160. Tag, Rest: 206 Tage

Selbst geborene Londoner kennen nicht alle Ecken ihrer Stadt. Dafür ist die Metropole viel zu groß. Und sie wächst von Tag zu Tag, denn der Zuzug ist beachtlich. Man rechnet fest damit die 10 Millionen Grenze bald zu knacken. Manchen Besuchern macht die Größe Angst, sie fürchten vom Moloch verschluckt zu werden, andere (eher die Bewohner) machen das beste aus der Situation und picken sich nur das heraus was ihnen Spaß macht. Davon findet man viel in London und zwar für alle Geschmäcker. Immer ein bißchen genial, immer ein bißchen verrückt. Und als George vor wenigen Tagen, ganz nebenbei, ein neues Bauvorhaben erwähnte, das gerade öffentlich diskutiert wird, da war meine Aufmerksamkeit geweckt. Was habt ihr vor? Noch eine Fußgängerbrücke über die Themse bauen? Und die soll ein einziger Garten werden? “Yes, the Garden Bridge will be an oasis of calm and beauty in the heart of London.” antwortete er mir strahlend. Der Satz ist nicht von ihm, wird aber von ihm mit Überzeugung zitiert, und ich werde später noch einmal darauf zurückkommen. Behalten wir die Worte also mal im Hinterkopf.

 

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Der grüne Strich markiert die ungefähre Lage der geplanten Garden Bridge.

 

Ich bin ziemlich platt als ich den Entwurf sehe. Das sieht cool aus, aber … mein deutsch-rationales Gehirn fängt an zu rattern und findet sofort die Schwachstellen des Planes. Braucht London eine weitere Brücke? Nein. Etwa 350 Meter daneben ist die Blackfriars Bridge, die von Autos und Fußgängern benutzt wird und etwa 900 Meter entfernt spannt die Millenium Bridge über die Themse. Auch eine pedestrian bridge, also nur für Fußgänger, die viele tausend Angestellte morgens bequem in die City kommen lässt. Alleine in Sichtweite der neuen Garden Bridge queren bereits sechs Brücken den Fluß, da zähle ich weder die Westminster– noch die Tower Bridge dazu und lasse auch die Brücken für den Zugverkehr aussen vor. Also wozu eine weitere Brücke?

 

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Das ist die Blackfriars Bridge an einem trüben Tag. Autos und Fußgänger können sie nutzen. Die Underground fährt rechts daneben auf einer eigenen Brücke. Im Hintergrund, Bildmitte, sieht man St Pauls.

 

Die Planungen traten 2014 in eine konkrete Phase. Seitdem sammelt man Geld und die Londoner sind großzügig. Sie haben schon £60m (80 Millionen Euro) zusammen. Insgesamt braucht man £175m. Das ist zu schaffen, denn die Finanzierung steht. Es gibt einige Investoren, aus dem privaten und öffentlichen Bereich, die die fehlende Summe beisteuern wollen. Auch die jährlichen Unterhaltskosten sind schon im Stadtbudget eingeplant. Aber es gibt auch Gegner. Die führen handfeste Argumente ins Feld: “It’s the wrong bridge in the wrong place”. Der Londoner Bürgermeister, -der neue, Sadiq Khan-, kontert: “There is a huge growth in people working in the area. They are happy to reach easily and quickly their offices.” Stimmt, während am Südufer Wohnviertel auf ehemaligen Werftgelände entstehen, baut die Stadt am Nordufer ein Bürohochhaus neben das andere.

 

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So soll sie mal aussehen. Im Hintergrund die Hochhäuser des Bankenviertels und vorne eine fast ländlich anmutende neue Themsebrücke. Das ist London!

 

Je länger ich mir die Fotos ansehe, desto mehr komme ich ins Schwärmen. Da sollen 270 Bäume und tausende von Pflanzen auf der Brücke wachsen. Sie wird das Südufer in Southbank mit dem Nordufer bei Temple verbinden. Was für eine irre Idee, wirklich nicht ganz billig zu haben, aber von den meisten Londonern sofort ins Herz geschlossen. Und warum lassen sie sich auf solche verrückten Sachen ein? Es sind immerhin ihre Steuergelder, die in den Bau und vor allem in den Unterhalt fliessen werden? Nun, ganz einfach und damit kommen wir auf den Satz, den ich George in den Mund legte, zurück: “The garden bridge will be an oasis of calm and beauty in the heart of London.”

Das macht den Unterschied aus. Mit diesen Argumenten, Ruhe und Schönheit, kann man einen Engländer überzeugen. Ich glaube in Deutschland würde es nicht funktionieren.

 

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Eine teure Brücke, aber jedes Pfund ist gut ausgegeben. Denn das Bauwerk dient der (seelischen) Gesundheit. Ein Aspekt, der bei uns höchstens belächelt wird. Ohne Profit, kann der Deutsche keinen Sinn erkennen.

 

   

 

The boss himself says:

George says: “The Garden Bridge will be the tiara on the head of our fabulous city.”

Und ich: Grinst er? Ich glaube die rechte Augenbraue ist ein kleines Stück nach oben gerutscht. Also war es doch ironisch gemeint. Aber im Herzen ist er dabei. Ein gigantischer Schrebergarten mitten in London. Das begeistert jeden Bewohner und findet volle Unterstützung.

  

 

  

Was passierte noch am 08. Juni?

de 1810

 

wird der Komponist Robert Schumann in Zwickau geboren. Ein Romantiker mit

tragischen Ende. 1854 stürzt er sich in den Rhein, zwei Jahre später stirbt er.

uk 1949

George Orwell’s 1984 is published. – Orwell war Engländer, geboren in Indien.

Im Januar 1950 starb er in London, im Alter von 46 Jahren. Den Erfolg seines

Buches und die Wahrwerdung seiner Prophezeiungen hat er nicht mehr erlebt.