250. Tag, Rest: 116 Tage 

Letzte Woche wurde in England heftig debattiert. Es ging um die Frage: “Can shop owners order or sell groceries weighed in pounds and ounces?” Mit anderen Worten, darf nach der Brexit Entscheidung wieder das gute alte ‘imperial measurement’ benutzt werden? Also statt metrischer Maße wie Meter, Kilogramm und Liter wieder die alten English units wie foot, ounce and pint? Eine Frage, die mir angesichts der zu klärenden Entscheidungen in Sachen Brexit eher untergeordnet erschien. Aber weit gefehlt. Die Wogen schlagen hoch. Während sich niemand wirklich um den weiteren Ablauf des EU-Austrittes kümmert, -offensichtlich noch nicht einmal die Politiker, jedenfalls reden sie nicht darüber-, ist die Klärung der Wiedereinführung der alten Einheiten aktuelles Thema. Und es zeigt ganz gut, wie der Engländer in Sachen Brexit tickt. Deshalb gehen wir der Sache mal auf den Grund.

backen
Das erste was ich brauchte, war eine Küchenwaage mit englischer Skala. Sonst klappt es mit den Backrezepten nicht.

Das metrische System wurde 1973 in England eingeführt. Eigentlich muß man sagen, von der EU erzwungen, denn kein Engländer wollte sich auf das uns so vertraute Zehnersystem umstellen. Günter Verheugen, damaliger EU-Kommissar, versuchte zu beruhigen, indem er den Briten erklärte: “Things such as pints and miles and feet and inches are what makes us love Britain. We don’t want to get rid of them. The idea of not being able to go for a pint in a pub in Britain is ridiculous.” Den Satz kann man auch heute noch unterschreiben.

liter-pony

Es half aber alles nichts, die Engländer mußten sich den Europäischen Gepflogenheiten anpassen und ihre Waren mit Pfund und Kilogramm auszeichnen. Daneben durften die alten englischen Gewichte angegeben werden und man hat selten darauf verzichtet. Angeblich rechnen die meisten noch immer in inch, stone or pony. Manchmal mit fatalen Folgen, wie gerade von der Financial Times aufgedeckt wurde. In London haben Tausende von Gaskunden falsche Rechnungen erhalten. Sie hatten bereits den neuen Zähler eingebaut bekommen, der den Verbrauch in cubic meters anzeigt, aber das Abrechnungsprogramm ging noch immer von cubic feet aus. Wochenlang merkte es kein Mensch!

flaeche

Jetzt also soll es eine Kehrtwende geben, zurück zu den alten Einheiten. Und zwar offiziell und ausnahmlos. Und da will man nicht bis zum Austritt aus der EU warten, sondern bettelt lauthals um sofortige Erlaubnis. Seit der Brexit Abstimmung (23. Juni) hört man so gut wie gar nichts von den weiteren Plänen. Theresa May legte sich nur in zwei Punkten fest. Der offzielle Antrag nach Artikel 50 wird (frühestens) im Januar 2017 in Brüssel vorgelegt werden und das britische Parlament wird im Oktober über den Austrittsentscheid debattieren, aber nicht abstimmen. Das überraschte, denn es ist keineswegs klar, ob der Volksentscheid ohne parlamentarischen Beschluß überhaupt rechtsgültig ist. Alles das scheint niemanden wirklich zu kümmern, geschweige denn aufzuregen. Angst vor der Zukunft ist nicht zu entdecken. 

Theoretische Diskussionen, was sein wird, sein könnte, sein sollte, liegen dem Engländer nicht. Aber ein konkreter Misstand, wie das ungeliebte metrische System, ist guter Anlass, um die Meinung frei zu äußern. Und die lautet: “Rules inhibiting imperial measures should be scapped as soon as possible. Consumers, not bureaucrats, should decide which measure they prefer.” Und schon 2008, stieß der Abgeordnete Herron ins gleiche Horn, indem er sagte: “People might say ‘what does it matter’, but this goes to the heart of what is happening all around us. If they (EU-burocrates) can stop you selling a pound of bananas, they can stop you doing anything. It’s about who runs the country.”

An diesem unguten Gefühl, nicht Herr im eigenen Haus zu sein, hat sich nie etwas geändert. Und genau deshalb haben sich so viele Briten gegen die EU entschieden – quod erat demonstrandum.

The boss himself says:

George says: “In earlier times we measured in fingers. One finger was 2.2225 cm long. An actual finger is three times that long. So your finger could measure three fingers.

Ich sage: “Bitte was??? Ein zwei Zentimeter langer Finger? Du meinst wohl die Breite. Und überhaupt, wieviel Bier hast du heute schon getrunken? Ich meine jetzt nicht pints, ponies, jacks or gills. Sag einfach wieviele Gläser, das reicht mir völlig.” “Two, but both with a stable head on the beer so it was never a quart. Only some mouthful.”

Das sind wirklich alles gültige und gebräuchliche Maße. Der Engländer hat einige Dutzend solcher Angaben im Kopf parat und das erklärt warum dort so wenig Platz für andere Dinge ist. Oder wie George sagt: “Brain is optional.” 

imperial

 

 

Was passierte noch am 6. September?

 

de 1971 Bei einem Flugzeugunglück nahe Hasloh (Schleswig-Holstein) kommen 22 Menschen

ums Leben. – Das war ein Ding. Wir wohnten in der Nähe, Hamburg-Langenhorn, und

konnten die Rettungsfahrzeuge hören. Die Piloten landeten abenteuerlich auf einer

noch nicht eröffneten Autobahn und blieben an einer Brücke hängen. Ein Husarenstück

und alle staunten, als sie hörten dass eine Frau als Co-Pilotin agierte. 

uk 1997 The Funeral of Diana, Princess of Wales takes place in London. Well over a million

people lined the streets and 2.5 billion watched around the world on television. – Ich

heulte Rotz und Wasser. Und dann war am selben Tag auch noch Sir Georg Solti

gestorben. Doppelte Trauer, denn ich mochte ihn sehr.