“Christmas is galloping towards us like a rocket-propelled Rudolph”, stellt George am frühen Morgen fest. Und damit liegt er richtig, wenn auch der Blick in den Garten etwas anderes vermuten lässt. Eichhörnchen jagen über den Rasen, was mir weniger nach Flucht aber stark nach Paarungslust aussieht. Weil ich mich partout nicht entscheiden kann, wann ich nach London fliege, ist es jetzt passiert. Wir sind zu dritt in meiner Wohnung. Sally ist angekommen, sie wird ihre Ferien in Hamburg verbringen und kann meine (theoretisch) verwaiste Wohnung nutzen. Natürlich kennen wir sie schon lange.

Für mich ist es eine eher ungewohnte Enge, aber für die beiden Engländer ganz normaler Alltag. Sally kann ihr Glück kaum fassen, dass sie eine 2-bedroom-flat, ganz für sich alleine haben wird. In England lebt sie in einem 12-Quadratmeter-Zimmer, in einer WG, nahe Oxford. Ausser Bett und schmalen Spind kann sie dort nichts weiter unterbringen. Mietkosten fast 300 Euro pro Monat. Trotzdem ist Sally glücklich, das Zimmer gefunden zu haben. Sie studiert und kann sich unmöglich mehr leisten.

Gut, was George betrifft, gilt auch nach einem Jahr noch immer: Ihm kann es gar nicht eng genug werden. Um Nähe mit Sally herzustellen, versuche ich einen Witz über die englische Weihnachtstraditon der Mistelzweige zu machen und entdecke dabei ganz nebenbei ein Geheimnis. Kann es sein, dass man die Zweige vor allem deshalb aufhängt, um aufkommende Aggressionen im Keim zu ersticken? In England lebt man viel enger zusammen als hier und über Weihnachten kommt noch zusätzlicher Besuch. Oft auch über mehrere Tage und Nächte. Wie übersteht man das ohne Familiendrama? Nun, ich denke mir, wenn man sich regelmäßig unter dem Mistelzweig liebkost, kann das ganz beachtlich dazu beitragen, die Stimmung im angenehmen Bereich zu halten. Es ist zwar inzwischen ein bißchen aus der Mode gekommen, aber im old-fashion Haushalt wird man mehrere Mistletoes an der Decke oder am Türrahmen finden. Sobald man darunter steht, darf man geküßt werden; die sonst immer strikt eingehaltene privacy Grenze darf überschritten werden. Natürlich nur dann, wenn beide einverstanden sind. Also bitte nicht übermütig werden.

Während George den rocking-propelled Rudolph im Auge behält, habe ich etwas ganz anderes bemerkt: Heute in der ‘Thomasnacht’ wechselt die Sonne in den Steinbock. Sie erreicht den südlichsten Punkt ihrer Himmelsbahn, was wir als  Wintersonnenwende bezeichnen. Eigentlich wäre es eine gute Idee, diesen Tag in Stonehenge zu feiern, aber so einfach ist das auch nicht mehr. Der Steinkreis ist nicht mehr öffentlich zugänglich, nur geführte Gruppen können in die Mitte des prähistorischen Kraftkreises eintreten. Allerdings führt eine vielbefahrende Landstraße nahe vorbei, so dass man selbst im Sommer immer einen guten Blick, bequem vom Auto aus, auf die großen Steine werfen kann. 

 

 

Korrektur: George macht mich darauf aufmerksam, dass man an den Tagen der Sonnenwenden kostenfrei Stonehenge betreten kann. In der Zeitung stand: Entrance to the stones is free on December 22nd and will be available from about 7.45am until 10am, when the site will close before re-opening as normal. Danke!

Die Engländer sprechen übrigens von ‘winter solstice’, betonen also den scheinbaren Stillstand der Sonne. Der Begriff ‘sunturn’ ist auch geläufig, wurde aber aus dem Deutschen übernommen. Der Stonehenge Circle ist ohne Frage besonders sorgfältig auf den Punkt der Wintersonnenwende ausgerichtet. Man kann gut nachvollziehen, dass den Erbauern dieses Ereignis viel wichtiger war als der Gegenpunkt im Sommer. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, das englische Wissenschaftler sich jetzt einig sind, wie die tonnenschweren Steine nach Wiltshire transportiert wurden. Die Lösung ist verblüffend einfach: Es waren eiszeitliche Gletscher. Kein Mensch hat Hand angelegt, was auch kaum vorstellbar ist, wenn man jemals neben einem solchen Koloß gestanden hat.

streets
Diese Londoner Strassen eigenen sich hervorragend zur Sonnenwende. Die roten im Winter und die orange farbenden im Sommer. Genial.

Ganz Schlaue haben sich längst einen urbanen Ersatz zu Stonehenge einfallen lassen. Denn dort trifft man nicht nur auf Natur-/Kulturfreunde, sondern auch auf selbsternannte Druiden in merkwürdigen Kostümen. Ich kann die gar nicht einschätzen und manchmal machen sie mir Angst. Also statt magischen Ritualen beizuwohnen, bleibe ich doch viel lieber in vertrauter Umgebung, suche mir eine schnurgerade Strasse, die von Nord-West nach Süd-Ost verläuft und schon kann ich die Wintersonne anpeilen. Funktioniert auch mitten in London. Oder Hamburg, Perfekt.

George sind die kosmischen Dimensionen momentan ziemlich egal. Er stellt fest, dass er vergessen hat seinen Rückflug zu buchen und kommt ins Schwitzen. Diese Dinge nimmt er nicht sehr genau, ist schon so manches mal auf gut Glück zum Flughafen gefahren und wurde bislang immer mitgenommen. Allerdings über die Ticketpreise, die er dann zahlt, will ich mal lieber schweigen. Jetzt aber wird es eng. Zu Weihnachten wollen doch bestimmt viele Menschen verreisen oder nach Hause fliegen und darunter werden wohl auch Engländer sein? 

Aber es klappt, er muß nicht schwimmen. Zwar bleibt nur noch der Early Bird, das heißt Aufstehen um 5:00 Uhr, aber das macht ihm wenig aus. Und wenn er es verschläft, was auch nicht das erste Mal wäre, könnte er sogar noch ganz bequem am Nachmittag des 24. Dezember nachkommen. Aber das sage ich ihm jetzt erst mal nicht. Und schon ist er dabei alles Wichtige einzupacken und dazu gehört natürlich auch a large bundle of mistletoe. “Wo willst du den anbringen?” “I hold it in my hand. So I’m always on standby for kissing you.”