Mein erster Gedanke beim Aufwachen gilt dem Abend. Wir feiern heute Silvester, und zwar in London. Neben mir schlummert George; sein Traumkino läuft noch. Vor zwei Jahren haben wir uns kennengelernt, taggenau. Ein guter Anlass ihm etwas Nettes ins Ohr zu flüstern: “Unser zweites Jahr geht zu Ende. Ich hätte Lust ein drittes ranzuhängen. Was meinst du?” “That sounds good”, brummt er und fährt gleich fort: “I will not let you go but it would be much easier if you stay willingly”. Damit ist für ihn die Sache  erledigt, allerdings haben wir heute auch wichtigeres zu tun, als uns selbst zu feiern.

Heute beginnt für uns nicht nur ein neues Jahr in London, nein, wir werden auch ab morgen in einem neuen Haus wohnen. Adieu London, hallo Richmond! “Richmond lies within the borders of London”, betont George und angelt sich ein zweites Würstchen aus der Pfanne. Ich beschränke mich auf Toast und Kaffee, denn das ‘Full English Breakfast’ ist zwar lecker aber auch sättigend wie ein Mittagessen. Übrigens ist das genau so beabsichtigt. Das Frühstück muß lange vorhalten, denn der Engländer isst erst wieder abends warm. Ich bevorzuge aber die deutsche Tradition und koche mir schon mittags mein Dinner.

 

 

 
Richmond hat weitläufige, naturnahe Parks. Die sind für den reichen Wildbestand berühmt. Die Tiere haben sich längst an die Nähe der Menschen gewöhnt.

Noch immer beim Frühstück frage ich mich, ob das mit dem Umzug ein gute Idee ist. “But it’s too late now”, brummt George über die Zeitung hinweg und hat damit natürlich recht. Er ist sich ganz sicher, dass wir das Richtige tun und hat gute Argumente parat: “It’s a short route to the customers, Heathrow is only a stone’s throw away and we have a large garden. Mit ‘Kunden’ meint er gerade verstorbene Menschen, die er sich häufig vor Ort ansehen muß. Er ist einer der forensischen Pathologen, die in England sehr viel öfter zu Toten gerufen werden, als es in Deutschland üblich ist. Sein Einsatzgebiet ist groß und erstreckt sich weit in den Westen von London. Da freut es ihn, wenn er mitten in der Nacht von Richmond aus starten kann und nicht erst durch halb London fahren muß. “Ja, du hast ja recht, aber werden uns das West End, Father Thamse, der Hyde Park und Buckingham Palace nicht furchtbar fehlen?” “No, no, no!” George winkt ab: Einem Abend in London steht nichts entgegen, schließlich gibt es eine Tube Line namens ‘District’ die von Richmond nach Covent Garden eine gute halbe Stunde braucht, die Themse fließt an der neuen Adresse quasi vorbei und die Queen verbringt inzwischen mehr Zeit auf Schloß Windsor als in London und wohnt damit sozusagen in der Nachbarschaft. “Na prima, dann sollten wir sie mit Ehemann Philip zur Willkommensparty einladen.”

“Everything will turn out alright”, muntert er mich auf und dann wird es Zeit die letzten Teller einzupacken, denn in einer Stunde steht der Möbelwagen vor der Tür. Damit der Tanz in das neue Jahr nicht zu trostlos wird, hat George sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Eigentlich eine Überraschung für heute Abend, aber er verrät es mir jetzt schon: Wir werden das Feuerwerk, wie schon in den Vorjahren, an der Themse genießen, mit den Londonern auf 2017 anstossen und dann irgendwann in unser Hotel gehen, wo wir noch einmal über die festlich luminierte Stadt schauen können. Was für eine tolle Idee, darauf freue ich mich. Aber wo finde ich jetzt eine Reisetasche, die notwendigen Utensilien und ein bißchen Kleidung? “You don’t need a nightie.” Ja, das mag sein, aber ich würde mir gerne morgen frische Socken anziehen.

 

Das Feuerwerk auf der Themse. Man braucht Karten um es sich an der Themse anzusehen. Oder man bucht gleich ein Hotelzimmer mit Blick auf die die City.

 

 
Was wird morgen sein? Wie wird uns 2017 empfangen? Es kommt mir alles noch so weit entfernt vor.

Wird sich für uns in Richmond etwas ändern? Ich weiß es nicht und für George gilt dasselbe, auch wenn er es ums Verrecken nicht zugibt. Aber ich bin mir sicher, es wird genauso verrückt weitergehen wie bisher. Mit anderen Worten, typisch englisch. Das wäre schön, denn ich würde ganz gerne noch ein bißchen mehr über England und seine liebenswerten Bewohner erzählen. Für heute soll Schluß sein, denn ich denke auch Sie haben noch viel zu tun. We wish you a very good New Year!