Manchmal hole ich George vom Labor ab und genieße dann die Autofahrt durch das abendliche London. So auch letzte Woche. “Kannst du am Tower vorbeifahren?” “Why?” “Ich möchte nachsehen, ob die Raben noch da sind.” Er grinst, hat den Witz verstanden. Ich spiele natürlich auf die Queen’s Speech vor zwei Wochen an, als die Königin vor den Lords in normaler Kleidung ihre Rede hielt. Statt Krone hatte sie nur einen Hut auf dem Kopf. Der Bruch einer Tradition, die bisher als betonfest galt. Wie aufs Stichwort fliegt vor unserem Auto ein Rabe in Richtung Tower. “You see they didn’t abandon London in shock.” 

 

Dunkle Wolken brauen sich über dem britischen Parlament zusammen. Nach Brexit und Mehrheitsverlust der Tories, kommt es jetzt knüppeldick.

 

Diese Woche dann Teil 2 der Revolte. Ein Abgeordneter steht ohne Krawatte im Parlament und stellt seine Frage. Und der ‘Master of Rules’, offiziell ‘Speaker’ genannt, lässt die Ungeheuerlichkeit zu. Da klappte ganz England der Kiefer runter, denn Parlamentsdebatten werden live im TV übertragen. Der MP (Member of Parliament) war der SNP Abgeordnete Angus B. MacNeil, der die Hitze nicht mehr aushalten konnte. In London herrschten ungewöhnlich hohe Temperaturen und die Klimaanlage des House of Parlaments ist  technisch in einem eher rudimentären Zustand. Es war so heiß, dass sogar beim königlichen Pferderennen in Ascot den männlichen Besuchern erlaubt wurde ihre Jackets auszuziehen. Das hat schon Gewicht und ich möchte wissen, ob sie ihre Zylinder trotzdem auf dem Kopf behielten?

 

Ich habe es geahnt, der Zylinder bleibt oben. Vermutlich auch im Bett. Party in Ascot.

 

Natürlich wurde John Bercow, der Speaker und Hausherr des Parlaments, zu seiner Entscheidung befragt. Er zeigte sich ganz aufgeklärt und sagte: “… what you say is not influenced by whether you wear a piece of silk around your neck. The world will continue to turn.” Und überhaupt ist der Dress-Code eine Empfehlung und keine Vorschrift. Die Kollegen waren baff, manche empfanden die Entscheidung als ‘shocking’ und fühlten sich bestätigt, dass die Welt nun bald untergehen wird. Besonders schön formulierte der Daily Telegraph seine Schlagzeile: ‘MPs hot under collar as they cut ties with tradition’. Das ist mal wieder perfekte Wortakrobatik, die den Engländern scheinbar mühelos gelingt. 

 

Vermutlich zum ersten Mal stellt ein Parlamentarier, übrigens ein Schotte, seine Fragen ohne eine Krawatte zu tragen. Geschehen im Sommer 2017, das wird man sich merken müssen.

 

Heute nun der Donnerschlag. Die Sache ist längst noch nicht ausgestanden. George erwartet nächste Woche die ersten Abgeordneten in ‘their running shorts’ zu sehen, aber es wird schlimmer kommen. Denn heute hat der ehrenwerte Lord Scriven, angekündigt, dass er nächste Woche ebenfalls ohne Krawatte im House of Lords auftreten wird. Seine Kollegen, die peers, konnte es nicht glauben und reagierten mit ‘grumbles and noises’. Wird er es wirklich wagen binderlos vor die Lordschaft zu treten, wo normalerweise Perücke und Pelz getragen werden? George ist zuversichtlich, denn immerhin hat man irgendwann auch Dreispitz und Schwert zuhause gelassen. Warten wir es mal ab. Ausserdem sind die Temperaturen inzwischen gesunken, vielleicht kühlen auch die Gemüter? – Ach ja, gleichzeitig wurde im Deutschen Parlament die Ehe neu definiert. Nach vierzigminüter Aussprache ging man zur Abstimmung. Nicht jeder ist mit dem Ergebnis glücklich. Aber ich hoffe es tröstet die Traditionalisten, wenn sie von den Problemen in England hören. Bei uns wurden ein paar ethische Grundwerte neu justiert, in England scheint gerade das Parlament aus den Fugen zu geraten.

 

Nachtrag:

Ich dachte es wäre ein Witz, aber George hat mir tatsächlich eine offizielle Kurzanleitung für Parlamentarier besorgt. Darin kann der britische Politik Neuling nachlesen, wie er sich im Parlament zu verhalten hat. Tatsächlich finde ich kein Wort zur Kleidung, erstaunlich. Anderes wurde geregelt. Man hat beispielsweise den ‘Chair’ anzusehen, wenn man seine Rede hält. Und natürlich hat man zu stehen. Sobald der Speaker dem Abgeorneten antwortet, muß der sich schnellstens wieder setzen. Überhaupt signalisiert man im britischen Parlament seine Rede- bzw. Fragebereitschaft, indem man sich hinstellt. Es ist ein ständiges Aufstehen und Hinsetzen im Gange, was sicherlich der Fitness dient. Niemals darf man den Kollegen mit ‘you’ ansprechen, das ist ausschließlich gegenüber dem ‘Chair’ erlaubt bzw. erwünscht. Für den Parteigegner wird die feste Formulierung “honourable member for …” gewählt. Handelt es sich um jemanden aus der eigenen Partei, sagt man “honourable friend for …”. Es gibt einige feine Varianten zu beachten, je nachdem ob der Angesprochene ein Offizier, Anwalt oder Sohn adliger Abstammung ist. Das ist ein Kapitel für sich, google Sie mal ‘Quick guide to participating in the Chamber and Westminster Hall’. Der Abgeordnete muß die Regeln im Schlaf beherrschen. Aber sonst ist der Engländer sehr liberal und pflegeleicht im Umgang 😉