339. Tag, Rest: 27 Tage 

Gerne hätte ich heute noch einmal aus einem weihnachtlich geschmückten London berichtet, aber es soll nicht sein. George werde ich nach seinem Wonderland Besuch auf keinen Weihnachtmarkt mehr locken können und die groß angekündigte Trafalgar Tanne, ist eine einzige Enttäuschung. Am frühen Abend des 1. Dezember waren die Leute gekommen, um das erste Erstrahlen der Lichter mitzuerleben und dann herrschte erstmal Stille. Ach du meine Güte, wie sieht das denn aus? Der Baum ist in ein merkwürdiges blau-grün gehüllt und zeigt die Konturen einer mächtigen Salatgurke. “It looks like the Gherkin”, raunten sich die Leute zu und dann hört man laute Buh-Rufe. Nee, das Ding sieht wirklich nicht nach Weihnachten aus. 

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Jetzt stehe ich mit leeren Händen da, denn ich wollte mich doch so gerne bei Ihnen mit einem unterhaltsamen Beitrag verabschieden. Aber zum Glück gibt es George. Der ist immer für eine witzige Bemerkung gut und schon lange habe ich stets die Kladde bei mir, in der ich alles notiere. Lasse ich ihn also noch einmal zu Wort kommen und zwar umfassend. Hier also der Alltag aus seiner Sicht:

be-a-adult“Happy wife, happy life!”

“Men should sleep naked to raise chance of fathering a baby.” “Es könnte noch erfolgreicher laufen, wenn auch die Frau nackt zu Bett geht.” “We’ll see about that.”

Er versuchte sich als Babysitter und scheiterte beim ersten ‘Ernstfall’: “Eeny meeny, mini mo, sit the baby on the po, when he’s done, wipe his bum, show his mother what has done.”

Weil wir schon beim Thema angekommen sind, kann ich gleich mal die Frage stellen: “Wissen Sie warum die poo-bags für Hunde in England nicht mehr kostenfrei angeboten werden?” Ob Sie es glauben oder nicht, die Briten verwenden die Platikbeutel immer öfter zum Einfrieren ihres Sonntagsbratens! Nee, empfindlich sind sie nicht. Aber echte Sparfüchse.

Alle Jahre wieder starten wir die Diskussion ob wir nun über Weihnachten verreisen oder lieber zuhause bleiben. Und falls kein Urlaub im Süden, wo ist dann ‘Zuhause’? In London oder Hamburg? Nie können wir uns rechtzeitig entscheiden und so bleibt alles hübsch beim Alten und Bewährten, aber immerhin sind die (theoretischen) Überlegungen nicht ohne Sprachwitz. George liest im Prospekt: Spa hotel include the ‘destress special massage’ and the ‘upper body facelift’. Prompt fragt er nach: “Is there also a ‘lower body facelift’?” Um ihn zu provozieren, schlage ich zehn Tage Mallorca vor, was der Engländer als ‘Majorca’ kennt. Darauf er: “What’s the British way of life? Curry, vodka and karaoke.” “Du scheinst dich dort gut auszukennen.” “No, but wearing socks with sandals is enough of a crime to justify a DNA sample.”

Er favourisiert einen Aktiv-Urlaub. Es muß nicht der Mount Everest sein, aber ein bißchen Schweiß kann nicht schaden. “I’m not very good at sitting down and doing nothing, but most of the time I’m quite comfortable in my own skin.” Dann mache ich einen Vorschlag, der wohl ganz ausserhalb seiner Wohlfühlzone liegt und da fleht er mich dann an: “Would you kindly give me three days warning so that, with my advancing years, I can make sure I am sitting down and have changed the battery in my pacemaker by the time you make such a proposal.”

snowmanSein Gegenvorschlag treibt mir dann den Angstschweiß auf die Stirn: “What could be more romantic than a workout in the gym? Running hand in hand on the treadmill and going for a spin together on the exercise bike?” “Das kann doch nicht dein ernst sein? Doch, du meinst das so, oder? “Let your personal trainer become truly personal.” So geht das noch eine Weile weiter, bis er sich meiner brillianten Argumention geschlagen geben muß. Ein letzter Protest von George: “Oh no! You’re not going to tell me my chacras aren’t in line, are you? I’m going to have a glass of wine and mull it over.” Grinsend steht er auf, drückt mir einen feuchten Kuß auf die Stirn und schon klappt die Haustür zu. Die Sache ist entschieden, wir feiern zu Hause. Aber laden wir nun den Weihnachtsmann am 24. ein oder warten wir auf Santa Claus am 25. Dezember? Mal seh’n, es bleibt ja noch genug Zeit um es zu diskutieren …

Ja, so oder ähnlich wird Meinung ausgetauscht zwischen zwei Menschen, die sich sehr mögen, aber in verschiedenen Ländern groß geworden sind. Wir hatten beispielsweise beide keine behütete Kindheit, aber während ich eher greine, blickt George ganz anders zurück und erzählt mir: “Our house boast two unheated, adjoing bedrooms known as the fridge and the freezer.” Und zieht dann gleich das Fazit: “Do you want to be happier? Grow old and retire.” Recht hat er, so geht es.

Was bleibt noch zu sagen? George bittet darum, dass wir seine Landsleute nicht so streng beurteilen. Sie funktionieren nun mal anders: “In England brains are optional but a sense of humour is compulsory”. Und ich habe endlich begriffen, was ihm wirklich wichtig ist, wenn ich den Zettel an der Küchentür lese, den er dort schnell noch hingeklebt hat: There are no tea bags left, we’re staring into the abyss!

In diesem Sinne eine fröhliche Weihnachtszeit und alles Gute.

2017