222. Tag, Rest: 144 Tage 

Keine Frage, es ist die Themse, die London dominiert. Ganzjährig, bei Tag und bei Nacht. Man sieht sie schon beim Anflug, wie sie sich da unten durch die Stadt mäandert. Der Tourist wird den Fluß unweigerlich mit der Bahn, dem Auto oder zu Fuß queren. Er wird mit dem Schiff auf ihr fahren, sie hoch oben vom Riesenrad betrachten und wieder und wieder an ihr entlang schlendern. Die Embankments, ob Süd oder Nord, laden zu einem langen Spaziergang ein. Abends guckt man dann händchenhaltend auf die festlich beleuchtete Tower Bridge, hört Big Ben zur Mitternacht schlagen und lässt eine Träne kullern. Father Thames wird sie nach Hause tragen.

 

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Mein Tipp ist der südlichen Uferweg. Von dort aus hat man eine sensationelle Aussicht auf Westminster and Whitehall. Es gibt aber auch noch andere Flüsse in London. Denn so wie Hamburg neben der Elbe auch noch eine Alster hat, kann man in London herrliche Plätze direkt am Wasser entdecken. Ich meine die kleinen Kanäle, die sich über das ganze Stadtgebiet erstrecken. 

 

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Zum Vergrößern bitte die Karte anklicken. Sie zeigt nicht etwas die Underground sondern London’s Wasserwege.

 

 

 

Londons Kanäle

broadway-marketDen Regent’s Canal, der sich von Paddington zum Limehouse Basin zieht, entdeckt der Tourist ziemlich schnell. Man trifft auf ihn spätestens bei einem Besuch im gleichnamigen Park (ganz hinten, beim Zoo). Guided Tours führen einen bestimmt zur Schleuse in Camden (Camden Lock), zum Broadway Market oder ans Kingsland Basin. Und natürlich durch Little Venice, das zwischen Regent’s and Hyde Park angesiedelt ist. Nomen est omen. Little Venice liegt übrigens schon am Grand Union Canal, aber das sind nur Namen und ist dem Wasser egal. Es fließt nahtlos von einem Kanal in den nächsten. – Diese beliebten Orte, wo man so gut am Wasser essen und trinken kann, sind im Sommer leider ziemlich überlaufen. Weil wir das nicht mögen und viel Zeit haben, zeigt mir George einige seiner Lieblingsplätze. Alle liegen in London, alle sind am Wasser und es warten ein paar Überraschungen auf mich.

 

Walthamstow marshes

Wir starten im Norden Londons. Wir fahren bis zum riesigen Wasserreservoir am River Lee. Rund um die Speicherbecken gibt es eine weitläufige Marschlandschaft. Sie ist voller Überraschungen, mit seltenen Vögeln, Kranichen und Reihern, aber ansonsten menschenleer und doch noch auf Londoner Stadtgebiet. 

 

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Eine Karte des Naturschutzgebietes südlich des Wasserreservoirs. Ein Mausklick vergrößert die Ansicht.

 

In den Walthamstow marshes sieht man noch bunte Wiesen. Voll mit Blumen und Kräutern bewachsen und darin lebt eine ganze Mikrowelt. Wir hätten die Bienen mitnehmen sollen, aber vielleicht tanken sie ihren Nektar schon längst hier? Schilf und Röhricht säumen die Ufer. Enten quaken und alle möglichen Wasservögel sind unterwegs. Stolz erzählt mir George: “This is definitely one of London’s wildest places. We can explore the marshes for a whole day.” Da bin ich dabei, am liebsten mit Kamera und Fernglas, aber heute haben wir leider nicht genug Zeit. 

 

Islington Tunnel und Canal Museum

Unsere nächste Station liegt deutlich näher im Zentrum. Es geht zurück zum Regent’s Canal, und zwar zu der Stelle, die zwischen Angel und King’s Cross liegt. Diese Gebiet ist topographisch eigentlich ein kleiner Berg. Denkbar ungünstig für einen künstlich angelegten Wasserlauf, denn den muß man aufwendig drum herum führen. Aber die Konstrukteure des Regent’s Canal waren für einfache Lösungen: Sie buddelten sich einfach durchs Gelände. Und so entstand ein ca. 500 Meter langer Tunnel, quer unter dem heutigen Einkaufszentrum und der Islington Police Station. Nur Motorschiffe dürfen durchfahren, aber ich bin nicht scharf darauf.

 

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Einfahrt in den Islington Tunnel. Den nächsten halben Kilometer fließt der Kanal durch diese enge Röhre. Nur für Motorschiffe erlaubt, wahrscheinlich ist kein Platz für Ruderblätter übrig.

 

So eine enge Röhre ist nicht mein Ding. Und wer weiß, was da alles an der Decke hängt und ganz plötzlich loslässt? Vor Jahrzehnten habe ich mal eine Rudertour auf der Seeve in der Lüneburger Heide gemacht. Und da ist mir aus heiteren Himmel eine kleine Schlange vor die Füße gefallen! Jawohl, ins Boot!!! Sie muß irgendwo auf den Uferbüschen gelegen haben. Der Schreck steckt mir noch heute in den Gliedern. Ich bin fast über Bord gesprungen. Also keine Erkundung des Islington Tunnels. Wer es aber machen will, sollte sich in dem nahe gelegenen Canal Museum melden. Die organisieren solche Touren. Wir schauen dort auch noch kurz rein und kaufen eine Fluffy Duck im Museumsshop. Es ist eine kleine Ausstellung auf zwei Etagen. Gut auch für Kinder geeignet. Und wer sogar mit eigenen Boot vorbeikommt, kann die Nacht für £10‚ am eigenen Museums Kai festmachen. Netter Service.

 

Kensal Green Cemetery

parakeetUnsere dritte Station führt uns nach Kensal Green zum Grand Union Canal. Der durchfließt hier einen Friedhof und zwar einen ganz besonderen. Der Kensal Green Cemetery ist der älteste öffentliche Friedhof Londons und gehört zu den ‘Magnificent Seven’. Übrigens genau wie der Highgate Cemetery, den ich oft und gerne besuche. Früher wurden die Särge per Boot über den Kanal bis zum Kensal Green Friedhof gebracht, denn der lag im 19. Jahrhundert eher ausserhalb der Stadt. Heute ist er ganz zentral und doch ein sehr ruhiger Ort. Allerdings als wir dort eintreffen, machen die ring-necked parakeets einen Höllenlärm. Die bunten, eingewanderten Paradiesvögel sind längst in London heimisch geworden. Wenn sie in unseren Garten einfallen, kann man kein Telefonat mehr führen. Aber meist dauert es nicht lange und der ganze Schwarm zieht weiter.

 

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Auf dem Schild steht zu lesen, dass hier ‘all souls’ begraben werden. Viele Prominente sind hier beigesetzt. Wir fanden die Gräber von Wilkie Collins (The woman in white) bis Freddie Mercury.

 

Uns zieht es auch weiter und zwar nach Hause. Wir haben es nicht weit, folgen dem Regent’s Canal, biegen bei den Abbey Road Studios in die Finchley Road ein und sind zehn Minuten später wieder daheim. 

 

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Hamburg am Eppendorfer Baum oder habe ich es in London fotografiert? Es ist der Regent’s Canal in Camden. Der Alster zum Verwechseln ähnlich.

 

 

 

 

The boss himself says:

George says: “Tomorrow I show you Cowley Lock and the Little Britain Lake. It’s so called because of its patriotic shape. This is a very picturesque place, far in the West. Hard to believe but it belongs to London.”

Ich sage: Rentner zu sein hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil wäre die Reihenfolge; erst ganz zum Schluß darf man den Status in Anspruch nehmen. Ein Pluspunkt ist die volle Verfügbarkeit der täglichen Lebenszeit. Keine Termine, keine Verpflichtungen. Man tut nur noch was man möchte, führt endliche ein selbstbestimmtes Leben. Für manche eine echte Herausforderung. 

 

 

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Das Limehouse Basin. Hier mündet der Regent’s Canal wieder in die Themse. Die Narrow Boats, mit ihren flachen Rümpfen, können auf dem Kanal fahren. Gerne nutzt man sie auch als Hausboot.

  

  

 

Was passierte noch am 09. August?

de 1960

Das erste Jugendarbeitsschutzgesetz der BRD wird veröffentlicht. Ab sofort dürfen

Jugendliche unter 16 Jahren max. 40 Stunden die Woche arbeiten. – Ich fing zehn

Jahre später, als 17-jährige, eine Lehre an und hatte eine 42,5 Stunden Woche.

Plus zweimal 80 Minuten Fahrtzeit. Was man so alles macht und aushält.

uk 1942

Indian leader Mahatma Gandhi is arrested in Bombay by British forces, launching

the Quit India Movement. – Weltheiler, die vor lauter Pflichten keine Zeit mehr für 

die eigene Frau haben, sind mir immer ein bißchen suspekt. Dann lieber eine

Nummer kleiner, dafür aber nur auf mich konzentriert. Zu egoistisch?