Mein London-Blog ist eine Mixtur aus Dingen, die ich selbst erlebe und Stories, die mir erzählt werden. Ergänzt durch Einzelmeinungen, gerne mal im Pub erfragt oder gleich bei “meinem” Engländer. Der sich zwar für einen typischen Vertreter seines Volkes hält, aber ganz sicher nicht mit dem Durchschnitt deckungsgleich ist.

Aus diesen Zutaten menge ich die Beiträge zusammen. Natürlich sind sie 100%-ig subjektiv, schließlich lasse ich nicht schreiben, und -sorry- sie sind auch ganz schön vorurteilig. Und dann pauschalisiere ich auch noch was das Zeug hält. Was soll ich machen, ich kenne nur einen Engländer (gut) und der reicht mir. Jetzt haben wir uns gerade so gut zusammengerauft, da gibt es nichts zu reklamieren. Was nicht heißt, dass es keine Überraschungen gibt. Die finden sich täglich und sind mir durchaus lieb.

victoria
Aktuell – 2.6.2015 – 13:45: Sturm hat den Zugverkehr lahmgelegt. Das wirkt sich sofort auf die Londoner U-Bahn aus. Hier stehen die Leute in der Viktoria Station Schlange.

Manchmal bleibt mir aber auch kurz die Luft weg. Wie vor wenigen Tagen. Ich habe seit meiner Schulzeit, also seit immer, ein Problem mit der englischen Zeit. Ich kann mir einfach nicht merken wann man “am” sagt und wann es “pm” heißt. Jedemal muß ich umständlich, logisch konstruieren. “After midnight” oder war es “ante m….” ? Und das andere ist dann “past” oder lateinisch “post” ??? Und ist “post” nicht dasselbe wie “after“? Ich kriege es nicht sortiert, es ist zum Wahnsinnigwerden. Und dann trifft mich der Schlag, als George mir ganz nebenbei mitteilt, dass das “m” in “am” und “pm” nicht “Mitternacht” sondern  “Mittag” bedeutet!!! Also die Zeitgrenze liegt bei 12:00 Uhr mittags, nicht nachts! Ich falle fast vom Glauben. Auf einmal ist alles ganz klar: 7:00 a.m. ist sieben Uhr morgens und 7:00 p.m. ist sieben Uhr abends. Alphabetisch sortiert. Simpel.

Wer es genau wissen will: am = ante meridiem (vormittags) und pm = post meridiem (nachmittags). 

Die nächste alltägliche Überraschung war dann beim Dinner fällig. Ich hatte eine ‘Poularde Provencale’ zubereitet, also auf Deutsch ein großes Huhn mit ein paar Kräutern geschmacklich verfeinert. Schon das stellt für den Engländer eine Herausforderung dar. In der typischen englischen Küche findet man Essig, Salz, Pfeffer und Petersilie. Das war’s. Alle anderen Kräuter gelten als Hexenzeug und die Verwendung von Knoblauch ruft die Inquisition auf den Plan. Oder, wenn ich es alleine esse, den Eheberater.

[Gilt natürlich nicht für das junge, moderne London. Dort essen die Menschen längst schon beim Inder, Chinesen, Italiener und inzwischen sogar beim Deutschen Koch. Man geht abends ins “Curry House” und genießt die exotische Küche der Asiaten. Statt ‘Fish & Chips’ holt man sich heute viel lieber ‘Chicken Tikka’.] 

Zum Glück ist George gerne am Mittelmeer und kennt die mediterrane Küche gut. Da finden wir schnell einen Kompromiß zwischen English Sunday Roast mit Gravy und Yorkshire Pudding und Hamburger Labskaus. Als wir dann aber am Tisch saßen und er das Tranchieren übernahm, staunte ich nicht schlecht. Wohl beruflich bedingt geht George geschickt mit Werkzeug um, obwohl er auch den Grobmechaniker drauf hat, und so überlasse ich ihm das Fleisch-Zerteilen gerne. Schwupp-di-wupp sauste er mit dem scharfen Messer durch die Hühnerbrust, zwei Schnitte, elegant an den Flügeln angesetzt. Auch bekannt als klassischer Y-Schnitt des Pathologen. Ich staunte nicht schlecht.

“What’s wrong?” fragt er mich und ich sage: “you’re not in your cutting-room!”. Erst jetzt bemerkt er was er gemacht hat, aber die geöffnete Hühnerbrust lässt sich nicht wieder schließen. Er wird ein bißchen rot und grinst. Er weiß sich zu helfen, wechselt das Thema blitzschnell und erzählt mir die Highlights der heutigen englischen Nachrichten. Er weiß, das man mich damit immer zum Lachen bringen kann.

southern-rail
Aktuell: Der Verkehr auf der Southern-Rail Strecke ist unterbrochen. In wenigen Stunden wollen die Pendler von London nach Hause fahren. Oftmals haben sie lange und weite Fahrstecken. Das wird wieder ein sehr chaotischer Abend werden.

Ganz selten findet man eine Nachricht über/aus Deutschland. Heute war ein Dreizeiler unter “News“, indem stand, dass Deutschlands Geburtenrate die niedrigte in Europa sei und dass das langfristig negative Auswirkungen auf die Wirtschaftskraft der Deutschen habe. Solche negativen Prognosen “freuen” den Engländer, nicht dass er uns Böses wünscht, aber so ein bißchen hat er immer noch Angst vor den überfleissigen und erfolgreichen Deutschen. Da ist jeder Mißerfolg Seelenbalsam. Wirklich auf die Palme brachte mich das Foto, dass man dem Artikel beigefügt hatte, es sollte den Durchschnitts-Deutschen zeigen:

 deutsch

Das ist kein Ausrutscher, sondern Unwissenheit (?) oder gar Ignoranz. Der Deutsche wird als biertrinkendes, trachtentragendes, voralpines Urviech dargestellt. Da ich in das Bild nicht passe, hält man mich für “not really German“. Aber ich will nicht meckern, schließlich zeige auch ich ein ziemlich grob gerastertes Bild des Briten in diesem Blog. (Aber soll ich den nun in luv-george.de umbenennen? Das klingt doch auch blöd).

Lieber wechsel ich zum nächsten Zeitungsartikel und finde mein absolutes Lieblingswort: TODDLER. Es bedeutet Kleinkind; sobald ein Kind zu laufen anfängt ist es ein toddler. Es “toddelt” und das kann ich mir bildlich nur zu gut vorstellen. Ich benutze das Wort wann immer es geht. Man spricht von “sth. is in its toddlerhood” wenn eine Idee noch in den Kinderschuhen steckt. Oder von der “toddler group“, also von der Krabbelgruppe und das “toddler pool” ist das Kleinkinderbecken im Schwimmbad. Leider sind wir aus dem Alter für toddlers raus, oder wie Müller Westernhagen passend formuliert: “Für neue Kinder ist es jetzt zu spät”, und so muß ich immer kompliziert nach Themen suchen, um endlich wieder “toddler” sagen zu können. Zwei- bis dreimal täglich gelingt es!

forest-hill
Aktuell: Forest Hill ist gesperrt. Nichts geht mehr. Der Regen prasselt seit Stunden auf Wales und Südenglang nieder. Dazu Orkan über ganz England. Einzige Ausnahme: Ausgerechnet die Shetlands und Orkney. Das ist sonst. ganzjährig, sicheres Sturmgebiet.

Und dann präsentiert mir George noch sein heutiges Lieblingsthema. Eine große Studie, natürlich wissenschaftlich fundiert, hat es an an den Tag gebracht: Britons, the happy romantics! They are more satisfied lovers than French or Italians. Also dazu muß ich einiges sagen, erst einmal wurden die Deutschen in dieser Studie gar nicht erwähnt. Sie landeten irgendwo weit abgeschlagen. Dann frage ich mich, wer bezahlt diese wissenschaftlichen Forschungsarbeiten? Natürlich der Steuerzahler, es sind öffentliche Gelder, die hier wahrscheinlich ausgegebene werden müssen, ansonsten wird man im nächsten Jahr keine Folgeaufträge erhalten. Wenn man aber die Sache nicht so eng sieht, dann sind die Ergebnisse doch immer wieder ganz amüsant.   

Also die Zahlen belegen, dass die Engländer “the most successful lovers in Europe” sind und Frankreich, Spanien und Italien weit in den Schatten stellen. Das geht der englischen Seele runter wie Öl. Zwar liegt man im wirtschaftlichen Vergleich  nur im Mittelfeld, aber in Sachen Liebe und Partnerschaft ist man führend. George hat Oberwasser: “you should keep your husband satisfied in the bedroom” was ich mit einem “falls das dein Traum ist, solltes du heiraten” konter.  Trotzdem das Ergebnis ist respektabel. Auf einer Skala von 10 erreichten die Briten die Traumnote von 8.3 bezüglich ihrer Zufriedenheit in der relationship (Ehe / Partnerschaft). Das ist beachtlich und deckt sich mit meinen Beobachtungen. Der Engländer mag Familie. Er liebt seine Ehefrau, seine Kinder und die Hunde. Nicht immer in dieser Reihenfolge, aber oftmals.

Natürlich wurde auch gleich nach Gründen geforscht und man meinte es würde vor allem an der Lebensphilosophie “my home is my castle” liegen. Dieses Bild beinhaltet natürlich die Familie, wir sprechen hier nicht vom Junggesellen-Haushalt. Weil wir inzwischen sowohl in Hamburg als auch in London leben und uns zuhause fühlen, jedenfalls ich, frage ich George nach seiner Meinung. Er lächelt mich an und sagt: “Home is where my heart is“.  Oh, diese romantischen Engländer.