schild
Keine Frage, wir sind in Wales

Mir hatte es schon im Mai so gut in Wales gefallen, dass ich gerne noch einmal hinwollte. Also leisten wir uns einen Abstecher. Von Gloucester sind es keine 20km bis zur “Grenze”. Man sieht sofort auf der Straße, ob man bereits im westlichen Teil der Insel angekommen ist. In mannshohen Lettern ist SLOW auf die Fahrbahn gepinselt worden und in Wales steht gleich darunter ARAF. Ich nehme mal an, es hat dieselbe Bedeutung.

Auch die Ortsnamen ändern sich merklich, sie werden länger. Die Bewohner scheinen die Konsonanten ganz besonders zu mögen: Llanfairpwll. Weil das kein Engländer aussprechen kann, nenne die den Ort einfach: Gogogoch. Was ich auch nicht viel besser finde. Über eines lässt sich aber nicht streiten und das ist die Schönheit der Landschaft. Wales ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Wir steuern den Brecon Beacons Nationalpark an; eine grüne Oase durchzogen von einer Bergkette.

brecon beacons
Der Brecon Beacons Nationalpark. Oder walisisch: Parc Cenedlaethol Bannau Brycheiniog

Das Wetter ist durchwachsen, immerhin selten anhaltender Regen. Wir gönnen uns zum Abschluss der Rundreise noch ein bißchen Luxus. Im Country House am River Usk kann man für £150 im Sterne-Hotel übernachten. Wer Londoner Preise kennt, hält das für ausgesprochen günstig. Das Haus ähnelt einer Burg, innen top eingerichtet, das Essen ist erstklassig, der Gast ist König. 

gliff
Luxus in Wales: Gliffaes Country House Hotel in Crickhowell, Powys

Am nächsten Morgen sind wir uns einig, wir fahren nach Hause. Zurück nach London. Genug Natur, genug Rugby, genug gutes Essen und langes Schlafen. Es fängt an langweilig zu werden. – Noch hat George einige freie Tage, man kommt ohne ihn aus. Es scheint ihn zunehmend zu nerven. Er “leidet” an zuviel Ruhe. Ich hingegen sehne mich nach einer Woche Alleinsein. Mir ist es zuwenig Ruhe. Abhilfe wäre einfach, ich müsste nur meine Koffer packen, aber keiner von uns gibt nach. Und so kommt, was kommen muß. Wir haben den ersten handfesten Streit.

Schon lerne ich wieder dazu, nämlich dass der Engländer auch im Streit niemals persönlich wird. Egal wie laut er brüllt, irgendwie gibt George sich immer noch Mühe witzig zu sein. Main thing we had a good laugh, die Regel scheint auch für den Ehekrach zu gelten. Am Abend werkelt grumbling George schon eine ganze Zeit in der Küche herum, als er schließlich den Kopf durch die Tür steckt und mich mit einem sheepish grin fragt: “Will you be joining me for dinner or are you having a boiled egg alone?” Mal ehrlich, wie soll man auf dieser Basis ernsthaft streiten? Unfair!

Streit macht müde. Wir gehen früh zu Bett. Draußen wird es herbstlich, die Temperaturen sacken deutlich ab. Ein Grund mehr eine cuddling night zu haben. Am nächsten Morgen wachen wir bei Sonnenschein und viel Harmonie auf. Gegen mittag ist es damit schon wieder vorbei, jedenfalls bei mir, und diesmal ist der Grund nur allzu bekannt: Auntie Ingrid erwartet uns zum High Tea im Kreise von ausgesuchten Gästen. Mir schlottern schon mittags die Knie. Ich bin nervös wie seit langem nicht mehr. Schließlich bitte ich George sogar um eine Valium Tablette. Der rät aber ab, das wird ein ganz langweiliger Nachmittag und du wirst einschlafen. Trinke lieber einen Kräuterlikör das beruhigt den Magen und die Nerven. Ich lehne dankend ab, das fehlt noch, wenn ich mit einer Schnappsfahne bei Auntie ankomme. “It’s not as bad as all that”, tröstet mich George. “Stop your feet tapping and flicking, and don’t picture, with mounting hysteria, the first meeting with her. I’m always there for you!” 

Einige Stunden später, die ich mit zunehmend hektischen An-, Aus- und Umziehen verbrachte, fahren wir in Londons vornehmste Wohngegend: SW3. Großlondon ist postalisch recht einfach aufgeteilt. Man gibt Himmelsrichtung plus eine Ziffer an. Hampstead liegt im Nordwesten, nicht weit vom Zentrum entfernt, und hat deshalb das Kürzel NW3. Alle Stadtteile im Osten fangen mit E (= east) an, alle im Westen mit W. Aber so einfach ist es dann doch nicht, denn das Kürzel SW bedeutet natürlich South-West, nur Aunti Ingrid wohnt doch gar nicht dort? George erklärt mir die Sache ausführlich und lenkt mich damit ganz nebenbei wohltuend ab. Statt nach dem Riechsalz im Handtäschchen zu wühlen, entspanne ich mich, je tiefer wir in die Materie eindringen.

Meine Annahme, dass alle Postbezirke mit einem S südlich der Themse liegen, ist falsch. Einige von ihnen liegen nördlich vom Fluss. Unter anderen SW1 (Westminster) oder SW3 (Chelsea). Auch die Postleitzahlen von Fulham und South-Kensington fangen mit SW an. Die königliche Familie im Buckingham Palace hat die vollständige Postleitzahl SW1A 1AA. Wenn der Palast also im Süd-Westen liegt, wo ist dann das postalisch-geographische Zentrum angesiedelt. Ich würde sagen es ist die St Paul’s Cathedral. Sie liegt auf der Grenze von EC1/WC1; womit East Central bzw. West Central gemeint ist. Fulham zum Beispiel liegt deutlich südlicher, hat deshalb die Postleitzahl SW6 und liegt dennoch am nördlichen Themseufer. – Und noch eine Besonderheit: Im Süden, also alle Bezirke südlich der Themse, liegen entweder im SW oder im SE. Einen Bereich namens S(outh) gibt es nicht. Im Norden ist es anders, da finden sich W(est), NW, SW, N(Nord) und E(ast). – Mit dem Grundwissen können Sie sich immer in London orientieren, denn die Bezirke sind auf den meistens Straßenschildern zusätzlich angegeben.

park-hall
Die Park Hall Rd. liegt in N2, also in East-Finchley. By the way, es gibt eine gleichnamige Straße im Südwesten Londons. Aufpassen.

Dank des Nachhilfeunterrichtes vergeht die Fahrt wie im Fluge. Hinter einer schweren Eingangstür liegt das Treppenhaus mit Marmorböden, Messingleisten und großen Kristallspiegeln. Ein roter Teppich ziert die Eingangshalle. Wir steigen die Stufen zum first floor hoch und sehen Auntie Ingrid schon in der Tür stehen. Sie gibt George einen dicken Kuss auf die Wange und nimmt mich herzlich in die Arme. Ich lasse es mir gerne gefallen, denn sie ist mir auf Anhieb sympathisch. Aber ich bin doch noch etwas verlegen, besonders da ich bereits andere Damen und Herren in dunklen Anzügen herumstehen sehe und das Gefühl habe, alle Augen sind auf mich gerichtet. Auntie schiebt mich erst einmal zur Seite und drückt mir ein Glas in die Hand. A welcome drink. Ich stottere ein “so nice to meet you” heraus und trinke das Gläschen in einem Zug leer. Was immer drin gewesen sein mag, es war hochprozentig. 

Bewusst oder unbewusst gibt George inzwischen den Entertainer. Er erzählt Witze am laufenden Band und sonnt sich im Zentrum aller Aufmerksamkeit. Mir ist es recht, denn so kann ich unbemerkt in die lustige Runde eintauchen. George hatte Recht, der Nachmittag lief sehr entspannt. Auntie Ingrid hatte mich gleich an ihre Seite genommen und sorgte dafür, dass mein Glas immer gefüllt war. Sie unterhielt die Gäste mit Vergleichen zwischen Amerikanern und Engländer. In beiden Gesellschaften war sie offensichtlich seit Jahrzehnten zu Hause. “What is the difference?” fragte sie in die Runde und fuhr gleich fort. “In America, if your neighbour gets a Rolls-Royce, you want to get one, too. In Britain, if your neighbour gets a Rolls-Royce, you want him to die in a fier accident.” Ich schwankte welcher Gruppe ich die Deutschen zuordnen sollte und nahm noch einen Schluck Sekt, sorry natürlich Champagner. 

auntie-house
Auntie Ingrid wohnt in einer eleganten Straße. Gediegener Reichtum.

George erzählte aus seiner Schulzeit: “When I was twelve years old, I was required by my biology teacher to keep a nature diary. I could never think what to put in it, and the only entry I remember including was ‘Saw a cat jump over a wall’. The teacher was unimpressed. Little did he know that it wasn’t even true.” Riesen Gelächter und erstmal wieder anstossen. Dann nahm mich Auntie in den Arm und gab mir den Rat niemals Vergleiche zu ziehen. Besonders nicht mit Menschen denen es scheinbar besser geht als mir. Es wird mich nur unglücklich machen. Das Rezept zum Glück besteht aus anderen Zutaten: Gratitude, acceptance, compassion and forgiveness are the basis for happiness. Ich nickte und fragte mich was George ihr über unsere Beziehung gesagt hat und vor allem über unsere Pläne?

Am Abend kommen wir bestens gelaunt zurück. Ich bin wohl schon leicht angetrunken dank der vorsorglichen Behandlung durch Auntie Ingrid. “Are you a little tiddly?” fragt mich George, der meinen Gesichtsausdruck zu lesen weiß. “No! I’m just full of love for the happy couple.” und zeige mit dem Finger, in der Luft rührend, auf uns beide. “Relax”, sagt er.

Schnell schlafen wir ein, bis ich um Punkt 1:00 Uhr erwache. Dreiviertel des Bettes hat George im Besitz, ich versuche wenigsten meinen Deckenanteil eisern zu verteidigen. Das Handy hat einen einzigen Pington von sich gegeben, genug um uns beide aus dem Tiefschlaf zu holen. George angelt nach dem phone, drückt eine Taste und kneift die Augen zusammen. Auf dem viel zu hellen Display ist eine Botschaft von Auntie Ingrid zu lesen: “Is Bridey OK?“. George schiebt das Telefon tief unter die Kissen, nimmt mich in die Arme und flüstert mir anerkennend ins Ohr: “You did it, Auntie loves you.”

Am nächsten Morgen holt uns erneut das Telefon aus dem Schlaf. Es dauert bis George es tief vergraben zwischen den Kissen findet. Cathrin, seine Partnerin, ist dran. Sie hat schlechte Nachrichten, einer der Ärzte hat sich beim Fußballspielen mit dem Junior den Knöchel angeknackst. Jetzt fällt er mindestens zwei Wochen aus und damit fehlt ein Pathologe. “What shall we do? Any idea?” Oh ja, die hat er. Bestens gelaunt springt er aus dem Bett und verkündet seine überraschende ‘Unabkömmlichkeit’. “Next weeks 24/7”, was soviel heißt wie Rufbereitschaft rund um die Uhr. Nach dem Frühstück rauscht er von dannen. Ich bleibe ganz alleine im großen, leeren, absolut stillen Haus zurück und denke mir: Was für ein Glück. Ende gut – alles gut.