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London ist dicht. Heute kein Abflug.

Schon am Flughafen lässt sich ahnen, was mich in London erwartet: Chaos. Nebel dick wie Erbsensuppe, soweit das Auge reicht [A!]. Während an Englands Südküste milde 22° mutige Schwimmer ins Wasser springen lässt, versinkt der Rest der Insel in Nebelschwaden. Am Flughafen leuchtet die Tafel mit den Abflugdaten drohend rot. Der Winter steht vor der Tür und der Verkehr  bricht zusammen. Same procedure as last year.

In England gibt es kein Weihnachtsfest ohne Bahnchaos. Dieses Mal hat man rechtzeitig geplant. Weil man noch jede Menge Geld im Budget hat, werden gleich fünf Hauptlinien gleichzeitig umgebaut. Termin: Die Weihnachtswoche. Perfekt! Der Flughafen Heathrow wird dann von keiner Overground mehr angefahren! Was soll’s, wer fliegt auch schon zu Weihnachten nach London? George ergänzt: “No overground train service to Heathrow AND Gatwick. Both routes will be crippled!” Danke!

Gut das ich meinen privaten Abholservice habe, aber wenn irgendwie möglich, werden wir die Wochen über Weihnachten/Silvester in London verbringen. Kein Hin- und Herreisen. Die Zeitung titelt: Widespread disruption expected to create ‘bedlam’ over Christmas season. Womit ich Ihnen gleich ein neues Wort liefern kann, bedlam = Tollhaus.

Ich habe mir für heute ein klassisches Touristenprogramm gewünscht und das lässt sich auch bei Nebel durchführen. Wir wollen den Borough Market besuchen. Vielleicht haben Sie schon davon gehört? Ein Gourmetparadies unter den Pfeilern der London Bridge. Wir fahren mit der Tube Central Line bis St. Paul’s und laufen dort erst einmal um die Kathedrale herum. Architektonisch wunderschön. Ich kenne sie ehrlich gesagt nur von außen und sollte das ändern. 

Mein Geheimtipp: Gehen Sie mal auf die Rückseite, dort ist ein Innenhof mit tollen Mosaik zu finden. Das Schachbrettmuster fällt sofort auf und erinnert daran, dass wir uns hier auf uralten Freimaurer Terrain befinden. Nicht weit entfernt ist die Temple Church, Zentrale der Tempelritter Englands. Das war im zwölften Jahrhundert, ist aber auch heute noch sehenswert. – Wir müssen die Themse queren, um zum Markt zu kommen, und dafür bietet sich die Millennium Bridge an. Sie liegt ganz zentral und ist nur für Fußgänger gebaut. 

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Die Millennium Bridge im November. Wir landeten nicht im Himmel, sondern in Southwark, südliches Themseufer.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Borough Market. Meine Erwartungen halten sich in Grenzen. Ich denke an die Wochenmärkte in HH-Volksdorf oder an der Isestraße und denke dieser wird etwas größer, ansonsten aber ähnlich sein. Weit gefehlt!

Obwohl es Parallelen gibt. Die Händler haben ihre Stände aufgebaut und mit Ware gefüllt. Es gibt Gemüse, frisch aus der Gegend, gestern oder erst heute geerntet. Käse und Milchprodukte, dann besonders viele Fischstände, wen wundert’s, England ist vom Meer umzingelt. Der Nationalfisch ist der Kabeljau (cod). Fish & chips wird ausschließlich mit Kabeljau gemacht, aber auf diesem Markt finden sich Exoten aller Art. Natürlich auch Hummer, Langusten und Austern. Eine Standreihe weiter wird es ganz bodenständig. Man findet eingekochte Marmelade, frisch gepresste Obstsäfte und jede Menge Kräuter, noch wachsend im Topf. Alles kann, darf und soll probiert werden. Wir haben Appetit und schlemmen uns durch die Reihen.

Nach gut zwei Stunden haben wir die Stände abgegrast; jedenfalls landen wir wieder dort, wo wir am Vormittag gestartet sind. Wir haben reichlich genascht, aber satt sind wir nicht. Deshalb fällt mir die Wahl leicht, als George vorschlägt einen Abstecher zum Clink Prison Museum zu machen oder gleich in den Pub zu gehen. Nein, ein ehemaliges Gefängnis ist jetzt nicht das Richtige. Dann lieber der Pub und weil der George Inn heißt, kann er nur gut sein. Und damit liege ich richtig. Die Taverne stammt aus dem 16. Jahrhundert und ist urgemütlich. Von den Gästen nur kurz ‘George‘ genannt. Wie so oft fühle ich mich schon beim Eintreten wie zu Hause, es ist sehr englisch, also sehr gemütlich. Die Reklame mache ich hier gerne, denn das Essen war lecker und die Bedienung freundlich.

Satt, aufgewärmt und bester Laune treten wir den Rückweg an. Inzwischen ist es schon Nachmittag und der Nebel liegt genauso dick in den Straßen, wie am frühen Morgen. Wir könnten jetzt an der London Bridge die Underground nehmen, aber stattdessen gehen wir lieber zu Fuß über die Brücke. Die frische Luft tut gut. Die vielen Brücken über die Themse sind alle für Fußgänger offen. Das gefällt mir gut. In Hamburg fehlt so etwas, dort ist die Elbe eine echte Barriere zwischen den nördlichen und südlichen Stadtteilen.

Statt Underground fahren wir mit dem Bus nach Hause. Die Linie 24 bringt uns vom Trafalgar Square bis nach Hampstead. Mitten durch Covent Garden und Soho, geht es direkt nach Camden Town. Wo es übrigens auch einen bekannten Markt gibt, aber über den habe ich schon einmal berichtet. Dort steigen einige Herren zu, die George zu seinen ‘mates’ zählt. Der Begriff kann vielleicht mit ‘Kumpel’ oder ‘Freund’ übersetzt werden, wird aber universell genutzt. Wen immer man kennt, Nachbar, Kollege, Pubbesucher, Gartenbesitzer …, wird als mate (or buddy) bezeichnet. Das ist praktisch, denn beim “Hi mate how are you?” umschifft man ganz elegant die Tatsache, dass man den Vornamen des Freundes gerade mal wieder nicht parat hat. Übrigens gibt es auch ‘inmates’, so wird der Freundeskreis bezeichnet, den man innerhalb eines Gefängnisses hat. 

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‘Mates’ oder ‘buddies’ teilen gerne. Man verkleidet sich z.B. Halloween als Verkehrskegel, hält den Verkehr auf und landet schließlich auf der Wache. Das schweißt für’s Leben zusammen und kann nur mit den ‘mates’ gemacht werden.

George hatte tagsüber eher wenig Gelegenheit verbal aufzudrehen. Ich kenne seine Witze inzwischen und geize deshalb mit dem Lachen. Bei seinen mates ist das etwas anderes, die kennen sich zwar schon deutlich länger, teilen seit Jahrzehnten dieselbe Pointen und finden sie doch immer wieder komisch. Oder sind sie so vergesslich? Kaum sitzen die auffallend elegant gekleideten Herren auf der Doppelbank, da geht es auch schon los. “A man doesn’t know what hapiness is until he’s married. By then it’s too late”, gibt Malcolm zum Besten und wirft einen scheuen Blick in meine Richtung. George kontert: “Women need a reason to have sex. Men just need a place.” Dafür erntet er ein Stirnrunzeln von mir, aber es hält ihn nicht ab, gleich die nächste Plattitüde kundzutun: “The quickest way to a man’s heart is through his breast.” Den kannte ich noch nicht und nötigt mir ein Lächeln ab. Andere Gäste stutzen, weil sie seinen Beruf nicht ahnen. Zum Glück dauert es nicht lange, bis die ganze Meute mit uns zusammen aussteigt und nach Hause stiefelt.

Nicht viel, aber Gutes haben wir uns vom Borough Market mitgenommen. Käse, Salami und Salate stellen wir auf den Tisch. Dazu frisches Brot und guten Wein. Wir nehmen alles mit ins Wohnzimmer. Dort hat George seinen Arbeitsplatz und ich brauche nur einen Laptop, um mit der Welt zu kommunizieren. Ich liebe diese gemeinsamen Arbeitsabende. Er schreibt seine Reports am PC und ich erstelle einen neuen Bericht für einen meiner Blogs. George nimmt online Kontakt zu einer medizinischen Fachbibliothek auf, dazu muß er sich ein Konto erstellen. Also fragt er mich: “I need a password eight characters long.” Ich habe eine Eingebung und antworte wie aus der Pistole geschossen: “Pick Snow White and the Seven Dwarves.” Sprachloser Blick, dann lautes Lachen. Wow, ich glaube jetzt bin ich zum buddy mutiert.