In Deutschland steigt die Spannung. Heute wird der Heilige Abend gefeiert. In England passiert gar nix. Business as usual. Wohl wegen des ungewöhnlich milden Wetters, nadelt der Baum ohne Ende. We keep the hoover on standby this year. Englisch, pragmatisch, gute Lösung; danke George. Draußen kann man tatsächlich einige aufgeblühte Knospen an den Zierkirschen entdecken. Da läuft etwas aus dem Ruder. Auch George scheint in den letzen Tagen, oder sollte ich besser Nächten sagen, im Frühlingsmodus zu sein. Warten wir ab, irgendwie und irgendwann wird sich alles wieder normalisieren. – Morgen ist Vollmond, am Weihnachtstag (!); mich würde es nicht wundern, wenn anschließend der Winter mit Macht über’s Land zieht.

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Ein Nordlicht über Island. Diese Foto gelang dem Schotten Graeme Whipps in diesen Tagen. Da läuft es einem schon kalt über den Rücken, oder?

Eine Woche vor Weihnachten passierte Sensationelles im Königreich. Sie haben wahrscheinlich noch nicht davon gehört, denn ausserhalb der Insel wurde es nicht einmal als Fußnote in den Nachrichten erwähnt: Der erste Brite ist im Weltall. Wow! Major Tim hob vom russischen Weltraumbahnhof ab und erreichte acht Stunden später die internationale Raumstation (ISS). Sein Kommentar zum sechsmonatigen Aufenthalt im All war kurz und humorvoll: “It’s a great day in the office.” Seitdem werden die Engländer abends ausfühlich über die Raumfahrt aufgeklärt. Gebannt sitzt man vorm Telly und staunt. Nur zur Erinnerung, der erste Deutsche flog 1978 ins All. Oder wenn sie ihn, Sigmund Jähn, nicht zählen wollen dann eben Ulf Merbold, der 1983 folgte. Weitere neun folgten, ohne abendliche Brennpunkt Sendung. Trotzdem Glückwunsch an die Briten, sie sind schon echte daredevils.

Viel interessanter fand ich was vom All zurückkam, nämlich ein Gruß vom leibhaftigen Grinch. Der hatte sich listig in einer Magnetwolke versteckt und grinste grün vom Himmel.

Ach, noch mal zurück zum braven Major Tim. Das (mir) Wichtigste habe ich ganz vergessen zu erzählen. Er hat doch tatsächlich für seinen Aufenthalt im Weltall ein typisch englisches Utensil bekommen. Man schickte ihm eine “china tea-cup to the station, so he can enjoy a brew in traditonal style”. Gott sei Dank, haben sich 54 Millionen Engländer gedacht. Sollte doch irgendetwas schief gehen, dann kann er wenigsten sagen: “I’ll put the cattle on” und dann wird mit Sicherheit alles gut werden.  Wie sang Peter Schilling? Major Tim macht einen Scherz, dann hebt er ab …

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Ganz abgeklärt bertrachtet Cruachan III seine Auszeichnung. Genieße deinen Ruhestand!

Jetzt ist genug mit feiner Ironie, denn eigentlich gefällt es mir, dass man den Mitmenschen Respekt zollt. Egal ob sie nun ins All fliegen oder einfach ‘nur’ für einen Moment Freude verschenken. Oft genug habe ich erwähnt, dass das Pflicht für jeden Engländer ist. Aber es wird auch von den tierischen Freunden erwartet. Und so hat man das Shetland Pony mit dem Namen Cruachan III jetzt ausgezeichnt. Das brave 23-jährige Tier hat lange Zeit als Maskottchen des Royal Regiment of Scotland gedient. Viele von uns kennen es vielleicht von der jährlichen royal birthday party ‘Colour the Troops’. Dem Pferd wurde eine der höchsten Auszeichnungen verliehen, mit der Begründung: Cruchan III is given a top honour in recognigation of his long career, brightening the lives of so many people. Wenn man ähnliches über mich eines Tages sagen wird, wäre es (mein Leben) ein voller Erfolg gewesen. Ich fürchte es wird nicht passieren. 

Inzwischen habe ich mich an das ungewohnte outfit von George gewöhnt. Ausgerechnet er, der ohne Krawatte nicht zum Mülleimer gehen kann, kommt aus seinem Christmas Sweater nicht mehr heraus. Aber wie immer, lebt er damit nur beste englische Tradition. Weihnachten ist ein gemütliche Zeit und da darf man es sich bequem machen. Ich bin schon auf alles gefasst, wenn er mir morgen früh das Weihnachts-Frühstück ans Bett bringt, -was ich mal ganz stark vermute-, dann wird er bestimmt noch einen ganz besonderen Hingucker parat haben. Von wo wird  mich Rudolph angrinsen? Shirt or pants? Seit gestern trägt er auch stolz das plüschige Rentiergeweih. Es läßt sich auf dem Kopf festklemmen, was bei meinem bald head besonders blöde aussieht. Jetzt will er aber mit Barney noch um die Häuser ziehen und dazu setzt er sich die rote Weihnachtsmütze auf. Im dicken, weißen Pelzrand sind Lichter eingenäht, die pulsierend blinken. Natürlich werden sie angemacht. Tolles Bild, blinky and twinky laufen Richtung Hampstead Heath. Der Hund trägt ein Halsband, das im selben Tempo wie die Mütze aufblinkt. Falls Major Tim gerade über uns schwebt, und er sich weit aus dem Fenster seines Space-Modules herauslehnt, kann er sie vielleicht sogar sehen.