244. Tag, Rest: 122 Tage 

Zu gerne lasse ich mich im Auto durch London kutschieren und nehme deshalb jede Gelegenheit wahr, die George mir bietet. Heute will er mir die eleganten Stadtpalais zeigen, die an den Prachtstraßen Westminsters stehen. Oft zwei bis drei Geschosse hoch und die Fassade im hellen Sandstein oder weiß gestrichen. Wir fahren also die Pall Mall entlang. Die Straße verbindet die Regent Street mit dem St James’s Palace und erst einmal bin ich ziemlich überrascht, wie schmal die Fahrbahn ist. 

 

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Die Pall Mall in London. Eine Prachtstraße, aber nicht sehr breit.

 

George amüsiert sich, als er merkt welchen Gedankenfehler ich machte. Ich verwechselte ‘Pall Mall’ mit ‘The Mall’. Das würde weder einem Londoner noch einem Fan der Queen jemals passieren. Beide Straßen laufen parallel, aber die Mall ist natürlich der TV-bekannte Boulevard, auf dem die goldene Kutsche rollt, wenn die Königin das Parlament eröffnet oder der Nachwuchs heiratet. The Mall ist auch der direkte Weg zum Buckingham Palace für die Royal Guards, wenn sie  zum täglichen Wachwechsel anrücken. Aber wir sind nicht auf der königlichen Flaniermeile unterwegs, sondern auf der parallel verlaufenden Straße mit dem Namen ‘Pall Mall’.

 

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Durch diesen Torbogen, den Admirality Arch, biegt man in The Mall ein – wenn das Tor dann geöffnet ist. Sonntags ist alles dicht.

 

Wir haben das Auto abgestellt und erkunden die Pall Mall jetzt zu Fuß. An der Kreuzung Waterloo Place biegen wir ein, um zum Carlton House zu kommen. Sofort fallen mir die vielen Denkmäler auf, die nicht nur die Helden aus der Schlacht gegen Napoleon zeigen. Auch Florence Nightingale steht hier auf dem Sockel. Zu Recht, denn sie flickte die wackeren Helden im Lazarett wieder zusammen. Einer überragt alle, wohl an die einhundert Meter ist seine Säule hoch. Ich tippe wegen des Straßennamens auf Admiral Nelson und liege falsch. Klar, er steht ein Sück weiter am Trafalgar Square. Das hätte ich wissen müssen. Hier aber ehrt und gedenkt man dem Duke of York. Ich muß gestehen, dass ich seine Rolle in der Geschichte nicht kenne, aber sicherlich hat er auch etwas mit der Schlacht von Waterloo zu tun.

An der Ecke Pall Mall / Waterloo Place bleiben wir vor dem Athenaeum stehen. Man nennt das prachtvolle Gebäude so, aber auch den dort ansässige Herrenclub. Hoch ehrenwert und elitär wie alle Clubs, die hier Tür an Tür residieren. “Look at the place. Does anything strike you?” Ich weiß nicht so recht, meint George jetzt den griechischen Fries, der leuchtend blau, knapp unter der Dachkante, rund um das Haus läuft? “No, no. I will point out to the stones on the kerb. They do not fit in there, do they?” 

 

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Bei soviel Exklusivität ist so ein vergessener Steinhaufen vor der Haustür (roter Kreis) schon merkwürdig.

 

Natürlich hat George auch gleich die passende Geschichte zu dem Steinhaufen parat: Als der ehrwürdige Duke of Wellington langsam in die Jahre gekommen war, fiel es ihm schwer, in den Sattel seines Pferdes zu steigen. Das wurde ihm stets vor den Eingang des Clubs geführt, sobald er aufbrechen wollte. Wir kennen das ja auch noch heute. Da riskieren Greise täglich einen Hexenschuss, weil sie sich zum Neunzigsten einen Porsche 911 gegönnt haben. Der Duke hätte natürlich in der Kutsche fahren können, aber das war ihm nicht sexy genug. Und also ritt er unverdrossen, hoch auf dem Wallach, durch London. Die Mitarbeiter seines Clubs reagierten effektiv und unauffällig. Sie platzierten einfach ein paar Steinplatten an die Fahrbahn und arrangierte sie so, dass sie eine bequeme Stufe bildeten. Damit war es dann für Wellington eine leichte Übung, sich elegant in den Sattel zu schwingen. “Das ist schon ein bißchen verrückt, dass die Steine noch immer am Straßenrand liegen.” “Crazy? No, but I can show you something crazy. Just at the other side.”

 

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Gegenüber des Athenaeums ist die Siegessäule und eine Baulücke. Was gibt es hier zu entdecken?

 

Die Häuser mit den Nummer 8 und 9 in der Carlton House Terrace, -der Carlton Club ist vielleicht der exquisiteste überhaupt-, beherbergten bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges die Deutsche Botschaft. Heute sind die Grundstücke unbebaut, aber auf einem steht eine vermutlich siebzig Jahre alte Eiche und darunter ist ein eingezäuntes Grab. Was thematisch passt, denn rundherum wird den Kriegshelden im Dutzend gedacht. “But this is a German grave. It’s from the Nazis!” erzählt mir George triumphierend. “Was, da liegt ein Nazi begraben? Das glaube ich nicht.” Gerade die Londoner haben die Angriffe der deutschen Luftwaffe noch gut in Erinnerung und man sollte jede Anspielung vermeiden. “No, I don’t think so”, fährt George fort, “not a Nazi but perhaps a resistance fighter”. Ich bin neugierig geworden und sehe tatsächlich eine deutsche Inschrift, ziemlich verblasst. Trotzdem kann ich es noch lesen: “Giro, ein treuer Begleiter! London im Februar 1934 – Hoesch.”

 

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Dr. Leopold von Hoesch war der deutsche Botschafter in London. Sein Foxterrier Giro starb im Februar 1934 durch einen tragischen Unfall. Der Hund kaute auf elektrischen Kabeln, die leider noch mit der Steckdose verbunden waren. Das ging nicht gut aus. Nach dem Krieg wurden die zerstörten Häuser nicht wieder aufgebaut. Vielleicht sollte nichts an die Deutschen erinnern, denn die Botschaft war vom Architekten Albert Speer maßgeblich umgestaltet worden. Aber man konnte sich dann doch nicht dazu durchringen, alles platt zu machen. Das Grab von Giro blieb unberührt – bis heute! Auch ein überlieferter Beleg für die Versöhnungsbereitschaft der Engländer.

 

  

The boss himself says:

George says: “It’s a pleasure to show you London in a closer look. I remember more and more stories about the famous places and buildings which are not so well known. Think it’s enough for the whole year and perhaps some more. 

Ich sage: “Ich freue mich auf die nächsten Touren. Aber ich bleibe auch dann, wenn dir nichts mehr einfällt. Wir wollen jetzt nicht 1001 Nacht inszenieren.” “Alright I don’t feel under pressure.”

 

 

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Heute waren wir in der Pall Mall unterwegs. Südlich davon verläuft parallel The Mall, die Prachtstraße zwischen Buckingham Palace und Whitehall. Wenn man vor Ort ist, kann man sie unmöglich verwechseln. In meiner Erinnerung passiert das aber schon.

 

 

 

Was passierte noch am 31. August?

de 1888

Im Londoner Viertel Whitechapel wird die verstümmelte Leiche von Mary Ann Nichols 

gefunden. Sie gilt später als erstes Opfer des Serienmörders Jack the Ripper. – Hat

nix mit Deutschland zu tun, es sei denn der Maler Walter Sickert war der Täter. Einiges

spricht dafür, aber dann wäre der Mörder ein Norddeutscher mit Kieler Ahnen!

uk 1997

Diana, Princess of Wales, her companion Dodi Fayed and driver Henri Paul die in a car

crash in Paris. – Ich hatte es tagsüber gar nicht mitbekommen. Abends saß ich dann 

wie versteinert vor dem TV. Ich war kein Diana Fan aber die Nachricht traf mich ins Herz.