George scheint sich in Hamburg ziemlich wohl zu fühlen. Er muß endlich einen neuen Besitzer für das Haus seiner verstorbenen Schwester finden. Sie war mit einem Hamburger verheiratet und lebte seit den frühen 50-er Jahren hier in der Hansestadt. Die Ehe blieb kinderlos und nun ist das Haus verwaist.

George ist deshalb gut beschäftigt. Ich habe keine Lust ihn zu begleiten. Er kann mein Auto nutzen und kommt mit dem ungewohnten Rechtsverkehr scheinbar gut zurecht. Das automatisches Schaltgetriebe macht es ihm allerdings auch einfach und nach anfänglicher Skepsis liebt er es. In England sieht man nur ganz selten Autos mit automatischer Schaltung. Niemand ist bereit für sein Auto mehr als unbedingt nötig zu zahlen. Deshalb gibt es keine Extras. Autos sind generell kein Statussymbol.  

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Passiert am 16.03.2015: Ein Sonnenbad am Strand von Rio de Janeiro

Pünktlich kommt er von seiner ersten Fahrt wieder zurück; ich bin beeindruckt. Entweder hat er ein sehr gutes Orientierungsvermögen oder sein technisches Verständnis ist besser als gedacht. Hat er das Navi aktiviert?

Nachmittags ist es sonnig. Ich schlage vor den “Tee” irgendwo unterwegs zu trinken. Schnell fällt mir der ideale Platz ein: Die Terrasse des Uhlenhorster Hockey Clubs. Ideal! Jeder Engländer liebt es Kekse zu knabbern, während man sportlich ambitionierten Mitmenschen bei ihrem Treiben zusieht. Vor gefühlten dreißig Jahren (das dürfte auch faktisch stimmen!) war ich selbst im UHC aktiv; habe dort mit Begeisterung Tennis gespielt. Übrigens mit einem schottischen Trainer namens Graham. Vor- und Rückhand dürften noch sitzen. 

Ich fahre also die Wellingsbütteler Landstraße entlang und bin etwas verwirrt. Wo muß ich denn jetzt abbiegen? Während ich suche, wendet George ein, dass es von hier aus nicht geht. Ich muß erst die Alster queren und kann dann von der anderen Seite aufs Clubgelände einbiegen. Mit Mühe unterdrücke ich meinen Wunsch nach einer Vollbremsung, denn sein Hinweis ist völlig richtig!

A Service Of Commemoration - Afghanistan
Passiert am 16.03.2015: Queen Elizabeth II and Prince Philip hold hands as they leave St Paul’s Cathedral in London.

Ohne nun gleich inquisitorische Maßnahmen zu ergreifen, frage ich jetzt doch mal etwas genauer nach. Und da erzählt mir George, dass er fast jedes Jahr seine Schwester besucht hätte. Er kennt Hamburg, jedenfalls den Nord-Osten, ganz gut und kann vielleicht auch das eine oder andere Wort verstehen. Das aber nur weil er einige Jahre Deutsch in der Schule gelernt hat. Understatement, nennt man das. Immer schön den Ball flach halten.

Übrigens wird Deutsch an allen Schulen als erste oder zweite Fremdsprache angeboten. Die Schüler entscheiden sich immer noch mehrheitlich zunächst für Französisch und dann für Spanisch oder Deutsch. Sobald sie die Schule verlassen, vergessen sie die gelernten Sprachkenntnisse für immer. – Letztens habe ich eine Reportage über Sir Winston Churchill im TV gesehen. Er hatte in Paris eine längere Ansprache in Französisch fehlerfrei gehalten. Ich konnte es nicht fassen.

* * *

Abends formuliere ich an einer Einladung. Wir wollen ein paar Freunde zu uns  einladen. So eine halb-offizielle Sache und da ist es mir wichtig keine Fehler zu machen. Es soll nett und freundlich klingen, für alle angenehm sein, niemanden überrumpeln … Also nach einigen try and error Versuchen habe ich auf meinem Zettel notiert: “Es würde uns freuen, wenn es möglich wäre, dass wir uns am 29. März treffen könnten, oder falls das für Sie nicht möglich sein sollte oder Sie ein anderes Datum bevorzügen würden, das Ihnen besser passt, lassen Sie es uns bitte wissen. Wir könnten auch schon eher zusammenkommen oder aber uns andere Alternativen überlegen.” Das muß jetzt irgendwie ins Englische übersetzt werden und dabei soll George mir helfen.

Als ich ihn etwas später frage, ob wir das jetzt machen könnten, winkt er ab. Er hat die Einladung bereits per Mail verschickt. Ich setze mich an den PC, öffne das Mailprogramm und lese: “We want to meet on the 29th. Greetings, B + G.” 

fuchs
Passiert am 16.03.2015: Aus die Maus.

Plastischer lassen sich die Unterschiede zwischen deutscher und englischer Mentalität gar nicht darstellen. Wir sind immer um jedes Detail bemüht, können uns nicht zufrieden geben und fragen ängstlich, ob wir auch jede Eventualität bedacht haben. Ein sicheres Gefühl stellt sich erst ein, wenn alles schriftlich fixiert ist. Nur mit dieser Versicherung lässt sich das unberechenbare Leben aushalten.

Ganz anders der Engländer. Mit einer guten Portion Mut zur Lücke, lebt er offen und erwartungsfreudig in den Tag hinein. Und dadurch ist er meistens easy und relaxed und wirkt dadurch so herzerwärmend freundlich. 

Hast du nicht ein bißchen sehr frei übersetzt?” “Perhaps a teeny-weeny bit?” “Seufz“. Um mich bei Laune zu halten, fügt er aber noch schnell ein “I was just kidding” hinzu. Na gut, ein Spaß muß sein.

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Passiert am 15.03.2015: St. Patrick Day in London. Dafür gibt’s keinen Karneval.

George scheint die deutsche Bürokratie nicht zu schrecken, wahrscheinlich hat er keine Vorstellung davon, was ihn erwartet, falls er sich wirklich als Bauherr bestätigen will. Erste Gespräche mit Architekt und Steuerberater haben ihn auf ganz neue Ideen gebracht. Jetzt ist ein Treffen vereinbart und da verwirrt ihn die Ansprache. Er hat schon mitbekommen, das in Deutschland nur gute Freunde, Verwandte, Gott und Haustiere geduzt werden.

Er weiß inzwischen auch, das Leute, die sich einen Doktortitel erarbeitet haben, gerne damit angesprochen werden. (In England bezeichnet man ausschließlich Mediziner als doctor, aber man tituliert sie damit nicht. Der Patient sagt zu seinem Arzt “Mr. Nachname”. Alle anderen werden beim Vornamen genannt.)

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Passiert am 16.03.2015: Frühling im St. James Park, London

Aber gibt es weitere Regeln?” Ich sage: “Nein, anybody else adress with the formal ‘Sie’. And use the surname.”  Und dann füge ich noch hinzu: “Unless you end up in bed together. Then it sounds a little bit awkward.” Und ernte einen bitterbösen Blick.

Etwas ernsthafter frage ich dann, ob er es wirklich mit der “Bureaucracy” aufnehmen will. Ich erkläre ihm, dass auch wir diese hassen, aber irgendwie ohne sie auch nicht leben können. “Perhaps the reason is, that Germans have a desire for order?” Und darauf antwortet George doch tatsächlich mit: “Alles in Ordnung!”

Ich bin gespannt wie lange ihn seine Euphorie tragen wird. Mir soll es recht sein, ich drücke ihm die Daumen und natürlich gilt auch fortan:

Baby, you can drive my car
Yes, I’m gonna be a star
Baby, you can drive my car
And maybe I’ll love you
Beep-beep mm beep-beep, yeah

Writer(s): Paul McCartney, John Lennon