George hängt durch. Seit Wochen kein nächtlicher Anruf, kein Notfall weit und breit, weder im Lab noch zu Hause. Das bekommt ihm nicht und erstmals scheint er Langeweile zu haben. Normalerweise würde er jetzt in den Garten gehen und die Bienen besuchen, aber im Dezember ist dort nichts zu erledigen. Schließlich rafft er sich auf, besucht einen guten Kumpel und kommt mit zwei Karten für eine Panto Vorstellung zurück. Strahlend hält er mir den ‘Glücksgriff’ vor die Nase, let’s enjoy an evening at the theatre. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, denn soviel weiß ich über die Pantos, die in diesen Wochen vor Weihnachten überall im Land gezeigt werden: Es handelt sich um Vorstellungen für die Familie, klassische Themen, mit anderen Worten Weihnachtsmärchen. Ob ich das nun sehen will, weiß ich nicht. Und vor allem vermisse ich etwas, den eigenen Nachwuchs! Wir können uns noch nicht einmal ein paar Enkelkinder ausleihen, was also wollen wir in der Panto

George winkt ab, auf einmal hat er wieder seine übliche Voltzahl zur Verfügung und scheint mir fast ein wenig aufgedreht. Damit ich im Theater nicht ganz blöd dastehe, frage ich ihn lieber vorab ein bißchen aus. Aber George gibt nicht viel preis. It will be wonderful, life doesn’t get much better. Das ist ja mal eine Ansage. Das Wort Panto ist die Abkürzung von Pantomime. Das führt aber in die Irre; vielleicht sogar absichtlich. Mit Stille hat die Show gar nichts zu tun. Gezeigt werden klassische Stücke wie Aladin, Peter Pan, Cinderella oder Snow White. Sogar die biblische Weihnachtsgeschichte wird gerne als Vorlage benutzt. Wie man die humorvoll darstellen kann ist mir (noch) rätselhaft. Ganz typisch sind auch die cross-gender roles. Also Männer spielen Frauenrollen und umgekehrt. Und Tiere dürfen nicht fehlen. Sie werden natürlich alive auf die Bühne gebracht und jeder hofft auf eine unvorhergesehene Panne. Das ist ihre Hauptaufgabe. 

George erinnert sich an einen Vorfall in Birmingham. Damals war er noch ein kleiner Junge, aber die Szene scheint ihm sehr gegenwärtig. Aschenputtel wurde gespielt. Er saß mit seinen Eltern ziemlich weit vorne im Zuschauerraum und war begeistert als sich plötzlich einer der großen Notausgänge öffnete. Herein kam Cinderella’s Kutsche, gezogen von vier Ponies! Die Tiere waren wohl von den vielen Menschen überrascht, jedenfalls zogen sie mächtig an und landeten samt Anhänger mitten im Orchestergraben. Lachend erzählt George weiter: The most memorable aspect of the whole terrifying episode was seeing the musical director use only his left hand to shield himself from possible death, while still continuing to bang out the melody with his right. Na, dann weiß ich ja, was mich erwartet.

panto-hoff
Peter Pan als Panto, in der Hauptrolle David Hasselhoff.

Das Theater ist ausverkauft, das ist bei Pantos normal. Die jüngsten Zuschauer sind vielleicht 3 Jahre alt, deren Ur-Großeltern schätze ich auf 93. Alle sind sehr aufgeregt, man schnattert, lacht, macht Späße. Wir finden unsere Plätze in der hinteren Hälfte des Zuschauerraumes. Normalerweise hat George bessere Karten, aber mir ist es eigentlich ziemlich egal. Mein Interesse gilt mehr der nächsten Heizung, denn es ist ziemlich kühl. Wir lassen uns in die Samtsessel gleiten, meine Knien pressen sich fest an die Rückenlehne des Vordermannes. Schlecht gelaunt frage ich George wie lange die Sache dauern wird und bin etwas erschrocken, dass ich wohl 2 Stunden hier eingeklemmt bleibe. Don’t worry, there will be a break after 45 minutes. Toll!

dorothy
Nurse Dorothy ist natürlich ein Mann.

George verspricht mir einen herrlichen Abend: Wait till the light go down, the defeaning music pins you to the seat and you find yourself back in pantoland! Und dann hebt sich der Vorhang und mir klappt der Kiefer runter. Wow! Die Bühne bunt wie ein Wimmelbild. Eine Prinzessin mit stark behaarten Armen, umringt von grotesk schwulen Zwergen, die Schwiegermutter erinnert mich an eine Kellnerin im bayrischen Bierzelt und natürlich steckt in diesem Kostüm, mit tiefen Dekolleté, auch ein Mann. Ich bin so fasziniert, irritiert, überwältigt, fassungslos von dem Geschehen, dass ich überhaupt nicht merke, wie ich die mitgebrachte Box of Maltesers fast alleine aufesse. Ein Pfund Vanillebonbons mit Schokoglasur im Bauch machen durstig, deshalb kommt mir die Pause gerade recht. Ich habe soviele Bilder im Kopf, das ich noch gar nicht darüber reden kann. Wir genießen einfach die gute Laune, die von allen ausströmt und wie ein Tsunami durch das Foyer rauscht. Dann klingelt schon die Glocke, der zweite Teil beginnt.

Natürlich erwarten uns erst jetzt die Höhepunkte der Show. Einer davon ist der Moment wenn Widow Twankey whips her water pistol out. Dieser Gag ist ein Klassiker und selbstverständlich ist die Pistole randvoll gefüllt. Jetzt begreife ich auch, warum die hinteren Plätze die bessere Wahl sind, denn vorne werden die Zuschauer richtig nass gemacht. Aber die wußten natürlich was ihnen blüht und so manche Besucherin öffnete nun die mitgebrachte Handtasche und holt die eigene Waffe raus. Ein wilde Spritzerei nimmt ihren Anfang. Ein Tollhaus, die Kinder kreischen vor Vergnügen, bleiben aber wenigsten auf ihren Plätzen, denn es sind die Erwachsenen, die nicht zu halten sind. Dolly Doughnut, auch eine klassische Figur, gespielt von einem Mann, wirft immer wieder Salven von Bonbons in die Reihen. Da bleibt natürlich niemand sitzen.

Auch die Akteure haben längst die Bühne verlassen. Sie agieren mitten unter den Zuschauern. Wir sind nicht mehr ganz nüchtern aber ich glaube das gilt auch für die Schauspieler. Ganz textsicher ist keiner mehr, aber das macht gar nichts. Mag auch sein, das die Pannen einstudiert sind, denn ohne wäre eine Panto eine Pleite. Eine Falltür klemmte und wollte partout nicht fallen, dafür kippte ein Teil der Dekoration mit lauten Getöse um und gab einen Blick auf die Hinterbühne frei. Die Zuschauer bedankten sich mit Applaus und Gejohle. Immer wieder läuft die Prinzessin von ihren Zwergen verfolgt durch die Zuschauerreihen. Die Hälfte von ihnen gehen AWOL* nachdem sie die falsche Kehrtwende genommen haben.

*militärischer Begriff: AWOL = absent without official leave

alladinAlso dieser Theaterbesuch hat mich wirklich amüsiert. Soviel Spaß hatten wir lange nicht. Sollten Sie im Dezember in England sein, schauen Sie sich eine Panto an. Sie werden an allen Theatern gezeigt und in den größeren Häusern treffen Sie auf manchen top Schauspieler, der sich das ganze Jahr auf die Teilnahme an dem Jux gefreut hat. Wieder zuhause fällt George noch ein etwas makabres Panto Erlebnis ein, dass er als ganz junger Arzt in demselben Theater hatten, indem auch wir heute waren. Mitten in der Vorstellung erlitt einer der Schauspieler einen Zusammenbruch und starb auf offener Bühne. Es war die Widow Twankey, die mit der Wasserpistole. Erst glaubte man an einen Spaß als der Schauspieler auf den Boden sank, dann fragte man nach einem Arzt. Das war dann der erste und einzige Auftritt von George in einer Panto. Während er den Toten vorsichtig hinter den Vorhang zog, stellte sich Aladin im Kostüm an die Rampe und versuchte die Kinder zu beruhigen: “Boys and girls, you’ll all have to be very good children because something very sad has happened. My Mum has died.” “Oh no, she hasn’t!” chorused back 500 gleeful voices. 

Eine ungeplante Panto hat George einmal in einer Kirche erlebt, als er am späten Abend den Weihnachtsgottesdienst besuchte. Man wollte den Menschen etwas bieten und beschränkte sich deshalb nicht nur auf das Vorlesen sondern spielte auch gleich die Weihnachtsgeschichte anschaulich vor dem Altar. Das fand Beifall, denn Engländer lieben Theater und viele sind geborene Schauspieler.

Ich habe die Szene leider nicht selbst erlebt aber George ist ein guter Erzähler: Once the Angel Gabriel was marooned on stage (er stolperte herum) for an entire act after one of his wings got caught on a nail protruding from the baby Jesus’s manger. Later the show came to a virtual stillstand when Simeon’s false beard came unglued and fluttered down on the head of the infant Christ during the benediction.*) – Frohe Weihnachten!

*) Frei übersetzt: ‚Als einmal der Erzengel Gabriel auf der Bühne herumstolperte, blieb einer seiner Flügel an einem Nagel hängen, der aus der Krippe des Babys Jesus herausragte. Später kam die Show dann zu einem virtuellen Stillstand, als Simons falscher Bart seinen Halt verlor und während des Segnens auf das Haupt des Säuglings Christi herunterflatterte.‘