304. Tag, Rest: 62 Tage 

Das Britische Museum muß man besucht haben. Es ist eine Fundgrube erster Klasse. Fast sieben Millionen Besucher kommen jährlich und sie irren sich nicht. Im British Museum wird Kulturgeschichte in maximaler Breite und Tiefe gezeigt. Ich kenne bisher allerdings nur die Säle, in der die römische und griechische antike Kunst ausgestellt ist, aber auch diese Räume sind ein wahres treasure island. Genau genommen war eigentlich das Court Café das Ziel meines allerersten Besuches. Ich hatte mich mit George in der Stadt verabredet und wie so oft nutzen wir den kostenfreien Eintritt. Weil er nicht immer sekundengenau kommen kann, suche ich mir gerne einen interessanten Wartepunkt. Im Museum steht man wenigsten trocken und warm, -im Sommer übrigens wegen der gut funktionierenden Klimaanlage angenehm kühl-, und wenn George dann endlich einen Parkplatz gefunden hat, habe ich schon mal einen ersten Rundblick gewagt. Weil wir aber nicht ganz ohne Bezahlung gehen wollen, ist der Besuch im hauseigenen Café angenehme Pflicht.

 

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Der Eingang zum British Museum an der Great Russell Street. Ich hatte das Haus höher in Erinnerung, denn es dient in vielen Filmen als Kulisse (Mumie, Spector …). Man wird vor einem der anderen Eingänge gedreht haben.

 

Der Great Court ist der zentrale Platz im British Museum, den man gleich hinter dem Eingang erreicht. Ein weiter Lichthof, vollständig überglast, und groß genug, um ganzen antiken Hausfassaden Platz zu geben. Tritt man das erste Mal ein, glaubt man in etwas Lebendiges eingedrungen zu sein. Ich hatte das starke Gefühl, der ganze Raum “atmet” durch sein beeindruckendes Glasdach. Im Zentrum steht die Rotunde, darin ist der Lesesaal untergebracht. Auf dem weissen Marmorboden ist in schwarzen Buchstaben das Motto des Hauses zu lesen: “and let thy feet milleniums hence be set in midst of knowledge”. Frei übersetzt heißt das: ‘Lasst die Füße zukünftiger Generationen fest auf dem Boden des Wissens stehen’. Und ich ahne, dass wir hier, in diesem prachtvollen Museum, genau darauf wandeln.

 

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Im Rundbau ist der Lesesaal untergebracht. Der Great Court ist der zentrale Raum im British Museum. Auch hier wieder die perfekte Kombination von antiker und ultra-moderner Architektur. Das begeistert mich jedes Mal, wenn ich es in London entdecke.

 

Auf unserer Tour durch die ungezählten Räume und Galerien sind wir durch Niniveh und Halikanassos gekommen. Alexander dem Großen war ein ganzer Saal gewidmet und irgendwie kann ich mich auch noch an die Sammlung der römischen und griechischen Skulpturen erinnern. Darunter eine gut zwei Meter große Statue der Venus. Halbnackt steht sie im Raum und sieht ein bißchen verwirrt aus. Will sie die rechte Hand reichen oder zieht sie schon wieder zurück? Egal, die Figur ist eine der unbezahlbaren Ausstellungsstücke des Hauses, unter Kennern bekannt als ‘Townley Venus‘. Und ausgerechnet ihr ist ein Malheur zugestoßen, ihr fehlte nämlich plötzlich der Daumen! Der war während eines privaten Empfangs abgebrochen. Eine Mitarbeiterin des Catering Services hatte sich vor der Venus gebückt, um etwas aufzuheben. Als sie wieder hochkam, stieß sie mit dem Kopf heftig gegen die Marmorhand und dann knackste es. Zum Glück war der Daumen in einem Stück geblieben, so dass man ihn in-situ, also vor Ort, wieder anfügen konnte. Ich hätte das auch hinbekommen, mit einem brauchbaren Alleskleber.

 

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Wie soll ich sagen: Thumb off, thumb up oder gleich thumb ab? Was ist eigentlich mit dem Arm passiert? Da ist doch auch ein tiefer Riss zu sehen.

 

Die Aufregung bei den Verantwortlichen war groß, man rang die Hände und raufte sich die Haare. Gutachter, Sachkundige, Wissenschaftler beäugten die Bruchstelle und wussten nicht so recht, wie der Schaden einzustufen sei. Man kann zwar keinen Riss mehr erkennen, aber angeknackst ist angeknackst. Das kann man nicht mehr als neu verkaufen. Allerdings war der Wert der Dame ja gerade vom antiken Alter abhängig und so gesehen kann er doch nur gestiegen sein. – Übrigens verlor kein Mensch auch nur ein Wort über den Kopf der Serviererin. Man wird sie nie wieder im British Museum beschäftigen. So, so. Hoffentlich ist es bei einer Beule geblieben, denn Marmor versus Schädelknochen ist laut George keine gute Option. Und im übrigen sei der Daumen eine Sollbruchstelle. ‘A predetermined breaking point’, falls Sie den Begriff mal brauchen, oder einfach ‘weak point’.

 

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George hält den Pub, genau gegenüber des Einganges, für eine gute Alternative. Im Souvenirladen, gleich daneben, kann ich passende Karten für die Lieben daheim finden. – Nix da, wir gehen ins richtige Museum.

 

 

The boss himself says:

 

George says: “Let’s go once more to the Museum. I want to have a look to the Shunga exhibition.

Ich sage: “Ist das asiatische Kunst? Interessiert es dich weil du Aikido machst?” “Ehm, well, more or less.” – Abends lese ich dann mal im Kunstlexikon nach und erinnere mich vage, schon einmal davon gehört zu haben. Die Shunga Kunst beschäftigt sich mit der erotischen Darstellung. Und zwar direkt, da geht es richtig zur Sache. Also eigentlich sind es absolute Sauereien, aber künstlerisch wertvoll. Und deshalb darf man sich dafür auch offiziell interessieren. Ich weiß noch nicht so genau, ob ich George dort ‘tanken’ lasse. Wer weiß, ob ihm das gut tut. Nachher bricht noch was ab und dann ist das Heulen groß.

 

 

Was passierte noch am 30. Oktober?

 

de 1996

Norddeich Radio sendet die letzte offizielle Botschaft im Morsealphabet über 

Kurzwelle. Die Nachricht besteht aus den Buchstaben C U L T R (See You later).

uk

1991

Die von der Namenspatin Elisabeth II. eröffnete Queen Elizabeth II Bridge ergänzt

das Verkehrsensemble Dartford Crossing als Teil der Ringautobahn um London. –

Ensemble ist nett gesagt. Es handelt sich um die Themsequerung kurz vor der

Mündung, die teils als Brücke und teils als Tunnel gebaut wurde. Wir waren mal

da und ich hatte darüber geschrieben (siehe: 6. Mai 2016).