june-21Mitten im Telefonat fragt mich George, was er zum Vatertag bekommt? Ich reagiere gar nicht, denn sicherlich habe ich ihn falsch verstanden. Aber er läßt nicht locker. Schließlich muß ich mich damit abfinden: Am 21. Juni wird in England Father’s Day gefeiert!

Okay, sage ich, welchen Vater wollen wir denn feiern? “Of course me! Children aren’t important. It’s enough to  be a real man.” Ich überlege kurz, ob ich ihn nun Daddy nennen soll, lasse aber den öden Witz und frage lieber ob er mich auf den Arm nehmen will. Und zwar so, wie ein UK-Eingeborener es formuliert: “You’re just pulling my leg?”  “No I wasn’t kidding!” Der meint es also wirklich ernst. Und so muß ich mich tatsächlich mit dem (blöden) englischen Vatertag beschäftigten.

Der findet seit gut hundert Jahren jeweils am dritten Sonntag im Juni statt. Kein staatlicher Feiertag (bank holiday) sondern ein erkämpfter Ego-Tag für Männer, eingeführt einige Jahre nachdem die Amerikaner den Muttertag erfunden hatten.

Von der deutschen Tradition hatte George zum Glück noch nichts gehört und ich werde den Teufel tun ihn auf neue Ideen zu bringen. Ein ganztägiger Ausflug mit seinen mates, mit einer Ladung Bier auf dem Bollerwagen, könnte ihm bestimmt auch gefallen. Zumindest würden es alle Kumpels sofort mal ausprobieren.

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Deutscher Vatertag. Der Engländer bleibt zu Hause und feiert am liebsten gleich im Bett.

Der englische Father’s Day ist schon im wesentlichen ein Familientag. Er wird also ausgiebig im Bett gefeiert, wo übrigens auch Weihnachten stattfindet. Deshalb haben die Engländer die Bescherung auch auf den Vormittag verlegt. Da kann man gleich im Pyjama bleiben und nach dem Zähneputzen wieder in’s Bett krabbeln. Aber ich greife vor. Zurück zum Father’s Day.

Wenn Kinder im Haus sind, stellen die sich die Frage: “Have I still got time to buy the old man a present?” Wenn das bis zum späten Samstagabend passiert, kann man es mit Yes beantworten. In London sind die Geschäft lange geöffnet. Die Wahl des Geschenkes ist eigentlich einfach und by the way, the same procedure as at Christmas. Es gibt eigentlich nur fünf Kategorien und in eine wird der Vater passen: sporty dads, boozy dads, spoilt dads, gadget-obsessed dads or stylish dads.

Sobald die Frage geklärt ist, schreitet man zur Tat und kauft ein. Die Geschenke sind übrigens dem deutschen Geschmack ganz ähnlich: ties, socks, underwear, sweaters, slippers … Dann noch eine handgeschriebene Karte beilegen und die Überraschung ist perfekt. Karten sind Pflicht. Zu jedem Anlass, von jedem an jeden. Man verschickt leicht einige hundert Glückwunschkarten im Jahr und weil das richtige Schreibarbeit bedeutet, sind die meisten Karten vorgedruckt. Man unterschreibt nur noch oder kritzelt ein Kürzel drunter. Das reicht völlig. Der Beschenkte kriegt sich vor Freude nicht wieder ein: How kind of you! What a surprise!”

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“There’s a 6 to 8 week wait for a Father’s Day card unless you pay a £ 55 priority fee”

Zurück zum Father’s Day: Sind keine Kinder im Haus, weil es keine gibt, oder die vielleicht selbst schon in Rente sind, dann wird wenigstens gut gegessen. Auch das ist ziemlich genau definiert, man muß sich also keine Menüfolge einfallen lassen. Bewährt hat sich das roast dinner with meat, stuffing, potatoes and vegetables. Also eigentlich das klassische Sonntagsessen, das zugegeben eine ganze Menge Arbeit macht. Alleine das Gemüse, im Plural geschrieben! Es werden immer 3-4 Sorten angeboten. Nicht das der Engländer das Grünzeug besonders gerne essen würde, das meiste wandert an den Tellerrand und von da in die Mülltonne, nein, er mag es gerne grün. Notfalls auch mit ein paar Karotten aufgelockert, aber auf jeden Fall Erbsen, Bohnen und Brokkoli. Das sieht frisch und lecker aus. Daran hat er seine Freude. 

Wer nicht stundenlang am Herd stehen will, -übrigens geht das nur am Original English Oven, der hat deutlich mehr Herdstellen-, wird Vater schnell von einem Besuch im Pub überzeugen können. Dort isst man gerade am Sonntag gut und gerne und nebenbei bestellt man sich ein Bier. Oder wie George sagen würde: let’s have dinner at the pub accompanied by pints of ale or lager.” Na dann man los, dann suchen wir mal die Gesellschaft von ale und lager

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“Since it bit you, this mosquito seems a lot older and more forgetful.”

Ich habe George gerne zugehört, als er mir so ausführlich über die Gebräuche von Father’s Day erzählte. Natürlich erwartet er kein Geschenk von mir, das war alles nur ein joke. Andererseits lässt es mir aber keine Ruhe, denn Sonntag wird er hier sein und eine Überraschung ist Pflicht. Es gibt noch eine Tradition am Father’s Day, die ich noch nicht erwähnt habe. Und das ist ein selbstgebackener Kuchen. Er sollte möglichst witzig und ausgefallen sein. Eine richtiges Stück Handarbeit. Also blätter ich in den Cookery and Baking Books, die ich mir natürlich längst angeschafft habe. Und da werde ich nicht nur fündig, sondern bekomme auch noch eine gute Idee gratis dazu. George spielt gerne Golf; in England ein Volkssport. Keineswegs elitär. Bisher habe ich mich verweigert mitzugehen, denn ich kenne seinen Ehrgeiz. Wahrscheinlich werden wir einen ganzen Tag über endlose Rasenflächen wandern, Mückenschwärme im Schlepptau, und (meine) Bälle im Gestrüpp suchen. I don’t fancy the idea – no opinion.

Aber wenn ich George damit überraschen und erfreuen kann, dann sieht die Sache anders aus. Dann stimmt die Aufwand/Gewinn Bilanz. Also werde ich heute abend Kuchen backen. Noch frage ich mich wie ich das Zucker-Gras grün bekomme, aber es wird mir hoffentlich etwas einfallen. Falls nicht, dann hilft es alles nichts, dann muß ich wohl doch noch den Brokkoli auftauen. Was tut man nicht alles um Daddy zu überraschen.

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Und dann bleibt noch die alte Streitfrage wie es denn nun eigentlich geschrieben wird: Is it Father’s Day or Fathers’ Day? It’s Father’s Day. Why? It just is. Trust me.