Eine eindeutige Übersetzung für den Spielverderber ist mir -zumindest nicht auf Anhieb- geläufig, aber wenn einer nicht mitmachen will, dann kann man ihn als “dog in the manger” bezeichnen (Neidhammel) oder man ruft ihm ein “don’t be a poor sport” zu, das wirkt immer. Unfairness läßt sich der Engländer gar nicht gerne nachsagen. Wenn George meine gute Laune von der Sorte ‘happy and upbeat mood’ weit nach Mitternacht mit einem “stay in bed” ausbremst, weil er keinen Schluck sparkling wine um diese Zeit will, dann ist er ohne Frage “the killjoy among us“.

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Die Namen von Luka und Benny sind geändert. Soviel Datenschutz muß sein.

Von einer netteren Seite zeigt er sich, wenn Luka und Benny ihn besuchen. Luka ist acht Jahre alt und hat seit Ferienbeginn viel Zeit. Seine Eltern arbeiten, die Freunde sind auf Reisen und so bleibt ihm nur ein Besuch beim Engländer. Eigentlich hat Benny den Kontakt geknüpft. Ein Mischling, klug, hübsch und mutig. Benny hat gleich gemerkt, dass es sich lohnt George zu besuchen, und der scheint ihn als festen Hausfreund längst zu akzeptieren. Immerhin hat Benny eine eigene Schrankecke, dort finden sich Dinge wie “Saftiges Kaninchen mit Karotten” und “Huhn in Pastete”. 

Wenn ich komme, geht Benny in Deckung. Keine Ahnung warum, eigentlich herrscht Frieden zwischen uns. Vielleicht stellt er Besitzansprüche an George? Immerhin finde ich den haarigen Vierbeiner mitten im Bett. Nur ein kleiner Hügel verrät ihn unter der Tagesdecke. Den Kopf hat er tief in das Pyjama-Shirt gesteckt und die Shorts wird gerade flächendeckend eingesabbert. Bei soviel Hingabe muß ich passen.

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Ein Carrom Spielbrett. In London hat George sich eine sehr schönes selbst gebaut. Ein richtiger Carrom-Spieltisch.

Luka und George spielen Carrom. Ein in England beliebtes indisches Brettspiel, das Geschicklichkeit und ein gutes Auge verlangt. Eine Mischung aus Billard und Curling. Beide sind mit großen Eifer dabei und bemerken mich kaum. Mir scheint es so, dass George sich mit allen Ehrgeiz hineinkniet und völlig vergisst, das sein Gegner erst acht Jahre alt ist. Also raune ich ihm zu: “Du wirst den Jungen doch wohl nicht verlieren lassen?” Er guckt ziemlich verdattert und schiebt mich zur Seite. 

Als ich die Fischstäbchen mit Pommes fertig habe, -perfektes Essen sowohl für Engländer (fish & chips) als auch für Kinder-, haben die beiden ihr Match gerade beendet. “Wer hat gewonnen?” George zeigt auf Luka: “He beat me with 10-9.” Dann raunt er mir in’s Ohr: “Hope you let me win tonight.” Gerne hätte ich gefragt ‘bei was?’, aber das muß warten.

Anfang der Woche hat mir ein richtig gemeiner Spielverderber ein Bein gestellt. Nach erfolgreichen vierwöchigen Lauftraining machte das Knie nicht mehr mit! Ein leichter Schmerz in der Wade/Kniekehle wurde von mir missgedeutet. Ich dachte an abklingenden Muskelkater und lief ein lockeres Morgentraining. Danach war zappenduster. Das Knie ist dick und heiß und alles deutet auf einen Meniskusschaden hin. 

Ich war ganz schön enttäuscht. Endlich hatte ich Erfolg mit dem Laufen, es fing an mir Spaß zu machen, und dann das abrupte Ende. Wie immer hoffte ich, es würde von alleine besser werden, aber es klappte nicht. Jetzt nehme ich Schmerztabletten, trage eine Bandage und warte auf einen Termin beim MRT. Die Aufnahme wird zeigen was gemacht werden muß.

George würde gerne helfen, aber hier in Hamburg bleibt ihm nicht viel mehr, als bei Bedarf das heisse Knie pustend zu kühlen. Ich bin ganz froh, dass wir nicht in London sind, wer weiß was ihm da alles eingefallen wäre. Nachdem ich ihm nun mehrfach versichert habe, dass ich meinen personal trainer nicht austauschen werde, hört er auf sich für den Schlamassel verantwortlich zu fühlen. Wenn ein Meniskus (Bandscheibe, Sehne, Muskel …) bei geringer Belastung in die Brüche geht, dann liegt die Ursache Jahre oder Jahrzehnte zurück. Eigentlich kann ich froh sein, dass es hier und jetzt passiert ist, es gäbe viele Gelegenheiten, die mir weit ungelegener kämen. Also Schluß mit dem Quatsch. It’s rubbish.

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Gut gemeinter Rat: Lassen Sie sich niemals von einem forensic pathologist behandeln, solange das Blut noch fliesst. – Treatment für Privatpatienten.

George kann in seiner Wohldorfer Wohnung englische TV-Sender empfangen. Und eine Tageszeitung liegt auch meistens herum; die bekommt er allerdings nicht am nächst besten Kiosk. Beide Quellen sind Garanten für gute Laune. Wenn die Schlagzeile “Sheep in car on the way to McDonald’s” lautet, darf man gespannt sein.

Die Geschichte ist schnell erzählt. In North-Yorkshire, eine bäuerliche Gegend im nördlichen England, wird am Abend ein Autofahrer von der Polizei gestoppt. Sein alter Peugeot hat zwei völlig abgefahrene Reifen. Als die Polizisten sich das Profil von nahen ansehen wollen, entdecken sie ein ausgewachsenes Schaf auf der Rückbank. Das Tier steht auf den Polstern und schaut die Polizisten blöd durchs Seitenfenster an. It looks sheepish.

Nun ist das Mitnehmen von Tieren keine Straftat und genauso argumentiert auch der Fahrer: “Some people take their dogs in their cars, I take my sheep.” Aber das reicht den Beamten nicht, also fährt er fort: “I’ll take it to a nearby McDonald’s restaurant for a meal.” Das ist nun wirklich mal eine originelle Antwort. Mit dem Schaf zum McDonalds fahren und es dort zum Hamburger einladen. Oder hat es lieber nur den Salat gewollt? Vermutlich. Ich sage nur BSE.

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Ein Schaf auf der Rückbank. Weil das nicht jeden Tag passiert, haben die Polizisten das Foto gleich auf Facebook gepostet.

Man ließ die beiden weiterfahren. Für solche Aktionen sind die Engländer immer zu haben. Da zeigt man sich nicht als Spielverderber. 

Ob die Sache mit den Reifen durch die Entdeckung des Schafes in Vergessenheit geriet, ist nicht bekannt. Aber man ist sich sicher wo das Pärchen eingekehrt ist, nämlich im “fast food restaurant at Leeming Bar (so heißt der Ort) services on the A1 in North Yorkshire“. Vermutlich kommen die beiden öfters vorbei, also nicht wundern wenn sie dort eine Pause während ihrer England-Tour einlegen.

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.. und dieser Vogel wird z.Zt. gerade in South-Yorkshire polizeilich gesucht. Er ist von einer Straußenfarm abgehauen. Die Gegend scheint einiges zu bieten.

Abends reibe ich mir noch einmal das Knie mit Salbe ein. Ich glaube die Wirkung basiert auf reinem Glauben. Egal, wenn es hilft. Das Bett wird mit zusätzlichen Kissen gepolstert. Je nach Lage braucht es eine Stütze am inneren Gelenk, dann wieder lieber in der Kniekehle. Man ist die halbe Nacht mit der Suche nach der bequemen Lage beschäftigt.

Why did you change my pyjamas?” “Sei froh, dass ich es gemacht habe.”

You promised to let me win. Might just now make this a good opportunity for us?” Aha, denke ich mir, da nimmt jemand den längst vergessenen Faden wieder auf. Dann wollen wir die Sache mal zu Ende diskutieren, ich gebe zu bedenken: “Do you really want to cross first the finish line?” Den Aspekt scheint er noch nicht bedacht zu haben. Ein langes Schweigen folgt; aber das ist seine Art, ich kenne es längst. – Inzwischen habe ich die ideale, stabile Seitenlage gefunden. Vorsorglich habe ich noch eine Schmerz-Tablette geschluckt. Sie wirkt schnell. Deutlich schneller als George ‘spontan’ eine schlagfertige Anwort einfällt. Denn als er die kund tut, -was ich vermute-, war ich schon längst eingeschlummert.