Good grief! möchte man ausrufen, wenn man die Nachrichten von der Insel verfolgt. Eine Katastrophe jagt die nächste. Die Skandale überschlagen sich. Ich werde es verfolgen und ggfs. berichten. Sturm schüttelt manche Größe aus der Politik gewaltig durch. Zum Glück gilt das nicht für unsere persönliche deutsch-britische Welt. Da scheint die Sonne! George hat nichts zu tun (hurra) und ich fliege schon einen Tag früher nach London. So haben wir ein sehr langes Wochenende vor uns und beginnen es im Gartenlokal in Hampstead. Schnell sitzen/stehen wir im netten Kreis von Freunden und Bekannten aus der Nachbarschaft. Heute bin ich das Thema; jeder trägt seine Erkenntnis über Deutschland bei. Das kann spannend werden.

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Hier fühlen wir uns wohl. Im Sommer sitzt man draußen. Im Garden Gate in Hampstead.

Die Engländer haben ein besonderes Verhältnis zu Deutschland. Ich weiß gar nicht ob ich es als gut oder schlecht bezeichnen soll? Aber es ist ganz sicher sehr speziell. Wenn George zum Beispiel irgendwo erzählt, dass er am Wochenende nach Deutschland fliegt, dann kommt prompt die Frage WHY? Würde er nach Spanien, Indien oder Timbuktu fliegen, würde sich kein Mensch wundern. Aber ein Aufenthalt in Deutschland braucht eine Erklärung. I meet my sweetheart wird akzeptiert, würde er sagen I make holidays for some days würde er ungläubiges Staunen hervorrufen. Die nicht sehr reisefreudigen Engländer zieht es so gut wie gar nicht nach Deutschland. Und wenn, dann nur in den Schwarzwald oder im Herbst nach München zum Oktoberfest. Neuerdings traut sich der eine oder andere sogar nach Berlin, aber im Reisetrend liegt das alles nicht.

Cars, beer and football sind die Favouriten. Auf meine Nachfrage, was man an Germany schätzt bekomme ich diese Antworten. Um die Autos beneidet man uns; die Marken Porsche, BMW, Mercedes und Audi sind jedem Engländer bekannt. Sie fahren natürlich auch auf Londons Straßen, aber der Durchschnittsbürger gibt nicht viel Geld für sein Auto aus. Da steht der Ford Focus oder ein kleiner Renault vor der Tür. Was soll man auch mit den PS-starken Modellen, wenn das Tempolimit auf Autobahnen bei 110 Stundenkilometern liegt. 

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Dieser Wagen gehört George! Er nutzt ihn als Zweitwagen, wenn er mal wieder Holz aus dem Wald holt oder Bienenvölker transportiert. Heimlich liebt er Wagen mehr als alle anderen und er fährt viele Autos in London. – Ich dachte wochenlang ein Handwerker hätte die Karre bei uns stehen gelassen.

George, der als einziger in der Runde einige Erfahrungen auf deutschen Straßen sammeln konnte, fängt an zu schwärmen: “Germans are excellent and extremely diciplined drivers, also they are not the most patient in traffic.” Da stimme ich zu, die Engländer haben deutlich mehr Geduld. Selten hupt mich jemand an, wenn ich mal nicht so schnell vorankomme. “They are so good in driving because they have excellent streets.” Ja, da hat er wohl auch Recht. Ich schimpfe zwar gerne über die Schäden, die der Winter hinterlassen hat, aber wenn ich mir dann Größe und Tiefe der englischen potholes ansehe, dann finde ich die heimischen Schlaglöcher gar nicht mehr so schlimm. 

Ich order eine neue Runde Bier, das habe ich inzwischen gelernt! Für den Transport nutze ich eines der Tabletts, das gilt zwar als unsportlich, aber ich habe keinen Ehrgeiz herauszufinden, wie man acht gefüllte Gläser in zwei Händen durch die Menge jongliert. George spielt inzwischen Roulett mit seinen Kumpels. Die mates naschen abwechselnd crisps aus einer Tüte Dorito. Das sind scharf gewürzte Chips (engl.: crisp!). Einige sind mit nicht sichtbaren chilli-powder eingerieben, deshalb der originelle Name ‘Roulette’. Wer einen solchen erwischt, hat verloren. Während sich die Männern die unvermeidlichen Tränen abwischen, erzählen sie mir stolz: They are twenty time hotter than jalapeno. Ein Kenner aus Aberdeen wirft ein: A Scotch Bonnet pepper is much hotter. Ich denke mir, Hauptsache sie haben Spaß. Und wenn das fällige Sodbrennen mitten in der Nacht einsetzt, wird mich George hoffentlich schlafen lassen.

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Deutsches Bier ist dem Engländer ein Begriff. Leider ist das fast alles, was man über die Deutschen weiß.

Mit stolzen Blick zu mir, informiert George seine mates dann über die Tatsache, dass die deutschen Autofahrer technisch erstklassig geschult sind. Meine Mimik signalisiert ein Fragezeichen. Meint er das jetzt ironisch? “Before getting their license, they must attend driver training, include technical data. And on top first aid training.” Ein Raunen geht durch die Runde. Ich sonne mich in meinem neuen Ansehen. Wow, schrauben kann sie auch noch. 

Und dann kommt George zum Höhepunkt, was er jetzt berichtet, kann kaum einer in der Runde glauben: Germans have roadworthy vehikels because the law demands periodic technical inspection. Davon hat man noch nie gehört. TÜV für Autos, das klingt in englischen Ohren sehr exotisch.*)

*) In England gibt es die MOT Untersuchung. Sie findet alle drei Jahre statt, ist aber nicht sehr gründlich. Die Technik muß nicht up-to-date sein, sondern dem Stand des Herstellungsjahres entsprechen. Ein weites Feld für Diskussionen. 

In den Augen der Nachbarn steige ich in Sachen Autotechnik zum professional amateur auf. Das Bild des Deutschen hat sich gebessert. Vielleicht waren die leidenschaftlichen Berichte von George ausschlaggebend, vielleicht liegt es einfach an der vorangeschrittenen Zeit, aber man bescheinigt mir ein: No doubt, Germans are pioneers. They produce the tastiest beer, they manufacture the cooles cars, and they rock at football. 

Einige sind schon gegangen, andere sind hinzugekommen. Das ist wirklich sehr angenehm im englischen Home-Pub, man hat immer nette Leute um sich. Ich konnte dabei die zahlreichen Arten der Begrüßung studieren. Man weiß ja, dass das how do you do? nur mit einem how do you do? beantwortet wird. So lernt man es in der Schule. Die Praxis sieht anders aus. Ich sage meistens how d’you do? und ernte dann ein fröhliches y’alright then? Joe, der aus Yorkshire stammt erinnert mich an die Norddeutsche Sachlichkeit (moin, moin!). Er wirft bei der Begrüßung kurz den Kopf in den Nacken und stößt ein na ‘then! raus. Beatrice aus Aberdeen ist es gewohnt zur Begrüßung fit like? zu fragen und George beantwortet alle diese Willkommensgesten nach seinem dritten Bier mit roight?, was mir zeigt, das er sich wohlfühlt.

Es ist spät geworden, wir haben leidenschaftlich über typisch englisches und deutsches Verhalten diskutiert und haben wahrscheinlich ein Dutzend neue Vorurteile zementiert. Aber wir hatten alle Spaß und das alleine zählt. – Nachts wacht George diverse Male auf und angelt nach der Wasserflasche. Die Doritos brennen nach; er ist durstig wie ein Kamel nach einer Durchquerung der Wüste. Schließlich holt er sich eine Rennie und krabbelt wieder unter die Decke. “Any pain? Is your tummy not happy” frage ich ihn. “I’ve heartburn“. Da ist der Brite präzise, er weiß wo sich das Sodbrennen abspielt. Nicht etwa im Magen sondern in der food pipe und deshalb spricht er im Fall des Falles von heartburn. “Komm her, ich bin Profi in Herzensangelegenheiten”.

Am nächsten Morgen geht es ihm wieder gut. In der Zeitung findet sich ein langer Aufsatz über die Trinkgewohnheiten der Mittelschicht, also der gut situierten Bürger, denen man hemmungslosen Alkoholgenuß gar nicht zutraut. Mit Augenzwinkern halte ich George die Schlagzeile hin: Middle-class drinkers aged over 50 have earned the right to die of cirrhosis rather than boredom. Wir können also wählen, entweder sterben wir an einer Zirrhose oder wir gehen an Langeweile ein. “Langweilen wir uns?” “Not I because you’re always good for a surprise.” Dann aber meint George an der überspitzten Behauptung ist doch ein Körnchen Wahrheit. Der Engländer unterhält sich zwar gerne zwanglos, findet es aber schwierig den Moment zu finden, wenn eine Beziehung vertieft werden sollte. Oder wie George es sehr englisch formuliert: “Without gin and tonic, we’d end up making small talk for life. There would be couples celebrating their ruby weddings without yet knowing their spouses’ first names.” Na, so gesehen sind wir doch schon weit gekommen. Unser deutsch-britisches Projekt scheint prächtig zu funktionieren.

George schenkt sich Tee nach. Sein Magen hat sich beruhigt und er zieht seine Schlüsse aus dem feucht-fröhlichen Abend: “Lesson learnt – never again I try that Old Toejam.” Wer’s glaubt, wird selig. Oder für George: A likely story!