Wir haben den 28. März 2019. Der drohende harte Brexit wurde zwar verschoben, aber nur um ZWEI Wochen. Am 12. April könnte ‘Schicht im Schacht’ sein, noch ist die Kuh nicht vom Eis. Was ich George nicht wörtlich übersetzen kann, er würde es nicht verstehen. In solchen Fällen muss ich dann improvisieren: “The ice is very thin and the cow is pretty fat”. Das klappt, er kapiert’s. Trotzdem hört er mir kaum zu, liest lieber die Zeitung. Sportteil, was sonst. Erst als ich seufzend den Tee nachgiesse, schaut er hoch. “Anything wrong?” “Na du hast Nerven, ich weiß nicht mehr ein noch aus. Kommt nun der harte Brexit oder nicht? Ich weiß gar nicht, wie und wann ich meine Reisen planen soll.” “Hmmmm”, immerhin legt er den Daily Telegraph zu Seite. “It didn’t work so well, did it?” Was für eine Untertreibung, aber typisch englisch. Die haben die Ruhe weg und mir flattern die Nerven. Weil George gestern erst sehr spät nach Hause kam, bringe ich ihn erst einmal auf den aktuellen Stand. Gestern, 27. März, wurde ein neuer Anlauf im Parlament genommen, um endlich einen Weg aus dem Schlamassel zu finden. Die Zeit, wie gesagt, ist knapp. Brüssel erwartet spätestens in zehn Tagen eine Antwort, um ggfs. eine Verlängerung zu gewähren. Wird der Termin versäumt, kommt automatisch und unumkehrbar die harte Trennung. Statt mit Hochdruck jetzt im Team zu agieren, leistet sich der Brite erst einmal eine ausgewachsene Staatskrise. Was für ein Timing!


Für die Parlamentarier komme es jetzt knüppeldick. Morgen, also am Freitag, wurde ein ausserordentlicher Sitzungstag angeordnet. Das kommt alle Jubeljahre vor und geht den meisten Abgeordneten gewaltig gegen den Strich. Die Damen und Herren vertreten ja ihre Wahlkreise und haben ihre Häuser/Landsitze über all auf der Insel verstreut stehen. Dort nisten sie sich gewöhnlich über das Wochenende ein und das beginnt Freitag mittag. Diese Woche wird das nix, sie müssen Überstunden machen. Und wahrscheinlich sagen sich die meisten: “Brusssels is to blame for that, too”.

Der politische Journalist Tom Newton Dunn hat sich amüsiert, als die neueste Schreckenmeldung ihre Runde machte. Die Osterferien wurde gekürzt! Statt mit der Familie auf den Landsitz zu fahren und dort eine easter egg hunt zu veranstalten, müssen die armen Abgeordneten die ganze Woche im House of Commons, in London, verbringen. Hui, wie gemein. 

Die erwähnte Dame, Andrea Leadsom, ist übrigens ‘Lord President of the Council’, und darf deshalb solche Anordnungen treffen.

Könnte es sein, dass sie bei all dem Durcheinander ganz vergessen haben, dass ohne eine Vereinbarung oder Zustimmung zum Deal, der harte Brexit automatisch in Kraft tritt? Und zwar am Freitag, den 12. April! Wollte man da wirklich im Urlaub sein? – Die Engländer stellen mich gerade auf eine harte Probe. Ich mag sie, einen sogar ganz besonders. Aber manchmal weiß ich nicht, ob ich weinen oder lachen soll.


Und so sehen die Brexit Hardliner aus. Der stark kurzsichtige Herr, rechts, ist der Abgeordnete für Rayleigh in Essex (Südufer der Themse). Kein Argument kann ihn davon abhalten, die EU zu verlassen. Stolz verkündet er in die Kamera: “I wouldn’t vote for it if they put a shotgun in my mouth”. Man muss es akzeptieren, da lässt sich wohl nix machen. Mal sehen was seine Bauer sagen, wenn die Subventionen ausbleiben. Kommt dann ein: ‘Nobody told me that!’?

Gestern also wurde die Premierministerin entmachtet.  Sie bot ihren Rücktritt an, falls man ihren Deal doch noch zustimmt. Eine Logik, die sich auch nicht auf den ersten Blick erschliesst. Diese ‘3rd meaningful vote’ könnte dann morgen stattfinden. Entscheiden wird darüber das Parlament, denn es hat faktisch die Kontrolle über die Themen und die Richtung übernommen. Der Auftakt fand gestern statt. Man debattierte munter über acht Alternativen zu dem verhassten Brexit-Deal. Immerhin, man begibt sich endlich auf den richtigen Weg, wenn auch kurz vor zwölf. Und was passierte? Man diskutierte den ganzen Nachmittag, stimmt dann ab und lehnte schließlich alle acht Vorschläge ab! George huscht ein Lächeln über das Gesicht, mir laufen fast die Tränen. Ist ihm nicht klar, dass die Zeit knapp wird? Wieder ein vertaner Tag, wieder steht man ganz am Anfang, oder nicht? “Don’t worry, it’s only the prelude to the final”, tröstet er mich. Er erklärt mir, was gestern im Parlament lief, war engagierte Meinungsbildung. Die Abstimmungen, keine davon bindend, sind nur eine erste Orientierung. Heute, am Tag danach, weiß man immerhin, wo Mehrheiten sein könnten. Ganz vorne liegt ein zweites Referendum, dieser Vorschlag erhielt immerhin die wenigsten Ablehnungen. Dann folgt ein Custom Union Modell und schließlich, auf Rang drei, der May Brexit Deal. Diese drei und vielleicht noch ein oder zwei andere Ideen, wird man am Montag erneut zur Abstimmung vorlegen. Vielleicht macht man mehrere Wahlgänge, sortiert dann jeweils die Idee mit den wenigsten Stimmen aus, und kommt schließlich zu einem Gewinner. So geht das, so würde auch die Wahl eines neuen Premierministers (ich glaube an keine Frau als Nachfolgerin) ablaufen.

Ich schöpfe Hoffnung, denn die aus meiner Sicht schlimmen Sachen, wären dann ja vom Tisch. Keiner will den harten Brexit, das wurde kategorisch abgelehnt. “That’s right. Now you get it. On Monday evening I’m at home. We can watch Parliament TV together. You’ll see everything gonna be fine”. Das tut mir gut, ein bißchen Trost und Zuversicht. Ich fasse wieder Mut und mein Lächeln kommt zurück. Allerdings nicht lange, denn George, der schon auf dem Weg in den Garten war, kommt auch noch mal zurück. Strahlend steht er in der Tür und ruft mir zu: “Don’t forget Monday evening. And get the popcorn out”. Sagt’s und verschwindet. Glücklicher Engländer, er kann jeder Situation etwas Komisches abgewinnen.