274. Tag, Rest: 92 Tage 

Viele europäische Großstädte haben ein Chinesenviertel. Hamburg hat das nicht zu bieten, dafür ist unser Portugiesenquartier ein must-have-seen für jeden hungrigen Touristen. Das kann London nicht bieten, jedenfalls habe ich es noch nicht entdeckt. Die Londoner Chinatown ist nicht allzu groß, aber hier reihen sich die Restaurants, Massagesalons und wenige Wettbüros aneinander. Chinesische Auswanderer aus Hongkong kamen schon vor fast einhundert Jahren auf die britische Insel. Sie ließen sich im Stadtteil Limehouse nieder (nördliches Themseufer, kurz vor Canary Wharf) und wurden im zweiten Weltkrieg ausgebombt. Danach öffneten sie ihre Restaurants im südlichen Soho und gründeten dort die heutige Londoner Chinatown.

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Ecke Gerrard / Wardour Street schlägt das Herz von Chinatown. Wir sind hier im südlichen Soho, also in der City of Westminster.

Die Geschäfte liefen gut, denn die Londoner gehen gerne exotisch essen. Manche Touristen sortieren ja auch die traditionelle englische Küche in diese Kategorie, aber da muß ich energisch widersprechen. Zurück in die bustling streets that make up London’s Chinatown.  Hier kehrte man früher nach dem Theaterbesuch ein, oder auch schon nach Büroschluß, um eine Schale Shanghai noodles zu probieren. Heute ist das chinesische Viertel abends kaum besucht. Die Restaurants sind akut vom finanzielle Bankrott bedroht. Viele Häuser stehen leer, die Mieter müssen weichen, weil sie die horrend gestiegenen Mietpreise nicht mehr zahlen können. Wenn sie dann weichen, zieht kurz über lang eine Filiale irgendeiner großen Food-Kette ein oder es eröffnet ein Steak House oder ein Coffeeshop.

Ich komme als neugieriger Tourist in die Gerrard Street. Das ist das Herz von London’s Chinatown und hier waren die besten und teuersten Restaurants Tür an Tür zu finden. Mit einem Restaurantbesitzer komme ich ins Gespräch. Er betreibt seine Küche schon seit den achtziger Jahren hier. Gerade hat der Vermieter die nächste Erhöhung angekündigt und das wird dann auch ihm endgültig das Genick brechen. Er erzählt mir, dass er vor fünfzehn Jahren eine Jahresmiete von £66,000 hatte. Heute zahlt er £244,000; also umgerechnet eine Monatsmiete von 23.500 Euro pro Monat. Das kann er nicht mehr stemmen, denn die Kundschaft wird weniger statt mehr. 

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Selbst am Freitag Abend sind die Lokale nicht gut gefüllt. Einige Touristen schlendern durch die Strassen und machen ein paar Fotos. Zum Essen bleiben sie selten.

Gibt es dafür Gründe, will ich wissen. Ja, und ob. Die vielen Theater am Leicester Square wurden geschlossen. Heute sind dort fast nur noch Hotels. Damit entfallen die Gäste, die nach einer Vorstellung gerne noch vorbei kamen. Aber auch die Einführung der congestion charge (Mautgebühr) in der City war ein schwerer Schlag. Keiner kommt seit dem mit dem Auto nach Soho bzw. Chinatown und abends beeilen sich die Leute, um die letze U-Bahn nicht zu verpassen. Da hat man für einen Restaurantbesuch keine mehr Zeit übrig. Kurzum: “The road is dead. The tourist come over, have a photo taken and disappear.”

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Die Chinesen lieben bunte Wimpel. Zwischen den roten Chinaflaggen hängen jede Menge Union Jacks. Zentral ist der Kopf der Königin zu sehen.

Ich verabschiede mich von dem freundlichen Chinesen, gehe noch einmal die Wardour Street entlang und finde auch in dieser zentralen Straße von Chinatown mehr verlassene als geöffnete Restaurants. Noch sind bunte Torbögen am Anfang und Ende der chinesischen Restaurantmeile in Soho. Die Straßen, -besonders die Gerrards Street-, ist alle paar Meter mit bunten Wimpeln überspannt. Davon sind wenigstens die Hälfte Union Jacks. Und mitten in einer dekorativen Holzschnitzerei, die wohl einen Drachen darstellt, finde ich das Bild von Queen Elizabeth. Die Chinesen gehören längst zu London, feiern in jedem Februar ihren Neujahrstag mit einer bunten Streetparade, aber das ist alles schon der Abgesang auf London’s Chinatown. Es ist schade, und doch muß ich gestehen, das auch wir eher ins indische Curryhouse gehen als zum Chinesen. Wer einen Kurzurlaub in London macht muß einen Besuch in Chinatown nicht einplanen, es lohnt sich wirklich nicht, aber wenn man spät abends durch Soho streift, dann kommt man vielleicht automatisch dort vorbei. Und sei es nur auf dem Rückweg ins Hotel.

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Mit den dragon dancers in das neue Jahr feiern, da machen auch die Londoner gerne mit. Die Parade findet im Februar statt. Übrigens sind wir im Year of the Monkey.

The boss himself says:

George says: “愛你

Und ich sage: “???”

 

Was passierte noch am 30. September?

 

de 1897 In Berlin wird der erste deutsche Automobilverein gegründet. – Erst einmal

einen Verein gründen, alles andere findet sich.

uk 1888 Jack the Ripper bringt vermutlich mit Elizabeth Stride und Catherine Eddowes 

zwei Frauen an einem Tag um. – Heute könnte man den Tatort in Whitechapel

vom Bürohaus ‘The Gherkin’ bestens beobachten. Times are changing und 

das ist manchmal auch ganz gut so.