oktober-festWir Norddeutschen schätzen zwar ein kühles Bier aber kein lautes Oktoberfest. Mein Ziel ist sowieso London und da fällt mir noch im Terminal ein Werbeposter ins Auge. Ach du meine Güte, jetzt sind die Bayern auch schon hier angekommen. Drei Tage lang wird im Tobacco Dock, das liegt in East London, gefeiert. Authentic Oompah bands blasen zu Sauerkraut und Weißwurscht. Eintritt £10, für stolze £60 kann man soviel Bier trinken wie reinpaßt. Hopfen Flatrate. 

Mit dem Wetter hat der Veranstalter Glück, leider unterschätzt er völlig den Durst der Londoner. Sie kommen in Scharen und schon nach wenigen Stunden muß die ganze Show beendet werden. Zu viele Leute, zu wenig Platz. 

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Tobacco Square in den alten Docks von London. Heute Event-Location.

Mit der Underground fahre ich quer durch London. Als ich in Hampstead angekommen ist das Haus leer. George hatte Langeweile und ist im ‘Schrebergarten’. “I’m looking for the girls – cola – jk” hat er hinterlassen und das soll wohl heißen, dass er nach den Bienen sieht – später kommt – und eigentlich nur einen Scherz macht. Ich nutze die Gelegenheit und gehe erst mal einkaufen. 

Vielleicht hat mir die Vorfreude aufs Wiedersehen mehr Adrenalin ins Blut gespült, auf jeden Fall juckt mir das Fell und ich steuere mit meinen paar Einkäufen den self-service-checkout an. Nach meiner ersten Erfahrung habe ich den gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Aber wider Erwarten klappt das Selbstkassieren problemlos, bis ich den Laden verlasse und prompt eine Sirene losheult. Super, ich habe wohl irgendetwas falsch gescannt, bin jetzt eine Ladendiebin und habe noch nicht einmal einen Ausweis dabei. George lässt sein Handy im Auto, wenn er bei den Bienenstöcken ist, und wahrscheinlich sind sogar meine Fingerabdrücke bei der Polizei bekannt, denn um Verwechslungen vorzubeugen, hat er sie vorsorglich mal eingescannt. “You touch everything” war seine ganze Erklärung.

mattIch bin auf alles gefasst, doch dann löst sich die ganze Angelegenheit in Luft auf. Ein Alarm-Knopf an der Plastiktüte hat angeschlagen. Ich gucke den Mitarbeiter von Tesco mit großen Augen an. Dann erklärt er mir, dass Tüten seit letzter Woche Geld kosten. Um die Umwelt zu schonen sollen die Käufer zum sparsamen Gebrauch erzogen werden. Das findet sofort meine Zustimmung, aber muß man für 10p, soviel kostet die Tüte seit dem 5. Okt., wirklich einen Security Tag installieren? Das Abmachen bzw. die Untersuchung, die wir hier gerade veranstalten, kostet bestimmt ein Vielfaches an Arbeitszeit. Man stimmt mir schulterzuckend zu.

Als ich wieder zuhause ankomme ist George auch schon da. Er will mit mir nach East-Finchley fahren. Ein netter Stadtteil in Londons Norden. George würde gerne dorthinziehen. Weil es stadtauswärts geht, setzte ich mich ans Steuer. Der Linksverkehr macht mich längst nicht mehr nervös. Viel schlimmer ist die Parkplatzsuche. Nur wo keine gelbe Linien den Straßenrand zieren, darf geparkt werden. Schnell hat man eine Kralle am Rad. Wenn es heißt: “In this space will be clamped” darf man die Warnung ernst nehmen.

Der kleinste Parkplatz Englands? Hier, zwischen den Linien dürfen sie parken.

Den Anfangs von mir so gefürchteten Kreisverkehren, sehe ich inzwischen ganz entspannt entgegen. Viele sind so groß, dass man es eigentlich gar nicht bemerkt. Man glaubt in einer seeeeehr langen Kurve zu fahren. Zwar gibt es vorher immer ein großes Hinweisschild mit allen Ausfahrten, aber das übersehe ich gerne. Ich habe längst meine eigene Taktik. Ich fahre hinein und wechsel dann erst einmal auf eine der inneren Spuren. Da kann ich dann ungestört meine Runden drehen. 

  • Erste Runde: Mal sehen wieviele Ausfahrten es gibt. 
  • Zweite Runde: Mal sehen wohin die Ausfahrten führen.
  • Dritte Runde: Wann muß ich auf den Abzweiger zu meiner Ausfahrt wechseln?
  • Vierte Runde: Beherzter Spurwechsel nach außen und ABFAHRT!

Man kann solange im Kreis drehen wie es Spaß macht. Also bloß keinen falschen Druck zulassen, ganz entspannt kreisen. Nähern wir uns allerdings einem Magic Roundabout, wie in Hemel Hempstead, dann lasse ich George ans Steuer. Diese Riesenkreisel mit innenliegenden, separaten Kreiseln an jeder Ausfahrt sind die Hölle. 

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Der Magic-Roundabout in Swindon. Fünf Kreisel innerhalb des Großen.

Auf der Hinfahrt machen wir einen Schwenk durch die City. Dort fährt es sich eigentlich ganz entspannt, also bleibe ich im driver-seat. Während der Woche soll die Durchschnittsgeschwindigkeit inzwischen bei 18km/h liegen! Kein Wunder, dass der Londoner alles zu Fuß macht, was er in 30 Minuten erreichen kann. Kostenfreie Parkplätze gibt es keine. Null. Der Verkehr fließt zäh durch die oft viel zu engen Straßen. Eine Armada von Bussen scheint permanent auf den Strassen unterwegs zu sein. Die dicken Dinger quetschen sich irgendwie durch jeden Engpass. Ich sage mir immer, wenn der da durchpasst, dann reicht es auch für mich.

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Mitten in London ist es oft eng. Hier wird gebaut. Den Doppeldecker schreckt es nicht; dann reicht der Platz auch für mich.

Wir kommen in East-Finchley an. Eine gutbürgerliche, freundliche Gegend. Viel Grün, typische Reihenhaus-Bebauung, ruhig und familiär. Man lebt ziemlich eng beieinander, hat Kontakt zum Nachbarn und kennt jeden in der Straße. Genau das fehlt George im vornehmen Hampstead. Er lebt in einer Straße mit Einzelhäuser, die sich hinter hohen Hecken, in großen Gärten verstecken. Solange er wie alle anderen morgens ins Büro fuhr und nicht vor 20:00 Uhr nach Hause kam, hat es ihn nicht gestört. Aber jetzt verbringt er die meiste Zeit zu Hause und fühlt sich alleine. Der Engländer ist es gewohnt mit vielen Leuten auf engen Raum zu leben; sei es in der Familie oder Nachbarschaft. Man sucht Kontakt, hält gerne ein Schwätzchen über den Gartenzaun oder trifft sich im Pub. Kinder und Hunde sind stets willkommen.

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Typische englische Reihenhäuser. Die beiden am Ende stehen zum Kauf.

Wir hatten uns schon einmal mit dem Makler hier getroffen. Aber zu meiner großen Überraschung erklärt mir George, dass er es nicht kaufen wird. Das Haus entspricht zwar englischen Ansprüchen, er weiß aber längst den deutschen Baukomfort zu schätzen: Doppelfenster, isoliertes Dach, Mischbatterien in Bad und Küche, Zentralheizung. All das fehlt und muß eingebaut werden. Das wird teuer.

Nach langer Überlegung hat sich George entschieden sein soziales Netzwerk erstmal woanders zu knüpfen. In seinem kleinen Haus in Hamburg hat er alles was er braucht. Umzingelt von rüstigen Herren im Vorruhestand lebt er dort das Leben das ihm gefällt. Zwar wurde auch hier erst einmal ein Holzzaun rund um das kleine Grundstück errichtet, aber kaum war das letzte Paneel eingehängt, holte er auch schon die Säge und schnitt große Löcher in zwei der langen Seiten. Ich dachte ich gucke nicht richtig und fragte etwas ungehalten was das denn soll? Erst abgrenzen, dann Löcher schneiden? Seine Erklärung hat mich ziemlich verblüfft. Die Löcher sind für die Igel, damit sie ungestört nachts durch die Gegend wandern könne. Das macht in England jeder. Danke, wieder dazugelernt.

Ich guckte mir noch einmal die frisch gesägten Igel-Löcher an und frage mich, ob englische Igel vielleicht so groß wie Hunde werden, war mir dann aber schnell sicher, dass das nicht der Fall ist. “Is it only a coincidance that cats and even dogs will fit perfectly?” Statt einer Antwort bekam ich ein breites Grinsen.

Das heißt dann wohl, dass ich in nächster Zeit nicht nach London fliegen muß. Mir ist es Recht, ich fühle mich überall wohl, wo mein Engländer ist. Also wenn Sie längere Zeit nichts von mir hören, machen Sie sich keine Sorgen. Uns geht es gut. Geniessen Sie den Herbst, es gibt täglich Schönes zu entdecken.

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Das Foto wurde von Robert Peel in diesen Tagen in Wiltshire aufgenommen. Es lockt uns wieder aufs Land zu fahren. Schön, wenn man die Zeit hat.