Hat London ein Wahrzeichen? Ich sage nein und höre Ihren Protest. Aber da ist doch Big Ben, Buckingham Palace, Westminster Abbey, die Tower-Bridge … Stimmt, es sind alles alte, architektonisch beeindruckende Bauwerke und alle wurden längst in den Schatten gestellt von den modernen Bauten der letzten Jahrzehnte wie The Shard (die Scherbe), The Gherkin (die Gurke), das London Eye (ein Riesenrad) und die Emirates Air Line cable car (eine Seilbahn).

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Der Londoner gibt seinen Wahrzeichen gerne einfallsreiche Namen. “Big Ben” ist übrigens der Name der größten der fünf Glocken, die im Turm hängen.

London hat wahrscheinlich viel zu viele Sehenswürdigkeiten, als dass man sich auf eine herausragende Attraktion einigen könnte. Wer das Basic-Programm des Touristen ablaufen will, sollte mindestens 1 Woche einplanen. Es wird aber nicht reichen.

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Die “cable-car” wird auch “dangleway” genannt. Man kann damit über die Themse gondeln und hat einen herrlichen Ausblick über die Innenstadt. Rechts daneben sieht man noch einen Teil der O2-Arena vor der “Canary Wharf”, am Südufer der Themse.

Ich habe bisher, ausser der National Gallery am Trafalgar Square, noch gar nichts besucht. Gesehen habe ich aber schon sehr viel. Mein Trick, ich nutze die Busse des TfL (Londoner HVV) für die sightseeing tour. Ich empfehle die Route 9, von Kensington zum Trafalgar Square, “königlich”, dann umsteigen in die 15 und damit weiter ostwärts bis zum Tower. Herrlich man kriegt alles Wichtige geboten und das zum Spartarif. Busfahrten sind günstig, sie kosten nur die Hälfte der Tube Preise. 

Übrigens muß die oyster visitor card, die man sich unbedingt besorgen sollte, bei den Bussen nur vor der Fahrt an’s Lesegerät gehalten werden. Nimmt man die Tube muß man sowohl bei Abfahrt als auch bei der Ankunft die Karte hinhalten. Wer keine Oyster hat muß eine Kreditkarte benutzen, denn Bargeld wird in den Bussen nicht angenommen.

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Die neuen Doppeldecker Busse sind wunderbar. Wenn man ganz vorne (oben) sitzt, fragt man sich in jeder Kurve: Schafft er’s oder nicht?

Eine andere Möglichkeit London schnell zu erkunden, ist ein Rundgang zu Fuß. Keine Bange, London ist eine extrem fußgängerfreundliche Stadt. Am besten folgt man der circle line, eine U-Bahn Strecke. Natürlich nicht im Untergrund, obwohl es auch dort Vieles zu entdecken geben soll, sondern oben, auf den Straßen. Immer schön von Bahnhof zu Bahnhof. Und wenn die Füße weh tun, steigt man einfach ein.

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Die “Centre-Line” führt einen rund um London’s Zentrum. Für Autofahrer ist dieses Gebiet kostenpflichtig, die sog. Congestion Charge (Maut) kostet täglich 12 Euro. Aber einen Parkplatz wird man trotzdem nicht finden.

Nochmal zurück zu den Sehenswürdigkeiten. Ich verbinde ganz klar den Anblick des Millennium Wheels mit London. Das Riesenrad ist einfach nicht zu übersehen und steht mitten im Zentrum. Mich kriegen da übrigens keine zehn Pferde rein, ich bin nicht schwindelfrei. Fliegen macht mir aber nichts aus.

Als das Riesenrad gebaut wurde, war British Airways einer der Bauherren. Der geplante Eröffnungstermin musste wegen technischer Probleme verschoben werden, -das ist mir als Hamburgerin nur allzu bekannt-, und schon wurde BA auf bewährte englische Art durch den Kakao gezogen.

Ich glaube es war die Konkurrenz, Emirates, die ein Sportflugzeug über London kreisen ließ. Es zog ein meterlanges Banner durch die Luft, darauf der Spruch: “BA, you don’t get it up!” Jeder verstand natürlich sofort den doppeldeutigen Sinn, nämlich dass BA ‘keinen hochkriegt’. So ist der englische Humor. Man nimmt sich gegenseitig auf den Arm, sehr direkt, immer gescheit-witzig, und wenn dann alle lachen konnten, dann war es gut. Ich mag das.

Na, sie haben es dann doch, und ziemlich schnell sogar, hoch bekommen. Das Rad ist jetzt seit 15 Jahren in Betrieb und ist noch immer die Attraktion der Stadt. Touristen kommen in Scharen. Bei guten Wetter steht man sich vor der Kasse die Füße platt, bevor die gut halbstündige Rundfahrt beginnt. – Laut Planung sollte nach fünf Jahren Betrieb Schluß sein, aber davon hat man schnell Abstand genommen. Heute ist London ohne The Eye nicht denkbar.

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Links das “London Eye”. – Rechts “The Sherd”, ein Wolkenkratzer mit Büros, einem Hotel, Restaurants und Luxuswohnungen.

Liegt es an den vielen Streiks oder hatte ich einfach Glück? Lufthansa fliegt mich für 39,99 von Hamburg nach London. Da kann man nicht nein sagen, das gebe ich leicht an einem Wochenende aus, auch wenn ich zuhause bleibe. Bin gespannt was der Rückflug kosten wird, wahrscheinlich kommt dann das dicke Ende. Ich habe für die Strecke auch schon das Fünffache bezahlt.

Weil ich für den Preis keine Verpflegung erwarte, stärke ich mich schon vorher, und zwar so reichhaltig als würde ich in den Krieg ziehen.

Zweieinhalb Stunden später sitze ich in der Tube. Es ist schmuddelig. Jedenfalls unter den Sitzen. Dort stehen bzw. liegen Cola- und Kaffeebecher, dazu Reste von Fish & Chips. Gerne kommt der Londoner, bzw. der Besucher (!), mit einem take-away in die Bahn, trinkt mehr oder weniger aus und entsorgt den Becher gleich unter seinem Sitz. Sobald der Zug anfährt, kippt das Ganze und der Rest rinnt über die Gumminoppen des Bodenbelages. Hebt man den Fuß an, kommt ein schmatzendes Echo zurück. Vielleicht ist es auch gewollt, denn sobald die Sohle sich am klebrigen Boden festgesaugt hat, fällt keiner mehr um.

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Die Tube ist frequentiert. Da bleiben Spuren, die allerdings nicht immer von den Londoner hinterlassen werden.

Mülleimer gibt es auffallend wenige. Man hatte sie an öffentlichen Plätzen und in den Zügen abgebaut. Sie wurden von Bombenlegern gerne misbraucht und das geschah schon zu Zeiten der IRA. Deshalb ist es oft nicht ganz einfach den Müll loszuwerden. 

Ich weiß nicht ob es an der klebrigen Tube oder an meiner Heißhungerattacke lag, die mich kurz vorm Abflug überkam, jedenfalls war mir alles andere als gut, als ich bei George eintraf. Er sieht es sofort und begrüßt mich mit: “You look pale. Are you tired?” Ich kriege gerade noch ein “Excuse me, I’m dying to go to the loo” raus und dann kann ich mir noch einmal alles in umgekehrter Reihenfolge ansehen, was bereits im Magen schwamm.

Ratschlag: Falls Sie mal auf’s englische Klo müssen, dann formulieren Sie lieber ein kleines bisschen eleganter: “Sorry, where’s the bathroom?” oder “Where’s the toilet?”.

Hoffentlich nur die Folge von “binge and purge“, wie der Engländer Freß- oder Saufgelage nennt. Laß es bloß nicht die Grippe sein. Wenn, dann will ich in der Heimat “sterben”, denke ich und das führe ich auf mein Fieber zurück. 

Dabei bin ich eigentlich am besten Ort gelandet, den ein Kranker sich wünschen kann. Zum einen kann jeder, auch ich, das britische Gesundheitssystem (NHS – National Health Service) kostenfrei in Anspruch nehmen. Also ein Arzt würde mich behandeln und ggfs. Medikamente verschreiben. Andererseits habe ich den Fachmann hier gleich bei mir. Und der schickt mich erst einmal in’s Bett. 

George versorgt mich mit Tropfen und Pillen, aber nichts bleibt im Magen. Schließlich droht er mit einem Hot-Toddy*) und ich gebe jeden Widerstand auf. Ich sinke in einen komatösen zwölfstündigen Schlaf. Irgendwie hatte ich mir unsere Doktorspiele ganz anders gedacht.

*) Der Hot-Toddy gilt als bestes Grippemittel: Großes Glas Whisky, mit heißen Wasser aufgiessen, frischt gepresster Saft einer halben Zitrone und einen großen Löffel Honig hineinrühren. Wird auch gerne von Ärzten empfohlen. Nach ein paar (!) Gläsern kommt man wieder auf die Beine. – Dazu muß man wissen, dass alle Briten freudig und aufgeregt reagieren, sobald Aussicht auf ein warmes Getränk besteht. Man könne es also auch mit Tee probieren.

Am nächsten Morgen wache ich schon ganz früh auf; erstmals im Gästezimmer. Es geht mir prächtig. Ich habe tief geschlafen und verstehe endlich was gemeint ist, wenn man morgens vergnügt sagt: “I smugged like a bug in a rug” (geborgen wie eine Wanze im Flokati).

Das erste Mal, das ich mich auf’s englische Frühstück freue, denn ich habe einen Bärenhunger. Den kennt auch der Engländer, allerdings unter anderen Namen: “tummy rumbling”. Da wäre Bubble and Squeak genau das Richtige. Das besteht aus Kartoffelbrei, der in der Pfanne kurz gebraten wird. Dazu gibt man Reste vom Vortag; üblicherweise Kohl und kalter Braten.  Was der Brite eben so am frühen Morgen gerne zu sich nimmt.

Weil aber keine Reste da sind, mache ich das klassische Frühstück: Würstchen und Speck, Spiegelei mit Pilzen und Tomaten, dazu gebackene Bohnen. Lecker!

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Übung macht den Meister. Langsam klappt es auch mit dem Breakfast. Diese Portion ist eher klein, also für Kranke 😉

George ist inzwischen auch wach, kommt in die Küche, und schenkt sich erst mal Tee ein. “Better?” “Viel besser. Vielleicht nur die Aufregung?” “Your still excited?” he asked crunching through his toast und hofft auf die richtige Anwort. “Und ob.” Ich bin noch ein bißchen verlegen, aber als ich ihn ansehe, schaue ich into a sea of smiles! Die Erde hat mich wieder 😉