Im englischen Duden, dem Oxford English Dictionary, kann man nachlesen was das Wort ‘posh’ bedeutet: es steht für ‘nobel’ oder ‘feudal’. Man nutzt es auch, wenn etwas oder jemand ‘todschick’ ist.  Aber ohne Frage ist es so gut wie nie als Kompliment gemeint, sondern immer als mehr oder weniger versteckte Kritik. Wer lässt sich schon gerne als überkandidelt bezeichnen? – In England unterscheidet man noch heute spürbar zwischen ‘upper’ und ‘middle class’. Und dann gibt es natürlich auch noch die ‘lower class’, die soll hier keine Rolle spielen. Diese Klassifizierungen bedeuten natürlich nichts vor dem Gesetz, -so sollte es jedenfalls sein-, aber im sozialen Umgang wird ohne Scheu eingeteilt. Wir glaube das überwunden zu haben, denn der deutsche Adel wurde längst auf Normalmaß gestutzt. Mit einem ‘von und zu’ im Namen kann man niemanden mehr beeindrucken. Allerdings habe ich gerade in letzter Zeit festgestellt, dass (weibliche) Akademikerinnen größten Wert auf ihren Doktortitel legen. Manche bieten mir das Du an und ich frage mich, ob ich noch immer ihren Dr. voranstellen muß? Das würde englischen ‘postdocs’ nie in den Sinn kommen. “Say George” ist so ungefähr das erste was man von meinem Freund*) hören wird. Aber es gibt in England noch immer eine Oberklasse, die sich das Recht herausnimmt über andere zu bestimmen. Da werden Titel über Generationen vererbt, übrigens auch heute noch ausschließlich an männliche Erben, und man hat sein Anwesen irgendwo auf dem Land. In London besitzt die Familie eine Stadtwohnung, denn das Oberhaupt ist automatisch Mitglied im House of Lords. Das ist alles ziemlich miefig, ziemlich altmodisch aber irgendwie auch sehr amüsant. Und wahrscheinlich will deshalb niemand das System von Grund auf erneuern. Es würde natürlich auch das Königshaus betreffen, die sich aber aus meiner Sicht bodenständiger als der Rest verhalten, sie sind selten ‘posh’.

*) Wie nennt man einen Mann, mit dem man nicht verheiratet ist? Partner (vielleicht beim Tanzen, ansonsten nein), Lebenspartner (genauso trocken), Freund (nee, eher nicht). Auch in England konnte ich es noch nicht befriedigend lösen. Partner, friend or boyfriend treffen es nicht. Meisten bezeichne ich George als ‘chap’, was sich im Deutschen nicht übersetzen lässt. Wenn ich auf ihn stolz bin, dann ist er ‘my old man’. Und auch da läuft die Übersetzung in die falsche Richtung.

 

Wer hier wohnt gehört zur Upper Class. Gleich um die Ecke liegt ein Hotel, wo wir den Afternoon Tea genießen wollen. Vornehmes, teures Kensington.

 

Posh zu sein ist allerdings auch ein Lebenstil. Mancher sehr bürgerliche Londoner gibt sich alle Mühe genau so zu wirken. Da trägt man dann rote Hosen zum Club-Jacket mit Emblem auf der Brusttasche oder man bellt ein ‘what?!’ in die Gegend, wenn man jemanden nicht verstanden hat. Ja, richtig gehört. Das höflich ‘pardon’ gilt als ausgesprochen middle class! Wer sich an der Spitze wähnt, hat es nicht nötig übertrieben freundlich zu sein. Mein Engländer, George, sollte sich bestens auskennen, denn er kennt beide Seiten gut. Was fällt ihm ein, wenn es um posh-Verhalten geht? “All posh people ski and ride and play tennis from childhood. The play crocket and table tennis. And they give abbreviated names to their offspring. Emily is called Ems an Edward of course Edz mate.” Eine von mir etwas gekürzte Zusammenfassung seiner spontanen Argumente. 

 

Eingang zum Egerton House Hotel in Kensington. Klein aber oho. Auch Hunde sind willkommen. Wir wollen hier fürstlich Kaffeetrinken.

 

Aber George weiß auch Vorteile zu nennen. Beispielsweise sind posh people ziemlich unempfindlich gegenüber Schmutz und Gestank. “Wirklich? Wieso das dann?” “They will happily get stuck into dagging sheep or filthy stuff involving horses and dogs. The very posh are relaxed about all bodily functions.” Ich will ihm das mal glauben, denn in seiner Funktion als ‘forensic pathologist’ weiß er es zu schätzen, wenn Leute sich unempfindlich gegenüber den Widrigkeiten einiger Körperfunktionen zeigen. “And they are brilliant drivers.” Das wundert mich nicht, denn die Eltern haben genug Geld um ihren arroganten Nachwuchs eine unbegrenzte Fahrstunden-Flat zu bezahlen. Nein, so hat George es aber gar nicht gemeint. Er denkt an einen ganz anderen Grund: “They learned on a Land Rover in the field in over two days when they were ten years old. Job done.” Er hat noch viele Beispiele für mich und ich begreife langsam, dass posh people ziemlich robuste Menschen sind. Die fallen nicht durch übertriebene Höflichkeit auf. Sie leben ihre Bedürfnisse aus, sie müssen keine Rücksicht nehmen und es ihnen egal ob man sie nett findet oder nicht. George schätzt die Gruppe der Anti-Alkoholiker in der upper class auf ca. ein Prozent ein. Der Rest lässt es krachen oder wie er sagt: “Everyone is drinking like pirates, including after dinner stickies and plenty at lunch.” Na dann, prost oder cheers

 

Der Mann von Welt trägt stets eine posh-wool-rug am Henkel durch London. Man weiß ja nie, ob man nicht kurz im Hyde Park rasten will. Sehr englisch, sehr upper class.

 

Einen handfesten Umgang pflegt die Oberschicht auch mit ihren pooches. Die wörtliche Übersetzung ‘Köter’ trifft es nicht, denn man sagt es liebevoll auch zum verwöhntesten Schoßhund. Die im Herrenhaus lebenden Katzen müssen Mäuse fangen und die Hunde schlafen in der Küche. Sonntags geht man zur Jagd und Bonzo muß zeigen was er kann. “Ja, mag sein. Aber in London ist das anders. Denke an unseren Afternoon Tea im letzten Monat.” George erinnert sich sofort, weiß worauf ich anspiele und geht mit breiten Lächeln in den Garten. “Write it down, it’s a nice story,” ruft er mir noch zu.

 

Man darf nicht zimperlich sein, wenn man auf dem Land lebt. Das gilt auch für die posh people. Übrigens sollen sich Hund und Besitzer im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden. Sogar im Aussehen. Ob das stimmt?

 

Hier also nun unser Erlebnis in Sachen posh people: Wir hatten Glück mit dem Wetter. Es war an einem der wenigen sonnigen Nachmittage, als wir in Kensington zum Afternoon Tea ankamen. Ich habe diese sehr britische Zeremonie schon mehrmals beschrieben und kann mich deshalb hier kurz fassen. So ein echter Afternoon Tea ist kein Kaffee + Kuchen. Man bekommt ein sehr komplexes Essen mit Tartlets, Chocolates, Baisers und  schließlich Sandwiches serviert. Dazu Tee, Kaffee oder auch ein Glas Champagner. Am besten sucht man sich dafür ein gutes Hotel aus, zieht sich nett an und genießt dann das mehrstündige Ereignis. Wir hatten uns für das Egerton House in Kensington entschieden, dass mit fünf Sternen werben darf. Das nette Hotel ist berühmt für seinen Afternoon Tea. Die Sache ist nicht billig, man muß so um die 40 Pfund pro Person ausgeben, was aktuell keine 45 Euro mehr sind. George war frisch rasiert, ich hatte mir die Nägel lackiert und etwas mehr Make-Up als üblich aufgetragen. Natürlich dezent, denn so ein Hotel der Spitzenklasse verlangt Stil und Benehmen. Wir saßen also am Tisch, erwarteten die diversen Leckereien, die gängeweise serviert werden und ich musterte die Leute an den anderen Tischen so unauffällig wie möglich. Neugierig war ich schon, das bin ich immer, wenn wir in London unterwegs sind. Dann endeckte ich eine Szene wie aus einem Film geschnitten. An einem der Aussentische saß eine ältere Dame zusammen mit ihrem Hund. Die Frau war für mich der Inbegriff einer vermögenden, etwas exentrischen, aber sehr vergnügten englischen Lady. Sie hatte sich ebenfalls für den Afternoon Tea entschieden, hatte aber außer dem Hund keine Begleitung dabei. Allerdings war das wohl vorschnell von mir gedacht. Denn tatsächlich teilt sie die Zeremonie leidenschaftlich mit dem verwöhnten, aber sehr braven, Tier.

 

Im Hotel Dogerty House sind Hunde sehr willkommen. Humphrey hat sich schick gemacht und sucht sich nun sein Menue zum Doggy Afternoon Tea aus. Mir gefällt’s. Übrigens kleiner Witz am Rand: George trug eine ganz ähnlich gemusterte Fliege.

 

Es war für mich in Ordnung, trotzdem wunderte es mich, dass der Hund gedultet wurde. Niemand nahm Anstoß daran, dass dem Tier sowohl Törtchen als auch dreieckig geschnittene Toastscheiben  gereicht wurden. Am Schottischen Lachs leckte er nur flüchtig, die hausgemachte Leberpastete war aber ganz nach seinem Geschmack. Ich staunte nicht schlecht. “Are you baffled?”, fragte mich George und schob mir die Karte über den Tisch. Wo sein Finger lag, da stand tatsächlich zu lesen: Doggy Afternoon Tea, £18.00 per pooch. Heiliges Kanonenrohr, die hatten tatsächlich ein Spezialangebot für den kleinen Liebling. “Treat your pet to a treat that is sure to get all tails wagging!” Was für eine tolle Einladung. Der Hund kann einiges erwarten: ‘Chicken and beef meatloaf, homemade dog biscuits, dog ice cream and a special chew toy to take home.’ Auch hier gilt, die knapp 20 Euro sind die Sache wert. Das ist doch mal eine Geschäftsidee. Übrigens rät man auch in diesem Fall zum pre-booking. Die Nachfrage ist groß.

 

Die Auswahl für den Hund. Sehr lecker, der Teller wird meistens blitzeblank abgeleckt. Ich hätte es am liebsten mit meinem auch so gemacht.

 

Die tierlieben Engländer haben selten etwas gegen Hunde einzuwenden. Aber trotzdem ist Vorsicht geboten. Sie können nicht in jedem Hotel ihren vierbeinigen Freund mit am Tisch sitzen lassen. Allerdings wird es selten vorkommen, dass man ihm ganz die Tür versperrt. Das ginge schon deshalb nicht, weil es kaum einen Haushalt ohne Hund gibt. Einen? Wo einer satt wird kann auch noch ein Welpe dazukommen. “He looks so sweeeeeet. Isn’t he cute?”