglos hin. Immerhin passiert es jeden Herbst und mir wäre längst der Kragen geplatzt. Aber nachdem der Betreiber ‘sincerely apologises’ kundgetan hat, ist die Sache erledigt. Da ist der Engländer großzügig. Ich bin zufällig unter den Gestrandeten, allerdings ohne Zeitdruck, und kann es mir leisten ein paar Beobachtungen zu machen. Immerhin schimpft einer ‘omnishambles’ (heilloses Durcheinander), aber er sagt es nur leise, mehr zu sich. Ein anderer spricht von ‘ridiculous’, lächelt dabei aber freundlich. Eine junge Frau fragt mich: “This was an absolute disaster this morning. How is anyone meant to get to work when there are such disruptions?” und geht dann ruhig zum Ausgang, um sich irgendeine Alternative zu suchen. Eine andere Frau sieht es ähnlich gelassen: “The overcrowding has become a bit of a joke lately”. Kaum einer zeigt offene Aggression und darum beneide ich die Engländer. Ich habe mich da nicht so gut unter Kontrolle und darauf bin ich weiß Gott nicht stolz. Schließlich finde ich doch noch jemanden, der sich richtig Luft macht, nachdem er seit über dreißig Minuten auf eine Bahn wartet, die noch jemanden mitnehmen kann. Er schimpft: “Ruined morning!” Das ist dann aber auch schon das Schlimmste, was ich aufschnappen kann. 

 

strike
Wenn die Bahnhöfe mal so leer sind wie hier, dann wird hundertprozentig gestreikt.

 

TfL arbeitet mit Hochdruck daran das nasse Laub von den Eisenräder herunterzubekommen, können aber nicht sagen, ob das bis Montag zu schaffen ist. Immerhin fährt die Piccadilly Line ein gutes Stück oberirdisch, da ist mit Bio-Nachschub zu rechnen. Und dann wäre da auch noch eine andere Sache, die man jetzt aber lieber nicht erwähnen will. Ab 6. Dezember gehen die Tube Driver in ihren regelmäßig stattfindenden Streik. Diesmal soll die Piccadilly Line für 24 Stunden lahmgelegt werden. Ist das dann Arbeitsniederlegung oder gehört das in die Abteilung ‘höhere Naturgewalt’? 

 

t-shirt
Der 26. November ist auch in London ein kalter Tag. Das ist aber für einen echten Engländer kein Grund, nun schon eine Jacke anzuziehen.

  

 

Nachtrag:

Das haben die Londoner irgendwie diesmal falsch verstanden. Sie haben aus dem Black Friday einen echten schwarzen Freitag gemacht. Kurz nach fünf, nachmittags, gingen auf einmal die Lichter aus! Das ganze West End war ohne Strom. Die Stunden vergingen, der Abend begann und es blieb finster. Ganz besonders ärgerlich für die vielen Theater dort; sie mußten kurzfristig die Vorstellungen absagen. So gegen halb neun funktionierten dann die ersten Beleuchtungen wieder. Etwas später erstrahlten dann auch wieder am Piccadilly Circus die grellen Leuchtreklamen. Die vielen Partygoer waren enttäuscht, denn gerade jetzt will man abends etwas erleben. Aber wenn das Theater ausfällt, das Restaurant keine warmen Speisen servieren kann, dann bleibt ja eigentlich nur noch der frühe Heimweg. Mal seh’n, wann die Wahrheit ans Licht kommt. Es müsste wohl so um den 4. September 2017 passieren.

 

piccadilly
Mehrstündiger Stromausfall im Londoner West End am Black Friday. Der Piccadilly Circus war ungewohnt duster.

 

 

The boss himself says:

 

George says: “Did you know that tube driver earn more money than teacher or junior doctors?”

Ich sage: “Und warum streiken sie dann gefühlt alle zwei Monate?” “Nobody knows. By the way this will be the  eighth strike this year.”

 

 

 

Was passierte noch am 30. November?

 

de 1676

In Hamburg wird die weltweit erste Feuerversicherung, die Hamburger

Feuerkasse gegründet. – Ja, das haut mich jetzt auch nicht vom Hocker,

aber die anderen Ereignisse waren noch langweiliger.

uk

1979

The Wall, ein Album der englischen Rock-Band Pink Floyd erscheint in UK. Es

gilt als eines der meistverkauften Alben einer britischen Band.

Oh ja, da habe ich laut mitgesungen: 

We don’t need no education,
we don’t need no thought control,

no dark sarcasm in the classroom,
teachers leave those kids alone. 

Hey! Teachers! Leave those kids alone

Und ehrlich gesagt läuft es mir jetzt noch kalt den Rücker runter.