Wood Green ist eine typischer Vorort im Norden von London. Keine reiche Leute Gegend. Man wohnt schmalen Reihenhäusern, Tür an Tür. Sobald man von der High Street abbiegt, wird es fast schon dörflich. Und das ist kein Wunder, denn all die vielen Stadtteile ausserhalb der City waren einmal eigenständige Dörfer. Stück für Stück wurden sie London einverleibt. Das passiert noch immer und eigentlich weiß keiner genau wo die Grenze verläuft. Die Stadt wächst, sowohl in die Höhe als auch Breite. In Wood Green hat George einige Bienenkörbe aufgestellt, da fahre ich manchmal mit und kenne die Gegend deshalb ein wenig. Ansonsten besuche ich Wood Green im Frühjahr, wenn im dortigen Alexandra Palace die Snooker WM stattfindet. Mehr wüßte ich eigenlich über diese Gegend nicht zu sagen. Und doch hat sie vor einigen Jahren Schlagzeilen gemacht. Damals tauchte nämlich ausgerechnet hier, in der etwas verschlafenen High Road, ein Wandgemälde von Banksy auf. Er hat es über Nacht an eine Hauswand gesprüht und wegen der brisanten gesellschaftspolitischen Aussage wurde es schnell weltweit bekannt.

 

Der Junge, der Union Jacks nähen muß, wurde im Londoner Wood Green an eine Hauswand gesprüht.

 

Übrigens war die Reaktion auf dieses Bild bezeichnend. Viele Passanten reagierten betroffen, weil sie verstanden, dass sie unmittelbar mit Kinderarbeit zu tun hatten. Zwar unbewusst und ungewollt, aber dennoch ursächlich. Andere sahen ausschließlich den monetären Wert des Bildes, -es war eindeutig ein Banksy-, und machten sich sofort an die Vermarktung. Banksy hatte wohl erreicht was er wollte, nämlich Aufmerksamtkeit.

In London gibt es viele Banksy Graffitis. Leider werden sie fast immer in kurzer Zeit übermalt oder auf andere Weise zerstört. Als das erste Werk in Hamburg auftauchte, fühlte man sich auserwählt und war stolz auf die Attraktion. Es war wohl das erste Banksy Bild in ganz Deutschland. Er hatte es 2002 in der Hamburg Neustadt (Steinstrasse) gesprüht. Die Stadtväter schützten es dann mit einer Scheibe, aber vor einigen Jahren wurde es dann doch stark beschädigt. Ein anderer war nachts gekommen und hatte es vernichtet. Warum ist der eine ein Künstler und der andere ein Vandale? Nun, ich unterscheide da ganz subjektiv. Wenn Hauswände mit Logos getagged werden, dann hat der Betrachter daran wenig Freude. Aber man kann auch eine Botschaft vermitteln und in England macht man das gerne mit eine Witz. Das gefällt mir schon sehr viel besser. Aber es ist immer eine Gradwanderung, deshalb wählte ich diesen Titel.

 

Der Junge sagt: “Oh, mein Wasserhahn wurde gerade angerufen.” Auf einem anderen Londoner Graffity stand nur ein Satz zu lesen: ‘Sorry! The lifestyle you ordered is currently out of stock.’

 

Wer ist eigentlich dieser Banksy? Zweifelsfrei ein begabter und auch klug denkender Künstler. Er scheut die Öffentlichkeit und scheint auch die Kunst-Vermarktung abzulehnen. Er ist wohl der einzige ‘Einbrecher’, der nichts wegnimmt sondern noch etwas dazustellt. So jedenfalls machte er es mit einigen großen Museen, wo er ungefragt einiger seiner Bilder an die Wand hängte. Er hat sie dort nicht hingesprüht, das würde er nie machen, denn er ist kein Zerstörer, nein, er hat die gerahmten Bilder ordentlich an einen freien Nagel gehängt. Auch die Aktion hat eine Menge Witz, wie ich finde.

Der Londoner Stadtteil Shoreditch ist bekannt für seine Straßenkünstler. Diese Wand fand ich in der Redchurch Street. Auch Banksy hat hier schon gesprüht. Oft sind die Werke auf die Jalousien der Shops gemalt worden und weil die morgens hochgezogen werden, sieht man man es dann nicht mehr.

 

Bis heute konnte Banksy unerkannt bleiben. Dabei nimmt er durchaus auch Auftragsarbeiten an, beispielsweise für CD Cover, und natürlich verkauft er auch seine Bilder. Und zwar für sechsstellige Summen. Von irgendwas muß er leben. Längst beschäftigt er auch einen Sprecher, der für ihn die Termine in der Öffentlichkeit wahrnimmt. Banksy ist ein Engländer, geboren in Bristol und dürfte heute Anfang vierzig sein. Er arbeitet viel in Londons Strassen, auch in seiner Heimatstadt Bristol, in New York und, wie schon erwähnt, in Hamburg. Manchmal tritt er in Robin Hood Manier auf und verkauft eigene Arbeiten auf Strassenmärkten. Dabei gibt er sich nicht zu erkennen. Wenn die Leute dann merken, dass sie einen ‘Banksy’ für 70-80 Euro erworben haben ist die Freude groß, denn der lässt sich leicht für 70-80 Tausend Euro verkaufen. Dem Künstler scheint das zu gefallen. 

Er benutzt für seine großflächigen Bilder vorgefertigte Schablonen. So ist es ihm möglich eine ganze Häuserwand in einer Nacht zu bearbeiten. Allerdings überlässt er nichts dem Zufall. Da steckt enorm viel Vorarbeit in den scheinbar spontanen Graffitis. Sowohl den Ort, als auch das Haus, sucht er sehr genau aus. Um so mehr wunderten sich deshalb die Brüder Jeremy und Jordan Godden, als ihr Haus ein zweites Mal von Banksy besprüht worden war. Oder besser gesagt eines ihrer Häuser, denn die Familie Godden besitzt etliche davon an der Südküste Englands. Sie sind Immobilien Millionäre. Banksy hatte sich die Wand eines leerstehenden Hauses in Dover vorgenommen und mit einer Europaflagge verziert. Das war kurz nach der Brexit Entscheidung. Den Ort Dover hatte er gewählt, weil dort viele der Gäste aus Europa ankommen. Das Bild war wirklich riesig und bestand mal wieder aus einer Kollage von Gemälde und Gegenständen. Hier war es eine Leiter, darauf ein Maler, der einen der Sterne in der EU-Flagge herausmeisselt. 

Die Haubesitzer Godden staunten nicht schlecht, denn sie hatten vor einiger Zeit einen Prozess gegen Banksy verloren. Da ging es um ein anderes Wandgraffity, dass sie für viel Geld verkaufen wollten. Banksy erhob Einspruch und zog vor Gericht (sein Anwalt erschien), wo schließlich die Goddens unterlagen, weil sie eigentlich nur Mieter und nicht Eigentümer des Gebäudes waren. Nun also schenkte ihnen der Künstler ein zweites Bild und dann auch noch ein so markantes! Die haben nicht schlecht gestaunt. “They laughed. A lot,” meint George. Ich bin mir da nicht so sicher. Denn Banksy macht kaum Fehler. Es würde mich nicht wundern, wenn da nicht doch noch ein tieferer Sinn hintersteckt. “May be”, erwidert George. “But sometimes the truth is stranger than fiction. Does Banksy want the wall to be sold? No. Does Banksy like the publicity? Yes. And he’s not stupid. He chooses the site of these works very carefully. He has quite a knack for garnering publicity.” Sagt der Forensiker und hat damit vielleicht Recht.

Als ich das Bild mir noch einmal ansehe, denke ich, das kann Banksy doch unmöglich in einer Nacht gemalt haben. Das ist doch viel zu groß und ausserdem bräuchte man Scheinwerfer, jede Menge blaue Farbe und wahrscheinlich sogar ein Gerüst. Zum Glück kann man auch im Archiv der Zeitung googeln und tatsächlich finde ich dort dann die Erklärung. Banksy hatte das Haus auch deshalb ausgesucht, weil es leerstand. Es sollte renoviert werden. Und so richtete er sich dort tagelang seine Baustelle ein. Die Nachbarn fanden nichts dabei, denn sie hatten von den bald beginnenden Bauarbeiten gehört. Wie man nun allerdings ein solches Bild bzw. die Wand heil abschlägt und transportieren kann, dass konnte ich partout nicht herausfinden. Warten wir mal ab, bis es dann soweit sein wird. Die TV Nachrichten werden es bestimmt zeigen. Und Banksy sitzt dann irgendwo in seinem Dachatelier, oder wohnt er in einer Villa (?), und reibt sich die Hände. Werbung machen indem man sich verweigert. Ein schlaues Prinzip, das sich vielleicht auch auf andere Lebensbereiche anwenden lässt?

 

Frei übersetzt: Was wir im Leben schaffen findet sein Echo in der Ewigkeit. – Auch ein Banksy Graffity in London. Leider wurde es schon kurz später von anderen übersprüht. Dann war es allerdings nur noch häßlich.