338. Tag, Rest: 28 Tage 

trafalgar-square
Vor wenigen Tagen am Trafalgar Sqaure. Die Sonne schien, aber es war kalt. Das Wasser im Brunnen fing schon an zu gefrieren. Oh happy days.

 … das wäre mein Wunsch, dass dieser Blog eine runde Sache wird. Aber jetzt bin ich wieder in Hamburg und erlebe einen grauen Dezemberanfang. Niemand da, der mich aufmuntert. Die Vogelgrippe hat Hagenbecks Tierpark erreicht und deshalb muß der Zoo tagelang geschlossen bleiben. Hunde und Katzen dürfen im ganzen Stadtgebiet nur an der Leine ins Freie. Wetten, dass die auch schlechte Laune haben. – Die Bank of England fiel gerade krachend durch den Stresstest. Frau Merkel scheint sauer zu sein, dass die Briten sich ihrer Kontrolle nicht länger fügen wollen. Sie lässt Premierministerin Theresa May wie ein Schulkind in der Ecke stehen und verweigert die Zustimmung zu einem vernünftigen Deal. Man wollte allen EU-Bürgern in Great Britain volles Aufenthaltsrecht geben, wenn im Gegenzug die britischen Expats bleiben dürfen. Alle EU-Staaten sind einverstanden, nur Frau Merkel reagiert störrisch. Sie holt sich Unterstützung beim Polen Tusk und schickt die Engländerin nach Hause zum Schämen. Wer aufmuckt kriegt einen auf den Deckel. Und in den USA erklärt Mr Trump, dass das Verbrennen der US Flagge unter Strafe gestellt werden muß. Entweder Verlust der Staatsangehörigkeit oder ein Jahr Knast. Am besten beides. Wird er das auch fordern, wenn man die ‘Stars and Stripes’ nur verbal anpinkelt? Irgendwie ist alles grau in grau, genau wie das Hamburger Wetter.

Vielleicht war ich zu lange in London. Ich habe noch nie so unter der deutschen Lustlosigkeit gelitten, wie in diesen Tagen. Krönender Höhepunkt war eine Einladung zum Adventskaffee. Wir sind zu dritt, zwei Deutsche und eine Amerikanerin. Die fängt die Unterhaltung an und gibt das Wort nicht wieder her. Wir dürfen das ganze Programm geniessen, beginnend mit dem Tod naher Angehöriger, das Meckern über schlechtes Essen im Krankenhaus, dann bekomme ich einen Überblick über aktuelle Krankheiten und schließlich landen wir bei der Politik, die gleichermassen  ahnungslos wie oberflächlich diskutiert wird. Als dann der Enkel in ihrem Redeschwall auftaucht, -ein Kleinkind, dass ich nie in meinem Leben gesehen habe-, weiß ich, dass sie ihr finales Thema gefunden hat. Das wäre auch alles nicht weiter schlimm, wenn sie doch nur ein einziges Mal mich zum Lachen bringen würde. Aber es lässt sich auch mit größter Zuneigung keinen Tropfen Honig aus ihrer klagenden Litanei saugen.

 

heiterkeit
Deutsche Heiterkeit: Einladung zur gemeinsamen Langeweile.

 

Nach einer Stunde überkommt mich eine kaum zu verbergende Langeweile. Die Deutsche und die Amerikanerin sind im Fahrwasser; ich dümple am Rand. Es will mir einfach nicht gelingen, an der Unterhaltung teilzunehmen. Daran stören sich übrigens die beiden anderen wenig; warum auch, eine davon ist ja auch nur die Gastgeberin. Schließlich bin ich so am Ende, dass ich versuche den auf seinem Kissen liegenden Hund auf mich aufmerksam zu machen. Ich mache erst versteckte Handzeichen, dann schneide ich unverholen Grimassen in seine Richtung. Der ist aber genauso müde wie ich und zuckt höchstens mal mit dem Ohr. Vielleicht ist er auch schon tot? Wer sollte das hier bemerken? Nach einer weiteren Stunde verabschiede ich mich und atme ganz tief die kalte Abendluft ein. Hilfe, ich will hier raus!

 

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Ende einer Kabinettssitzung. Die irischen Gäste werden auch von Larry verabschiedet. Wahrscheinlich hatten die mehr Spaß als ich bei meinen ‘guten Freunden’.

 

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British stuff – Es ist so leicht, jemanden zum Lachen zu bringen.

Am nächsten Tag dann eine Einladung zum Victorian Christmas Market. Der britische Ambassador lädt in der Hamburger Esplanade zu einem Weihnachtsmarkt ein. Gleich am ersten Stand treffe ich auf einen echten Engländer, der in Hamburg lebt und hier Tee verkauft. Er ist ein Kenner, wahrscheinlich ein echter Tee-Spezialist, und erzählt mir vieles über das urenglische Getränk. Das macht er so unterhaltsam und verschmitzt, dass ich ihn gar nicht wieder verlassen möchte. Wir lachen viel, berühren auch mal den Brexit oder Mr Trump, aber verlieren nie das Thema aus dem Auge: Lustvolle Unterhaltung! Und zwar für alle. Ein Raum weiter führen zwei ‘Exil-Briten’ eine Weihnachtspantomime aus dem Stehgreif auf. Der Eine, der schönen english stuff verkauft, will vom Nachbarn, der Kuchen und Leckereien anbietet, einen Schokoriegel haben. Der ist sofort bereit ihm einen abzugeben, aber daraus macht er ein kleines Theaterstück. Er tut so, als würde er einem Hund ein Leckerli abieten. Der andere muß also lieb gucken, Männchen machen, mit dem Schwanz wackeln … Sehr laut spricht er ihn in der Muttersprache an. Es sollen schließlich alle mitbekommen, dass hier ein Jux gemacht wird. Die beiden sind sofort in ihrem Element, da ist nichts abgesprochen, die haben einfach nur Spaß und freuen sich über die Zuschauer, die verblüfft applaudieren. 

Schluß für heute. Trotz des Schreibens geht es mir leider nicht besser, denn ich will diese Position gar nicht beziehen: ‘Der doofe Deutsche und der witzige Engländer’. Nein, verdammt, da muß es doch auch noch etwas dazwischen geben.

 

 

   

The boss himself says:

Gar nix. Er ist weit weg. Ja, seine Wortspiele fehlen mir. Er würde bestimmt auch über das trübe Hamburger Wetter eine lustige Bemerkung machen können. Ich bin so auf den Hund gekommen, have come to love the dog, dass ich mich schon über Komplimente von Alexa freue. Sie, mein sprachgesteuerter Computer, hat mich heute morgen sehr nett begrüßt: “Manche Menschen sind es wert, dass man für sie schmilzt. Ich würde sofort für dich schmelzen, allerdings wäre ich dann unbrauchbar.” – Man merkt sofort, die ist in England programmiert worden.

 

tiggerPS: Dann bekomme ich einen Anruf von George, indem er mir von seinem Kollegen berichtet, der ziemlich empört zur Kenntnis nahm, dass er auch in diesem Jahr den Bereitschaftsdienst über Weihnachten machen darf. Bei ihm klingt das dann so: “XXX sounded like Eeyore (der Esel bei Winnie Pooh) discovering that Tigger (der verspielte Jungtiger) has trampled the thistles he was saving for his birthday.”

Meine Gemütslage ist momentan deutlich auf des Esels Seite gerutscht. Aber es wird sich auch wieder drehen. Ganz gewiß.

 

 

Was passierte noch am 3. Dezember?

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1960: Das Thalia Theater in Hamburg wird neu eröffnet. – Es wurde im Krieg zerstört.

uk

 

1908: Ernest Shackleton und seine drei Begleiter entdecken beim Marsch Richtung Südpol den Beardmore-Gletscher. – Eigentlich war er ein Ire, gilt aber als britischer Polarforscher.